Klaus Marschall: Augsburger Puppenkiste

klaus2Der Strippenzieher

Als Klaus Marschall (Foto: Augsburger Puppenkiste) noch auf allen Vieren durchs Marionettentheater seiner Eltern krabbelte, kannte jedes Kind im Land die Augsburger Puppenkiste. Seit er sie leitet, sind die Holzpuppen zwar zusehends vom Bildschirm verschwunden, aber längst lukrative Global Player des Guten, Schönen, Wahren im digitalen Zeitalter. Porträt eines echten Überzeugungstäters.

Von Jan Freitag

Falls der Himmel ein Dachgeschoss hat – so könnte es aussehen. Durchs Heiliggeist-Kloster im Augsburger Stadtkern geht man rauf ins kollektive Gedächtnis aller Nachkriegsgenerationen: Ein schummrig beleuchteter Schaukasten beherbergt das Sams samt Taschenbier. Ein paar Schritte weiter reitet Lord Schmetterhemd durch die Wüste. Don Blech, Kater Mikesch, Urmel – hier hängen sie an ihren Fäden, als komme das Fernsehen weiter aus Röhren. Und da drüben, in voller Pappmachépracht: Lummerland, Lukas, Jim Knopf. Kindheitsträume hinter Glas, ein Stockwerk voller Erinnerungen.

Klaus Marschall ist schon oft hinaufgegangen, ins hauseigene Museum des berühmtesten Puppentheaters der Republik. Er kennt jeden Holzkopf, jede Requisite, jedes noch so kleine Detail. Und doch kriegt auch der Theaterdirektor hier oben das Kinderstrahlen kaum aus seinem grauen Fünftagebart. „Des ist ja ned nur die Geschichte unseres Hauses“, schwärmt er im bauchigen Ton seiner Heimatstadt, „es ist auch meine eigene“.

Schließlich kennt niemand die Augsburger Puppenkiste besser als ihr Geschäftsführer mit den hellwachen Augen. Und das will was heißen, bei einer Bühne, deren handgeschnitztes Personal mehr Bürger über 40 vor Augen haben dürften als so manchen Bundesminister. Deren Kollegen waren 1961 noch von Konrad Adenauer ernannt worden, als Klaus Marschall hineingeboren wurde ins aufstrebende Provinztheater, das 13 Jahre nach der Zerstörung im Krieg gerade mit der Muminfamilie den Durchbruch im Fernsehen gefeiert hatte. Es war der Beginn eines goldenen Zeitalters für beide – die Puppenkiste und ihren späteren Chef.

Denn parallel zur Geburt des Erben produzierte die Puppenkiste Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. Die nachproduzierte Farbversion von 1976 fegte nicht nur bei der Erstausstrahlung die Straßen leer, sie gilt bis heute als Meilenstein zeitloser Familienunterhaltung. Wer Emma nie im Frischhaltefolienmeer gesehen hat, ist entweder im Funkloch aufgewachsen oder bei Technikhassern. Noch heute verkauft sich die Marionettenversion von Michael Endes Bestseller gut, das Fernsehen spart nicht an Wiederholungen. Nur an einem Ort hat sie keiner je gesehen: In der Augsburger Puppenkiste.

Die nämlich trennt Bühne und Kamera seit schwarzweißen Zeiten strikt. Da das pittoreske Kreuzgewölbe im Herzen der nordbayrischen Stadt fürs raumgreifende TV-Format ungeeignet war, wurde schon das weit simplere Peter und der Wolf 1953 aus einem Hamburger Luftschutzbunker gesendet. Umgekehrt taugen die üppig ausstaffierten Serien nicht für den Saal. „Statt 40 verschiedener Kulissen wie am Bildschirm, müsste Jim Knopf live mit drei bis vier auskommen“, meint Klaus Marschall, „da wären die Zuschauer zu Recht enttäuscht“. Dramaturgisch lassen sich Film und Theater also kaum vereinbaren. Wirtschaftlich sieht das ein wenig anders aus.

