Ina Weisse: Bettszenen & Bilderbuchbeziehung

marie-findet-den-verlorenen-ring-v-l-n-r-marie-und-ayla-100-_v-standard644_70205bDas Leben ist auf Sand gebaut

Mit ihrem eindringlichen Spiel hat sich Ina Weisse (Foto: WDR/Conny Klein) zu einer der großen Charakterdarstellerinnen des deutschen Films gemausert. Im ARD-Drama Ich will dich spielt die 47-Jährige heute Abend eine Architektin, die von der Liebe einer Freundin aus dem heterosexuellen Idyll ihrer Ehe mit zwei Kindern und Villa-Projekt gerissen wird. Ein Interview über die Macht des Begehrens, Küssen vor der Kamera, die Brüchigkeit stabiler Lebensverhältnisse und wie es ist, unterm eigenen Mann zu drehen.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Weisse, so leid es mir tut – das Thema ihres neuen Filmes ums lesbische Coming-Out einer glücklich verheirateten Frau macht ein paar Regenbogen-Fragen fast unumgänglich…

Ina Weisse: Aha….

Wie oft haben Sie in 20 Jahren vor der Kamera Männer geküsst?

Oft.

Und waren darunter auch richtig handfeste Bettszenen?

Natürlich. Aber eigentlich reichen Andeutungen aus, das ist viel interessanter. Man muss im Film nicht immer alles auserzählen. Obwohl es manchmal natürlich wichtig sein kann.

In Ich will Dich scheint es wichtig gewesen zu sein…

Ja, schon. Hier musste man weiter gehen, physisch und psychisch. Die Liebesszenen haben wir am Ende noch mal nachgedreht, damit sie intensiver werden.  Wir mussten da erst mal rausfinden, wie weit man gehen kann. Und dann ist es eine Gradwanderung, dass es nicht pornographisch erscheint, sondern wirklich aus einer inneren Notwendigkeit heraus erzählt wird. Wir haben zusammen mit dem  Regisseur Rainer Kaufmann eine Art Choreografie entwickelt, die man beim Spielen im Hinterkopf hatte und dann auch wieder vergessen musste. Aber Liebesszenen sind natürlich immer heikel, nicht nur weil da fünf Leute mit einer Kamera um das Bett herumstehen und einen beobachten.

Heikel im Sinne einer besonders großen Hemmschwelle, die zu überwinden ist?

Ja. Die Überwindung der Scham ist manchmal schon schwierig. Letztlich ist es aber immer eine Frage der Konzentration auf die Figur.

Wächst diese Konzentrationsfähigkeit mit zunehmender Erfahrung?

Das würde ich so sagen.

Tritt irgendwann Gewöhnung ein?

Nein. Das wäre auch schade. Sonst ist ja keine Offenheit und Neugierde für anderes mehr da.

War diese Situation denn anders oder haben Sie zuvor schon mal im Film eine Frau geküsst?

Ich glaube nicht. Aber das weiß ich jetzt gar nicht genau.  Ehrlich gesagt, finde ich das jetzt auch nicht so ein großes Thema, wenn sich zwei Frauen küssen. Für mich geht es in dem Film weniger darum, dass sich eine Frau in eine andere Frau verliebt; es handelt sich nicht explizit um ein homosexuelles Thema.

Sondern?

Mich interessiert die Obsession. Das Psychogramm einer Leidenschaft. Ob Mann oder Frau ist erst einmal sekundär. Dass eine Person, die in einem festen Umfeld lebt, mit Ehe und Kindern und einem Beruf, die eigentlich ganz froh zu sein scheint, plötzlich einer anderen Person über den Weg läuft und ihr verfällt, alles über Bord wirft, gar nicht anders kann als dieser Leidenschaft nachzugehen, das finde ich interessant. Die Beschreibung, wie Marie es erst nicht wahrhaben will, dass sie sich verliebt hat, wie sie zögert, sich zurückzieht, dann wieder abwägt – dieses Hin und Her der Gefühle empfand ich als sehr nachvollziehbar.

Bezeichnet Rainer Kaufmann seinen Film deshalb als einen über die Macht des Begehrens?

Begehren trifft es viel besser als Liebe. Begehren ist hier wie eine Krankheit. Es kann jedem passieren.

Ihnen also auch?

Natürlich.

Ist Ihre Existenz schon mal so radikal auf die Probe gestellt worden, wie die Ihrer Filmfigur Marie?

Vielleicht. Und weil so ein Zustand im Grunde jeden treffen kann, ist es auch gut, dass die Geschichte nicht in einer kaputten, sondern in einer äußerlich intakten Beziehung spielt.

Selbst wenn sie im Falle von Marie eine Bilderbuchbeziehung zu sein scheint mit gutem Ehemann, wohlgeratenen Kindern, tollem Beruf und künftiger Traumvilla?

Alles kann Risse bekommen. Wobei das natürlich die Frage aufwirft, wie intakt die Beziehung wirklich ist. Das stellt sich erst am Ende raus. Nachdem der Film zu Ende ist.

In den vergangenen Jahren haben Sie häufiger unter der Regie Ihres Mannes Matti Geschonneck gearbeitet. Ist das ein anderes Arbeiten als mit Kollegen, die Ihnen weniger vertraut sind?

Ja, schon. Der Weg der Verständigung ist kürzer. Trotzdem sind wir bei der Arbeit nicht ein Paar, sondern Regisseur und Schauspielerin; wer nicht weiß, dass wir zusammen sind, würde es bei der Arbeit nicht vermuten. Ich könnte es mir anders auch nicht vorstellen.

Sie führen selbst seit einiger Zeit Regie und haben 2008 mit Der Architekt einen vielbeachteten Film gedreht. Hätten Sie dieses Drehbuch hier genauso umgesetzt, wie es nun zu sehen ist?

Jeder entwickelt seine eigene Bildsprache nach einer Vorlage. Bei jedem Regisseur sähe der Film anders aus. So, wie der Film jetzt da ist, finde ich ihn sehr schön.

Wenn Sie es doch kurz täten – hätten Sie es zum Beispiel auch im Milieu der kreativen Oberschicht angesiedelt?

Warum nicht?

Weil es etwas irritiert, dass Beziehungsgeschichten im deutschen Film meist von Reichen verkörpert werden und für die Unterschicht nur Sozialdramen um Gewalt und Armut übrigbleiben.

Grundsätzlich hätte dieser Stoff natürlich genauso gut in einem anderen Milieu funktioniert, er könnte überall stattfinden, zumindest da, wo die gesellschaftlichen Werte nicht vollkommen anders sind.

Hätten Sie sich unter eigener Regie denn auch dafür besetzt?

Nein. Beim Spielen denke ich in die Figur hinein. Und bei der Regiearbeit schaue ich mir das von außen an. Der ständige Wechsel von innen nach außen wäre ziemlich aufreibend.

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