Barotti, Jean-Michel Jarre, St. Germain

200014Barotti

Barotti, lehrt uns das allwissende Online-Lexikon Wikipedia, war mal ein Gewichtsmaß für Nelken auf den Molukken. Als Künstlername ist diese Adaption daher ziemlich, nun ja, speziell; das Gewürz ist ja irgendwie noch abseitiger als jene indonesische Inselgruppe, wo man es in Barotti wiegt. Da könnte man natürlich viel mutmaßen, warum sich ein Berliner Elektrofrickler namens Marco ebenfalls Barotti nennt, aber der heißt einfach so, stammt also vermutlich von Italienern ab, was allerdings ziemlich egal ist – aus dem unendlichen Studioarchipel der Hauptstadt steigt sein Debütalbum auf wie ein vulkanisches Eiland aus dem Meer: langsam, heiß, zischend und überhaupt nicht mediterran. So in etwa fühlt sich Rising an, wenn es entspannt den Boxen entschwingt.

Es ist ein digitales Flächenarrangement von so großer Breite, Tiefe und Höhe, dass Barottis Hauptstadtnachbarin Peaches völlig zu recht urteilt: “This ist not Techno, this is an opera.” Gut, am Ende ist es allein schon deshalb beides, weil kaum ein Ton der neun Stücke abseits der samtenen Vocals analog erzeugt sein dürfte. Doch das reduziert Bombastische ist schon unverkennbar, wenn man sich von Never Talk Again in einem Bond-Streifen der Sechziger katapultieren lässt, während uns About To Change gleich darauf in den New Wave der Achtziger zieht. Rising ist eine technoide Rundreise an die verschiedenen Pulse der Zeit, deren Sound hier frei flottieren darf.

Barotti – Rising (Gomma)

jmjJean-Michel Jarre

Dennoch hat natürlich jede Musik – das gilt für Buddy Holly, Beethoven oder Bon Jovi im Besonderen ebenso wie für Beat, Wave, Punk ganz allgemein – doch irgendwie ihre Zeit. Vor 20 Jahren etwa glitzerte der gefällige Synthiepop von Air so belanglos schön, wie es nur die späten Neunziger ins wund geravete Partypublikum tröpfeln konnten. Kein Wunder, dass die zwei Franzosen nie an ihr Frühwerk anknüpfen konnten. Trotzdem versuchen sie es jetzt mit Electronica 1, das … Moment! Die Platte ist ja gar nicht von Air, sie ist von Jean Michel Jarre, der seine Zeit weitere zwei Jahrzehnte zuvor hatte, als ihm nicht weniger gelang, als den Pop vollsynthetisch zu revolutionieren.

Wie würdelos wirkt es da, wenn der Veteran mit 67 andere reproduziert, auch wenn er es Kollaboration nennt, für die er neben seinen jüngeren Landsleuten allerlei Künstler von Moby über Tangerine Dream bis Lang Lang gewonnen hat, die mit ihm zusammen angeblich Reminiszenzen an die Stile aller Beteiligten kompiliert haben. Und auch, wenn hartgesottene Fans hier bestens mit klassischem JMJ versorgt werden: Das Ergebnis klingt in den besseren Passagen wie Gebrauchtware mit etwas frischem Lack drüber, in den mieseren verklebt JMJ das zeitgemäße Pathos von Oxygène mit Kirmespop aus dem Hitbaukasten und macht damit nicht nur ein Stündchen unserer Lebenszeit zunichte, sondern auch ein Stück Erinnerung an alte Zeiten. Es waren nicht die schlechtesten. Bis jetzt.

Jean-Michel Jarre – Electronica 1 (Sony)

GermaincoverSt. Germain

Um wie viel respektabler kehrt da ein Landsmann nach 15 Jahren Studiopause zurück, dessen Künstlername zwischen Jarre und Air zur Chiffre dafür geriet, was als French House gefeiert wurde: St. Germain. Mit seiner kongenialen Bläsercombo im Rücken ist Ludovic Navarre ein Weltreisender des Electropop, der auf seinen Streifzügen gern achtlos am Wegesrand herumliegendes Zeugs aufliest und aktualisiert. Blues, Jazz, Chanson und nun also, auf dem vierten Album, die Rhythmen Afrikas. Das machen St. Germain zwar ebenso wenig als erste wie als beste, aber sie machen es mit einer tanzbaren Nonchalance, die vielen ethnografischen Jägern & Sammlern fehlt.

Ein Jahrzehnt hat der experimentierfreudige Kauz des Clubsounds in Ghana, Mali, Nigeria nach anschlussfähigem Material gesucht und ein elegant groovendes Afrobeatkompendium gefunden, das schon im zweiten Stück ziemlich gut klarmacht, wo es letztlich hinwill: Dank der kratzenden Stimme von Mahawa Doumbia mäandert Sittin‘ Here mit einer Lässigkeit den Äquator westwärts über die bruttigen Südstaaten ins abgewrackte Motown, dass kein wildes Getier mehr durch die gute alte Weltmusik stromert, sondern wunderbare Beats.

St Germain – St. Germain (Warner)

Zwei der drei Reviews sind vorab bei ZEIT-Online erschienen

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