Rudi Cerne: Christian Klar und XY ungelöst

CerneZwischen Sport und Mord

Aktenzeichen XY … ungelöst ist der Dauerbrenner des ZDF. Gestern feierte Eduard Zimmermanns Sendung die 500. Ausgabe seit 1967. Ein Interview mit seinem Nachfolger Rudi Cerne (Foto: ZDF) über Denunziationsfernsehen, Cold Cases und wie er selbst mal falsch verdächtigt wurde, das aber völlig okay fand.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Rudi Cerne, Sie kennen das Zitat „Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant“?

Rudi Cerne: Ja, ich weiß aber nicht, von wem es ist.

Angeblich Hoffmann von Fallersleben, immerhin Texter der deutschen Nationalhymne. Wer anderen etwas Böses will, schwingt da mit, braucht sie also bloß zu diskreditieren. Fühlen Sie sich und Ihre Sendung da angesprochen?

Nein, ganz und gar nicht. Die Ermittler gehen Hinweisen bei XY äußerst behutsam nach. Wenn eine Person mit einem Fall in Verbindung gebracht wird, wird sehr genau überprüft. Erst dann, also bei begründetem Verdacht gehen die Ermittlungen los.

Wie viele Hinweise kriegt Ihre Sendung denn nach 500 Folgen in fast 50 Jahren so pro Fall?

Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Im Fall der weltweit gesuchten Madeleine McCann waren es 1000 Anrufe, von denen wollten aber auch schon vor der Sendung einige ihre Betroffenheit zum Ausdruck bringen. Eduard Zimmermann hätte das „nicht sachdienlich“ genannt, aber wir freuen uns, denn es zeigt, dass XY auch anderes bewirkt. Im Durchschnitt erreichen uns 150 bis 200 Anrufe pro Sendung.

Dennoch wird ihr Format damit vielfach förmlich identifiziert. Im Spiegel war mal von „Staatsbürgerkunde für Denunzianten“ die Rede.

Witzigerweise hat ein Leser diesen Satz 2008 zu Ihrem Beitrag über den XY-Preis geschrieben, während andere die Tendenz des Artikels kritisierten; auch das gehört zur Wahrheit! Dazu ein paar Fakten: In 13 Jahren, die ich XY moderiere, ist mir nicht ein Fall bekannt, in dem jemand auf falsche Hinweise hin Opfer eines Justizirrtums wurde. Öffentlichkeitsfahndung ist ein probates Mittel der Verbrechensaufklärung, und da sind wir für die Polizei der erste Ansprechpartner, auch wenn es um Cold Cases geht, also Fälle, die lange zurückliegen. Da ist uns schon sehr oft die Aufklärung gelungen.

Zum Beispiel?

Eine Frau aus Königswinter galt fünf Jahre als vermisst, bis der Fall 2008 auf Initiative der Tochter wieder aufgerollt wurde. Fünf Jahre später erhielt XY den entscheidenden Hinweis, dass Sigrid Paulus von ihrem Ehemann umgebracht wurde. Der Täter meinte hinterher, er sei erleichtert gewesen, weil er selbst nicht die Kraft zu einem Geständnis hatte. Das war in jeder Hinsicht ein Erfolg unserer Sendung.

Wie erklären Sie sich, dass er schon seit fast 50 Jahren anhält?

Nicht nur das – wir sind eines der wenigen Fernsehformate, dessen Quote sogar zulegt, zuletzt auf 5,3 Millionen im Schnitt und sehr stark bei jüngeren Zuschauern.

Wegen der Aufklärungsrate, dem Thrill, dieser frühen Form von Interaktivität?

Es gibt viele Aspekte, die alle zum Erfolg beitragen. Die Filme sind natürlich professioneller geworden und werden von Regisseuren gedreht, die auch für SoKo oder Tatort arbeiten. Hinzu kommt, dass wir keine Geschichten erfinden, sondern Realität abbilden; das bewegt die Zuschauer, denn die Vorstellung, dass ein gefährlicher Straftäter weiter frei herumläuft, ist schon ziemlich gruselig. Die Hoffnung, dass der Täter schnell gefasst wird, liegt mit 40 Prozent relativ hoch und macht die Relevanz der Sendung aus.

Hat Aktenzeichen XY Ihre eigene Sicht auf Kriminalität verändert?

Gar nicht. Ich bin ein vorsichtiger Mensch, kein ängstlicher, und schlafe nachts nach wie vor gut. Auch im Wissen, dass sich Verbrechen nicht lohnt. Haben Sie mal von Lolita Brieger gehört?

Nie.

Auch sie galt als vermisst, 29 Jahre lang. Als wir 2011 den Fall  aufnahmen, glaubte keiner, dass XY noch helfen kann. Aber wir bekamen den Hinweis eines Mitwissers, durch den Lolita Briegers Leiche gefunden und der Fall endlich geklärt werden konnte.

So sehen typische XY-Fälle aus: Mord & Totschlag, Einbruch & Raub, Vergewaltigung & Gewaltexzesse. Erweckt die Auswahl nicht den falschen Eindruck, schwerste Verbrechen nähmen permanent zu?

Was meinen Sie denn?

