Frittenbude: Spaßfaktor & Politik

IMG_20150813_113408Kinder der Remix-Kultur

Mit einem saftigen „Servus“ auf den Lippen kommen Johannes Rögner, Jakob Häglsperger und Martin Steer in einem Hamburger Club an und erzählen von ihrer Band Frittenbude, die es in knapp zehn Jahren aus ihrem niederbayerischen Dorf über den Umweg nach Berlin auf den Olymp des deutschen HipHop gebracht hat. Ihr viertes Album Küken des Orion mag dabei den spaßorientierten Charakter ihrer ersten Jahre wiederspiegeln; tatsächlich klingen die Freunde mit Antifa-Wurzeln noch politischer als sonst, seriöser, sachlicher. Natürlich ohne die Freude am Klamauk ganz zu verlieren. Zusammengehalten von Johannes markant genöltem Sprechgesang.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Wenn man sich die Vorschusslorbeeren auf euer neues Album so anhört, klingt es so, als wenn ihr jetzt erst von der Spaßkapelle zur politischen Band geworden seid…

Johannes: Das ist Quatsch. Wir sind noch genauso politisch wie eh und je, bei gleichbleibendem Spaßfaktor.

Jakob: Obwohl wir früher etwas clublastiger waren. Daher kamen auch die ständigen Deichkind-Vergleiche, weshalb von uns erwartet wurde, wir würden ständig deren Show abziehen. Da waren viele dann verblüfft, wenn das nicht der Fall war.

Martin: Wir sind einfach nicht mehr so ravig und bunt wie zu Beginn, das trägt natürlich zum Eindruck bei, wir könnten politischer, also ernster geworden sein. Aber diese Entwicklung fühlt sich schon deshalb richtig an, weil sie sein musste, um nicht stehenzubleiben.

Johannes: Früher waren unsere Texte halt ein wenig plakativer. Von daher hätte ich eher gedacht, die Leute halten uns für unpolitischer, weil unsere Messages nicht mehr so klar beschrieben werden, sondern zwischen den Zeilen stehen.

Heißt das, ihr traut eurem Publikum jetzt mehr zu?

Johannes: Nein, das war einfach unsere Entscheidung, die sich schon auf unserem vorigen Album angekündigt hat.

Martin: Ich hab schon das Gefühl, unsere Fans kommen nach all den Jahren besser damit zurecht, wenn die Aussagen eher im Detail und weniger in der Parole stecken. Die Leute sezieren Johannes‘ Texte ja förmlich. Und da gibt er ihnen auf dem neuen Album gut zu tun.

Macht euch das schon zu einer politischen Band oder nur zu einer mit sozialkritischer Komponente?

Johannes: Wir sind womöglich schon eine politische Band, aber keine, die Musik macht, um explizit politische Inhalte zu transportieren. Als politische Menschen ist Politik mehr als nur ein Randaspekt unseres Lebens, aber unsere Musik war noch nie darauf reduziert. Gerade auf Konzerten sollen die Leute eine gute Zeit, Spaß haben, auch wenn es schön ist, falls selbst da auch inhaltlich was hängenbleibt.

Jakob: Auf Konzerten soll man ja auch mal loslassen. Deshalb gibt es ruhigere Songs, die uns sehr wichtig sind, die wir aber nicht live spielen, weil wir da mehr Gas geben wollen.

Martin: Auf Alben haben wir definitiv mehr Raum für Diskurse, auf Konzerten wollen die Leute auch mal durchdrehen. Trotzdem suchen wir auch auf der Tour den Mix mit nachdenklicheren Stücken. Die wirken ja auch auf der Bühne.

Glaubt ihr denn, in der oberflächlichen, affektiven Popkultur mit ihrer I-Love-You-Schubidu-Lyrik werden Texte überhaupt in dem Maße wahrgenommen, wie es anspruchsvolle Bands gern hätten?

Johannes: Gerade ein Text, der einfach gemacht ist und seine Message mit wenigen Worten auf den Punkt bringt, schafft es oft besser, die Menschen zu erreichen. Vereinfachung liegt in der Natur des Menschen.

Jakob: Obwohl es schon manchmal nervt, wie immer mehr Ecken und Kanten abgeschliffen werden. Die breite Masse konsumiert Musik halt ganz anders als Nerds wie wir. Die wollen wie im Radio berieselt werden und gehen nicht auf Inhalte ein.

Martin: Die Popkultur wird da in der Tat immer schlimmer. Aber so ist das halt mal, wir hören uns das, was extrem vereinfacht ist, eben einfach nicht an. So lange es noch Abnehmer für Gedanken und Erklärungen gibt, ist doch alles gut.

Johannes: Wir müssen das Spiel ja nicht mitmachen und sollten uns auch nicht dauernd über all jene aufregen, die es möglichst anspruchslos wollen. All die grenzt unsere Musik ja ohnehin per se aus.

Jakob: Natürlich soll jeder mit seiner Musik glücklich werden, aber während man Bilder durch Wegsehen einfach ausblenden kann, ist es dummerweise viel schwerer, wegzuhören. Das nervt schon oft.

