Gomorrha: Serienfiktion & Wirklichkeit

051628-001-A_gomorrha1_01-1442458150342Sterben auf Abruf

 

Als Gomorrha (donnerstags, 21 Uhr, Arte) auf Grundlage von Roberto Savionos Bestseller entstand, hat die Serie kriminell befreite Zonen wie Neapel perfekt bebildert (Foto: Emanuela Scarpa/ZDF). Dass die Gewalt auf den Straßen zurzeit brutaler ist als auf dem Bildschirm, erschüttert sogar den berühmten Autor im Untergrund, wie er vom Untergrund aus im exklusiven freitagsmedien-Interview betonte – tut der Qualität aber keinen Abbruch.

Von Jan Freitag

Wer erfolgreich Fernsehen machen will, hält sich gern an Spielregeln, die Gesetzeskraft entfalten. Anschlussfähige Protagonisten dürfen auf ihrem holprigen Weg zum Happyend allenfalls kurz mal die Seite des Guten verlassen, wo sie auf Antagonisten treffen, denen das Antagonistische schon optisch aus allen Poren dringt. Was Drama, Action, Gefühl, Humor betrifft, sollte Fiktion der Realität aber auch sonst ein Stück weit vorauseilen, sofern sie auf Topquoten zielt. Am Bildschirm, lautet das Prinzip, ist nicht weniger, sondern mehr mehr. Weil viel eben doch viel hilft, hat Liebe also ein wenig leidenschaftlicher zu sein als im wahren Leben. Hass rasender. Spaß lustiger. Gewalt blutiger. Alles irgendwie intensiver. So gesehen begeht Gomorrha einen Fernsehgesetzesbruch.

Zum Glück. Die italienische Mafia-Serie mag nämlich so krass sein, so schonungslos roh, fast barbarisch, dass die Brutalität oft unerträglich ist. Dummerweise jedoch zeigt sich Neapels Wirklichkeit jenseits der Filmstudios zurzeit noch viel viel schlimmer. Und das will einiges heißen: Die Geschichte des Camorra-Killers Ciro, der seinem Clan-Chef Don Pietro mit allen Mitteln die Vorherrschaft im neapolitanischen Bandenkrieg zu sichern versucht, ist von geradezu diabolischer Abgründigkeit. Sie zeigt sich schon in der ersten Szene. Während Ciro den Kanister eines geplanten Brandanschlags gegen die verfeindeten Contes mit Benzin füllt, diskutiert er in aller Seelenruhe die Facebook-Aktivitäten der pubertierenden Kinder seines väterlichen Komplizen Attilio (Antonio Milo), der ein paar Autominuten später jenes Feuer entfacht, das seine Opfer am Esstisch überrascht, wo Mama Conte ihrem Sohn grad das Rauchen verbietet und dem Herrgott sodann für die hausgemachte Pasta dankt.

So dialektisch geht es alle zwölf Teile zu, die Arte ab heute in Doppelfolgen zeigt: Je entfesselter die geschätzt 50 Familienbanden der Mafiametropole im Kampf um Ehre, Macht und Drogen Auge um Auge, Zahn um Zahn verrechnen, desto absurder erscheint die bürgerliche Normalität, in der das große Schlachten vonstatten geht. Wobei diese Kontrastprogramm beileibe kein neues Phänomen ist: Die Dualität zwischen Gott und Teufel, Alltag und Verbrechen, Ordnung und Exzess prägte schon die Sopranos oder Breaking Bad – beide bereits zu Drehzeiten Legenden horizontal erzählten Fernsehens, die das Medium nachhaltig auf Kinoniveau gehoben und nebenbei den Typus des Schwerstkriminellen heldentauglich gemacht haben.

Zum Sympathieträger taugt auch Ciro, dank seiner erstaunlichen Überlebensfähigkeit „Der Unsterbliche“ genannt. Marco D’Amore spielt ihn ja nicht bloß als skrupellosen Handlanger des selbstherrlichen Don Pietro (Fortunato Cerlino), sondern als mitfühlenden Skeptiker mit Dackelblick und Familie, der den Verbrecher in sich immer wieder dekonstruiert. So ähnlich funktionieren auch die organisiert kriminellen TV-Kollegen Tony Soprano und Walther White – mit einem Unterschied: Trotz aller Authentizität sind es reine Kunstfiguren. In „Gomorrha“ hingegen wirkt alles echt.

Autor ist schließlich Roberto Saviano, der für den gleichnamigen Weltbestseller über die Mafia-Strukturen seiner Heimatstadt vor neun Jahren abtauchen musste und seither unter Polizeischutz im Verborgenen lebt. Nach Matteo Garrones Spielfilmversion des Dokumentarstoffes von 2008, verantwortet der 36-Jährige nun also auch die Serie und glaubt, das „kompromisslos realistische“ Ergebnis könnte „sowohl inhaltlich als auch dramaturgisch mit den besten Serien weltweit mithalten“. Und in der Tat: Anders als mehr oder minder realistische Fiktionen von Coppolas Pate bis zum 80er-Epos Allein gegen die Mafia kommt die erbarmungslose Wucht archaischer Stammesriten hier ohne publikumswirksame Romantik aus. Das Leben der Camorristi ist selten glamourös, sondern im besten Falle tragisch. Und ihre Stadt? Ein Höllenloch!

Das gesetzlose Neapel von Regisseur Stefano Selima, ein Slum ohne Wellblechhütten, ertrinkt selbst dort, wo das Gangstergeld sitzt, in Dreck, Verfall und Apathie. Die Plattenbauten gleichen Favelas. Drogen werden durch Einschusslöcher vertickt. Statt Schule trainieren Kinder Clangebräuche. Und wo es mal ein wenig glänzt, ist es der protzige Bling Bling stilunsicherer Mobster, die glauben, wenn ihr Plasmaschirm im barocken Blattgoldrahmen läuft, sei Monte Carlo näher als die Müllkippe vor der Tür. Selbst genreübliche Sexszenen, die ähnlich gestrickte Thriller sonst um ein wenig körperliche Wärme ergänzen, fehlen hier fast vollends. Das Leben im Sündenpfuhl ist ein Sterben auf Abruf.

Umso furchtbarer, dass die Serie dennoch auf einer Eskalationsstufe verharrt, die von der Gegenwart längst wieder überholt wurde. Nachdem sich die Lage in Neapel – auch infolge der weltweiten Beachtung des Buches – durch zahllose Verhaftungen alter Clanbosse entspannt hatte, wird die Stadt seit kurzem von einer beispiellosen Gewaltwelle blutjunger „Babygangs“ erschüttert, deren Brutalität jenseits aller Ehrencodizes selbst Insider überrascht. Erschrocken befürchtet Saviano einen „Camorra-Krieg“, der „nicht mehr allein den tradierten Mechanismen folgt, sondern einer Strategie des Terrors“. So detailliert Gomorrha das Dilemma einer kriminell befreiten Zone, deren Abstieg unablässig den Boden weiterer Rechtlosigkeit nährt, auch skizziert: Die Realität hat ihre Fiktionalisierung also längst überholt. Der Relevanz dieser herausragenden Serie allerdings tut das trotz dieser Differenz keinen Abbruch und ihrer Unterhaltsamkeit trotz miserabler Synchronisation schon gar nicht. Viel besser war europäisches Festlandfernsehen selten. Und deutsches noch nie.

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