Während die Zahl solcher Delikte in den Augen befragter Bürger permanent ansteigt, geht sie laut Kriminalstatistik seit Jahren zurück. Dank der Flut von Kapitalverbrechern und Kinderschändern am Bildschirm, wird den Menschen eine Gefahrenlage suggeriert, zu der auch XY beiträgt.

Die Behauptung, dass die Menschen nicht zwischen Film und Realität unterscheiden können, würde ich so nicht teilen. Laut Kriminalitätsentwicklung 2014 lagen die  polizeilich registrierten Straftaten insgesamt bei knapp über sechs Millionen. Seit 2009 erstmalig ein Anstieg.

Der vorwiegend auf Betrugskriminalität, besonders im Internet, zurückzuführen ist.

Gut, aber XY nimmt ohnehin nur solche Kapitaldelikte auf, bei denen wir helfen sollen und können. Dass wir uns bei Film- und Studiofällen ausschließlich an Fakten halten, ist selbstverständlich.

Da heiligt der Zweck die Mittel?

Wir können die Öffentlichkeit nur zur Mithilfe mobilisieren, wenn die Emotionen der Zuschauer geweckt werden. Dabei sind wir so zurückhaltend wie möglich. Straftäter tauchen oft in der Masse unbescholtener Bürger unter; kein Wunder, wenn es da mal zu Verwechslungen kommt. Ich selbst bin da, Sie wissen das sicher, ein gebranntes Kind.

Als Sie mit dem Terroristen Christian Klar verwechselt wurde.

Genau. Da stand ich natürlich unter Strom und hatte ein ziemlich mulmiges Gefühl. Aber ich habe den Anweisungen Folge geleistet, was ich jedem nur empfehlen kann.

Aber hatten Sie im Anschluss kein Gefühl von Willkür und Polizeistaat, nachdem man Sie zu Unrecht mit der Waffe bedroht und festgenommen hatte?

Überhaupt nicht. Die machen ihren Job.  Zum einen hatte ich fortan eine fantastische Story zu erzählen. Zum anderen hatte ich so kurz nach dem „Deutschen Herbst“ Verständnis für solche Kontrollen. Meine Festnahme beruhte übrigens auf der „Denunziation“ einer Person, der meine ja tatsächlich vorhandene Ähnlichkeit mit Christian Klar aufgefallen war.

Gibt es zwischen diesem Dezembertag 1978 und ihrem Dienstantritt bei XY 2002 eigentlich eine rote Linie, hat er ihr Interesse am Verbrechen geweckt?

Nein (lacht), Null. Die Zeit des RAF-Terrorismus fand ich bedrückend. Ich habe allerdings schon damals Krimis von Die Straßen von San Francisco bis Kojak verschlungen, obwohl mir als Leistungssportler nicht sehr viel Zeit dafür blieb.

Sind Sie beim Blick auf Ihr bisheriges Leben eher Eiskunstläufer, Sportmoderator oder Verbrecherjäger?

Von allem ein bisschen. Der größte Luxus meines Lebens ist ja, dass ich zwischen sehr verschiedenen Polen wechseln darf. Scherzhaft ausgedrückt: Ich pendle zwischen Sport und Mord. Gegensätzlicher kann es nicht sein und das ist sehr reizvoll. Bei meiner Entscheidung für XY mögen einige die Nase gerümpft haben, aber im Rückblick ist dieser, wie ich finde: wichtige Job heute für mich mehr wert als eine Goldmedaille.

War denn der Wandel seinerzeit so gewaltig?

Es geht, schließlich sind auch Eiskunstläufer Darsteller im Showbusiness. Auch da gab es mal eine glückliche Fügung. Als ich während Holiday on Ice verletzt war, fragte mich der Veranstalter, ob ich nicht moderieren könnte. Das klappte ganz gut, schon weil man beim Eiskunstlaufen lernt, mit einem Lächeln hinzufallen, was im Fernsehen sehr nützlich sein kann.

Hinzufallen scheint angesichts des Erfolgs von XY aber eher unwahrscheinlich oder?

Mit Hinfallen meine ich eher, Rückschläge einzustecken. Zwischendurch waren die Quoten auch mal nicht so rosig. Das gehört mittlerweile der Vergangenheit an. Aber es stimmt schon – ich kann das noch eine Weile weitermachen. Nach der Sendung ist vor der Sendung.

Die hat Ihr Vorgänger Eduard Zimmermann insgesamt 30 Jahre moderiert, Sie mittlerweile aber auch schon 13. Ist das noch immer sein Format oder schon Ihrs?

Ich will Ihnen mal ein Beispiel nennen. Während einer Radiosendung meinte die Moderatorin zu mir, schön Sie mal live zu sprechen, ich durfte das früher nie gucken. Als ich fragte, wann das war, meinte sie, als ich moderierte. Eduard Zimmermann kannte sie gar nicht. Das zeigt noch lange nicht, dass es meine Sendung ist, aber dass die Zuschauer mich damit identifizieren. Und das macht mich schon ein bisschen stolz.

Schwebt Eduard Zimmermann dennoch weiter ein wenig über Ihnen?

Ich würde eher sagen, dass er mir ein großartiges Erbe zu verwalten gab. Dafür bin ich ihm und dem ZDF sehr dankbar.

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