Martin: Das ist für mich umso mehr Antrieb, einen eigenen Sound mit einer bemerkenswerten Botschaft zu erzeugen.

Nachdem Protestsongs in den hedonistischen Neunzigern kaum noch vorkamen, erleben sie trotz aller popkulturellen Abflachung seit 9/11 und der anschließenden Dauerkrise angeblich wieder eine Renaissance. Spürt ihr davon was?

Jakob: Da ist Musik durchaus ein Spiegel der Gesellschaft. Zumindest in unserem Umfeld interessieren sich die Leute wieder mehr für Politik.

Martin: Da spielt das Internet eine große Rolle; während man früher für Nachrichten auf einige wenige Kanäle zurückgreifen musste, kann man ihnen heute kaum noch entgehen, sofern man online ist. Das sorgt auch in der Musik für größere Aufmerksamkeit bewusster Inhalte.

Hättet ihr in der Zeit vor dieser Repolitisierung genauso funktioniert wie jetzt?

Johannes: Das ist sehr hypothetisch, aber ich glaube, vor 15 Jahren wäre Frittenbude harte Nischenmusik gewesen. Damals hat deutscher HipHop ja grade mal so viel an Qualität zugelegt, dass er breiter wahrgenommen wurde. Ende der Neunziger klang er vielfach noch wie heutzutage Rap für Kinder.

Nichts gegen Deine Freunde…

Johannes: Auf gar keinem Fall! Deine Mudder, ein Riesenhit… Aber das Potenzial für sozialkritischen HipHop war damals ähnlich gering wie vor kurzem für HipHop mit Techno. Das hat sich jetzt gewandelt. Guck dir Flo Rida an, der schießt in allen Charts nach oben.

Jakob: Früher hat man HipHop oder Techno gehört, so wie Punk und Metal nicht gemeinsam gingen. Dieses Nischendenken hat sich gottlob in den vergangenen Jahren aufgelöst.

Johannes: Gerade jüngere Leute stellen sich nicht mehr so wie ältere über Musik dar; die haben Playlists mit Tausenden Tracks aus allen Sparten und hören sie ganz unvoreingenommen. Ich finde es gut, dass die Grenzen da nun offener sind, Metalheads auch Pop hören dürfen und umgekehrt, solange es sie berührt.

Martin: Deshalb leben wir popkulturell auch in der interessantesten Zeit, weil die Strukturen nicht mehr so starr sind. Das hilft auch unserer Musik dabei, gehört zu werden. Wir haben ja selber noch erlebt, wie es umgekehrt läuft. In unserem Dorf mit 6000 Seelen haben die meisten den Kopf geschüttelt, was wir so im Proberaum veranstalten.

Jakob: Bei mir waren’s sogar nur 300 Seelen. Aber genau in der Zeit, als wir musikalisch groß geworden sind, sind die Grenzen immer durchlässiger geworden. Wir sind Kinder der Remix-Kultur, selbst in Bayern.

Hat euch der Umzug nach Berlin da erwachsener gemacht?

Johannes: Es hat zumindest viel verändert. Wir waren vorher zwar in München, aber auch da hat alles seine klare Ordnung, während Berlin einfach chaotischer ist. Gestern haben die Leute bei mir in der Straße überall Stühle und Tische vor die Türen gestellt; das ist in München völlig undenkbar. Aber der große Rahmen ist immer noch der Gleiche, wir haben unsere fröhlichen und traurigen Tage.

Jakob: Die Produktionsbedingungen haben sich halt verändert. Früher saß ich oft nachts um drei bekifft zuhause vorm Drumcomputer und hab Acidbeats gebastelt. Jetzt kann ich mir ein schönes Studio mit dem Equipment leisten, das ich mir wünsche. Man hat einfach mehr Möglichkeiten, aber das liegt nicht nur am Standort, sondern auch am Erfolg.

Martin: In Berlin kann man sich viel mehr Input und Inspiration für seine Kunst holen. Da gibt es experimentelle Konzerte, von denen man in München nur träumen kann.

Mit welchen Konsequenzen für eure Musik?

Johannes: Vor allem Veränderung. Neue Dinge kommen hinzu, von denen wir vorher nichts wussten, alte Elemente fallen weg, weil sie sich überlebt haben für uns.

Jakob: Wir waren ja schon immer offen für andere Musikstile, die dann in unsere Alben eingeflossen sind. Aber auf dem neuen haben wir die Visionen, wie Frittenbuden-Songs zu klingen haben, besonders auf den Punkt gebracht.

Martin: Uns ist schon klar, dass wir mit der neuen Platte nix revolutionieren, aber es sind noch mehr Facetten unseres Sounds hinzugekommen, die uns ausmachen.

Jakob: Eine Art Essenz.

Die da wäre?

Jakob: Das ist nach wie vor besonders Johannes‘ Gesang, aber mit mehr Gitarren darüber und Indie-, fast Discobeats und Synthies gemischt.

Martin: Ich hoffe, dieses musikalische Zusammenspiel wird sich noch weiterentwickeln. Aber ohne die Stimme wäre das alles nix, die hält den Laden zusammen.

Der Text ist vorab auf www.musikblog.eu erschienen

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