Nicht zuletzt dank jahrzehntelanger Präsenz im Hessischen Rundfunk ist aus dem berühmten, aber winzigen Bretterverschlag eine Großbühne globaler Kleinkunst geworden. Und auch, seit nicht mehr jedes Jahr ein neues Holzensemble zu nationaler Bekanntheit kommt, sprudeln solide Einnahmen aus Ticketverkauf, Merchandising, Gastronomie ins denkmalgeschützte Haus. Wie Brunnenbach und Brunnenlech, die sich direkt unter Marschalls verwinkeltem Büro im grandiosen Renaissance-Bau vereinen, rauschten sie jedoch meist auch gleich wieder hindurch. Heute wie damals. „Wenn mein Vater Anschaffungen machte“, erinnert er an die Zeit des Generationenwechsels, „ging er zur Sekretärin und fragte, ob noch Geld da ist“. Beschauliche Zeiten. Ohne Spielkonsolen und Privatfernsehkonkurrenz.

Heute dagegen – ein Internet, 200 Kanäle und Milliarden Touchscreens später – könne sich ein rentabler Kulturbetrieb mit 26 Vollzeitkräften und zwei Millionen Umsatz so kreative Buchhaltung nicht mehr leisten. Deshalb hat der gelernte Dekorateur ohne betriebswirtschaftliche Ausbildung schon als einfacher Mitarbeiter „nächtelang Vierjahrespläne erstellt“. 1992 dann, frisch mit der Leitung betraut, hat er dann rasch Abläufe gestrafft, Investitionen strukturiert, Löhne erhöht, also auch am Arbeitsmarkt für Konkurrenzfähigkeit gesorgt und zudem Tourneen organisiert, „um die Marke international bekannt zu machen und Kapazitäten auszulasten“.

Gab es bei Vater Hanns-Joachim 350 Vorstellungen im Jahr, inszeniert der Filius ein Drittel mehr – 120 Gastspiele von Japan über Amerika bis in Arabiens Wüste inklusive. Die Zahl der Sitzplätze ist auf 212 gestiegen und damit Einnahmen, Personalgröße, Sponsorengelder, Fördermittel. Dafür arbeitet Klaus Marschall sechs, manchmal sieben Tage, oft bis in die Nacht. Wenn er danach mal mit seiner Frau essen gehe, „besprechen wir geschäftliche Dinge, für die vorher keine Zeit war“. Ganze zwei Sommerwochen, wenn sich das Paar in ein italienisches Bergdorf zurückzieht, ist er mal unerreichbar.

Mit dem Eifer eines Nachlassnehmers, der sich des Erbes wert erweisen will, kniet er somit in einer Aufgabe, die so alt ist wie der Chef selbst. Oma Oehmichen nahm das Wickelkind bereits mit in die hauseigene Werkstatt, wo sie wie später ihre Tochter im Akkord Puppen schnitzte. Kaum groß genug zum Rechnen half er später an Tür und Kasse aus, um mit zwölf das erste Mal von den Hausaufgaben ins Theater gerufen zu werden. „Als ein Puppenspieler krank wurde“, erinnert er sich in seinem museumsartigen Büro voller Rundbögen und Krimskrams aus aller Welt ans Jahr 1973, „bin ich ins Taxi gestiegen und eingesprungen“.

Wenngleich nicht grad ins eiskalte Wasser. „Ich hatte ja schon mein eigenes Theater“, er zeigt auf den historischen Dielenboden: „Aus Opas Keller.“ In Altenheimen und Kindergärten führte er damals Geschichten seines Bücherregals auf, aus Spaß, aber auch Veranlagung. Da war also kein Zwang, nur Überzeugung – die ersterem allerdings rasch nahe kommt, wenn daraus Existenzen erwachsen, Verpflichtungen. Zum 25. Firmenjubiläum hatte er seine erste Sprechrolle, Der gestiefelte Kater, als Küchenjunge, klein, doch unersetzbar. Von da an war Marschall aus dem Familienbetrieb nicht wegzudenken. Dass er nach der Bundeswehr fest einstieg und zehn Jahre später an die Spitze auf, schien genetisch kodiert. Und als er kurz darauf seinen älteren Bruder Jürgen als Schnitzer ins Team holte, war das Generationenprojekt vollendet. Vorerst: Bald arbeiteten neben seiner Frau auch zwei der drei Kinder mit.

