Showplatzhirsche & Entertainmentmüll

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

12. – 18. Oktober

Man kann es beklatschen, man kann es beklagen, ändern kann man es nicht: Mit den letzten zwei Platzhirschen Gottschalk und Raab wird der Unterhaltungswald so arm an Zwölfendern, dass nur noch Kleinvieh vom Schlage Silbereisens herum hüpft. Und nun verlässt ihn auch noch einer, der das Lagerfeuer der Republik seit 25 Jahren schürt: Gregor Gysi. Gut, im Nebenhaupterwerb ist der haupthaupterwerbliche Jurist Politiker; erinnerlich bleibt er jedoch vor allem als Inventar diverser Talkshows, wo er gestern sehr hilfreich gewesen wäre, um dem präfaschistoiden Amoklauf des AfD-Hetzers Höcke etwas mehr entgegenzusetzen als Günther Jauchs Kuschelkurs. Ein Tagesschauberker, der die Debattenkultur bei aller Kritik um etwas bereicherte, das Gysis Kollegen so fremd ist der AfD Gehirn: Selbstironie.

Die ist schon lang keine Kernkompetenz nachwachsender TV-Pflanzen mehr – was im Herbst 2016 kaum besser werden dürfte, wenn der Kulturkanal von ARZDF online geht. Eigentlich keine schlechte Idee, würde zum Ausgleich neben Eins Plus nicht auch ZDFkultur vom Bildschirm verschwinden, der letzte frei empfangbare Kanal mit Musik abseits von Oper und Schlager. Es wird ein schwarzer Tag für die Popkultur mit mehr Anspruch als Volks- und Hochkultur, wenn die öffentlich-rechtliche Zielgruppe unter 50 vollständig ins Netz wandert.

Dorthin also, wo sich Erstaunliches ereignet: Bild.de blockt bald Ad-Blocker genannte Programme zur automatischen Reklameausblendung mit Ad-Block-Blockern, denen die ewige Aufrüstungsspirale menschlicher Konflikte fraglos Ad-Block-Blocker-Blocker entgegensetzt, wogegen einem Konzern wie Springer schon was einfallen wird; vielleicht ja gemeinsam mit seinem Fuckbuddy RTL, dessen anspruchsvollstes Format Bauer sucht Frau dank Springers Dauerberichterstattung mal wieder sechs Millionen Zuschauer erreichte.

0-FrischwocheDie Frischwoche

19. – 25. Oktober

Ganz so viele dürften es bei der versauten kleinen Senderschwester nicht sein, wenn sie am Mittwoch Filmgeschichte bebildert: Pünktlich zum 21. Oktober 2015, an dem Marty McFly vor 26 Jahren Zurück in die Zukunft flog, zeigt RTL2 den zweiten Teil der rasend erfolgreichen Saga, die eigentlich Spaceman from Pluto oder so heißen sollte. Kabel 1 hingegen sollte besser Kabel 1888 heißen, angesichts des reaktionären Entertainmentmülls, der dem Privatsender zeitgemäß erscheint: Die Heimwerker-Dokusoap Mein Mann macht das! feiert die Geschlechtermuster von vorvorgestern ab Montag so hingebungsvoll, dass als Fortsetzung nur noch Mein Mann schlägt mich, aber ich hab’s auch verdient fehlt. Die CSU sähe gewiss kollektiv zu…

Mittwoch dagegen dürfte sie geschlossen abschalten, wenn ein lesbisches Abenteuer Ina Weisse als Mutter des ARD-Films Ich will dich aus ihrer bürgerlichen Architektenidylle reißt. Noch realistischer als das sehenswerte, aber leicht artifizielle Familiendrama ist die 3sat-Doku zu einem Thema, mit dem sich die Protagonisten reicher Wattewelten nie plagen müssen: Der Mietreport, Freitag (20.15 Uhr), Untertitel Wenn Wohnen unbezahlbar wird. Ein bisschen betroffener dürfte sich die Oberschicht da von Todschick (Dienstag, 20.17 Uhr) fühlen, worin Arte Die Schattenseiten der Mode, vor allem deren Produktionsbedingungen beleuchtet, und zwar nicht nur bei KiK, sondern auch bei Edelmarken.

Mittig zwischen Fiktion und Wirklichkeit steht die Fake-Doku Öl (Mittwoch, 22.45 Uhr, ARD), wo sich zwei Reporter auf die Spur der geheimen DDR-Förderung begeben – was während des Drehens von der Wirklichkeit eingeholt wurde, als Regisseur Niki Stein an Mecklenburgs Ostsee auf echte Öl-Sucher des US-Konzerns Halliburton stieß. Was Dichtung, was Wahrheit ist, wird aber nirgends lustiger ad absurdum geführt als bei Bernd Stromberg. Zum Serienfinale feiert die Belegschaft des selbstgerechten Versicherungsvertreters in Kinolänge auf Pro7 Firmenjubiläum, was so verstörend echt wirkt, wie die fünf Staffeln zuvor.

Warum serielle Juwelen dieser Güte partout nicht im Ersten Programm zu finden sind, darüber können Netz und Publikum am Montag um 21 Uhr debattieren, wo sich der ARD-Vorsitzende Lutz Marmor und WDR-Intendant Tom Buhrow 90 Minuten lang – moderiert von Sandra Maischberger – der Kritik stellen. Bis sich was ändert, müssen wir uns aber wohl doch mit den Wiederholungen der Woche begnügen, in schwarzweiß Professor Mamlock, ein jüdischer Arzt, der erst stillhält und dann untergeht, mit dem die DDR der BRD kurz vorm Mauerbau bewies, wie man den Faschismus im Film (Montag, 23.40 Uhr, MDR) klug verarbeitet. Ebenso klug, weniger zeitgeschichtlich, dafür in Farbe: Hexenkessel von 1973 mit Robert de Niro und Harvey Keitel als Mafia-Zöglinge in New York (Montag, 22.25 Uhr, Arte). Und der Dokutipp zum Schluss: Die Arte-Reportage Rammstein in Amerika (Samstag, 21.45 Uhr) gefolgt von ihrem umjubelten Konzert im Madison Square Garden.

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