Nach dem Willen des Intendanten, Geschäftsführers, Aushilfspuppenspielers, Ersatzschreiners, „oft Mädchen für alles“ helfen sie dabei, die Puppenkiste als das zu erhalten, was sie ist: ein familiärer Mittelständler, untadelig kreditbelastet, staatlich bezuschusst, nicht defizitfinanziert, also solide wie immer, seit Klaus Marschall die Fäden führt. Eine halbe Million stecken Land und Kommune jährlich in die Puppenkiste. Doch angesichts der gut 70 Euro, mit denen jedes Ticket der 700 deutschen Sprechbühnen im Schnitt subventioniert wird, sind Marschalls 5,32 pro Karte nicht nur bescheiden, sondern eine glänzende Investition.

Augsburg ohne Puppenkiste, das wäre ja wie Bayern ohne München, und weil sie ohne den obersten Strippenzieher ähnlich undenkbar scheint, schwärmt der Oberbürgermeister vom „wunderbaren und verdienten Botschafter“ seiner Stadt, fast so bekannt wie die Fugger, nur weniger elitär. „Immer wenn wir uns begegnen“, fügt Kurt Gribl hinzu, „erlebe ich Klaus Marschall als bodenständigen, heimatverbundenen Menschen“, kompetent, zuverlässig, „immer gut drauf“. Ein bisschen wie der örtliche FCA, dessen Team jede Saison im Theater des leidenschaftlichen Clubfans vorstellig wird und zurzeit mit bodenständigen, heimatverbundenen Fußballern jene Liga stürmt, die etwas höher von echten Großkonzernen dominiert wird.

Bayern, Wolfsburg, Leverkusen – abseits des Sports hießen ihre Unterhaltungsäquivalente Apple, Pixar, PS5. Namen, bei denen die Frohnatur erstmals aus der Haut fährt. Die milliardenschweren Player globalen Hochglanzentertainments, klagt Marschall im abgewetzten Sofa aus Zeiten dreier Fernsehprogramme, „ersticken alle Phantasie mit keimfreier Perfektion“. Seine bis zu 40 Mitarbeiter hingegen „erwecken lebloses Holz zum Leben“. Das verlange dem Publikum bei allem Spaß auch was ab, statt es mit Megapixxeln zu sedieren. Und keinesfalls nur Kindern.

Vor zehn Jahren, meint er mit wedelnden Händen, „haben Eltern ihren Nachwuchs oft nur als Alibi mitgebracht“. Nun zählt sein Theater auch für Erwachsene zur Hochkultur. Gerade am Abend, wenn Marschall wie sein Großvater normale Stücke aufführen lässt, nur eben mit Marionetten. Ein paar Hundert von knapp 5000 hängen hinter der Bühne. In Jeans klettert der Mittfünfziger behände auf ein Spielpodest und holt einige vom Haken: Steinalte wie Kasperl, bei dem sein Herz spürbar aufgeht. Brandneue wie Gregor Gysi, Teil eines Kabarettstücks mit 120 Puppen. Protagonisten allesamt, die Grimms Märchen ebenso mit Leben füllen wie Wagners Nibelungenring, von dem Klaus Marschall derzeit träumt.

Im Hof läuten die Glocken der Spitalskirche, als er seiner Hoffnung Ausdruck verleiht, das Theater werde auch auf Bildschirm und Leinwand wieder präsenter. Schließlich ging Ende der Neunziger eine Million Zuschauer in die Kinoversion von Monty Spinnenratz. Mit den Rundfunkanstalten der Umgebung sei man längst in Verhandlungen. Marschalls Stimme hebt sich abermals leicht: „Die Menschen sehnen sich nach was Echtem, Greifbarem“. Auch darum ist seine Puppenkiste so unverwüstlich wie die Figuren im Museum. Gut, es gebe Wellen, sagt Marschall. Privat, geschäftlich. Sein Salär bemesse sich am Schuldendienst. „Und unser Etat ist immer auf Kante genäht“, besonders, wenn wie jüngst die Tonanlage Ersatz braucht.

Dann aber springen wie so oft lokale Sponsoren ein. Die Platzauslastung liegt unverdrossen nahe 100 Prozent. Zwei Jahre in Folge warfen jüngst Gewinn ab. Und Pacht verlange Augsburg auch künftig nicht für ihre Räume aus dem 17. Jahrhundert. Die Puppenkiste mag den Himmel im Obergeschoss haben – weil ihr alle wohlgesonnen sind, ist sie auch auf Erden erfolgreich.

Der Artikel ist vorab in der ZEIT erschienen

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