U3000, The Mighty Stef, The Phantom Sound

cover-belogen-albumU3000

Zoon Politikon ist ein philosophischer Begriff fürs soziale Tier Mensch, übersetzbar mit Gemeinschaftswesen, dem das Kollektiv wichtiger ist als die individuellen Teile. Ein schöner Gedanke, aber irgendwie außer Mode in unserer hyperindividualisierten Zeit, der schon Hamburgs Diskursschule zu politisch ist und andernorts egoistische Angsthasen von AfD bis Pegida gebiert. Mit beidem will auch eine Band aus Hannover nichts zu tun haben, weshalb sich deren Mitglieder im Interview seltsam bereitwillig “Popper” nennen. Ein Begriff, der besonders optisch prima zu den vier hübschen Hipsterpunks passt, denen die Wahlheimat Berlin weiter das Stilbewusstsein schärft.

Dieser Hang zur Hülle ist auch musikalisch Programm. Ihr Debütalbum ist so vollgestopft mit glamourösem Mashup der digitalen Soundkultur, als wäre jeder der kompromisslos gut gelaunten Tracks ein Bekenntnis zum Hedonismus. Klingt für Feuilleton-Ansprüch grausam? Ist es auch! Aber eben auch einfach nur so herrlich verspielt und lustvoll redundant, dass schlichter Textmüll wie Mädchen, tanz mit mir nicht discosexistisch ist, sondern aus der Laune raus in den Sommer geträllert, also irgendwie, nun ja: nett. Manchmal ist es halt angenehm, wenn nicht dauernd politische Herdentiere durch die Boxen stromern, sondern – sagen wir: Primaten, die einfach mal den Tag genießen.

U3000 – Wir haben euch belogen (Freundehaus Recordings)

themightystefcoverThe Mighty Stef

Durchs neue Album von The Mighty Stef stromern hingegen keine Primaten, sondern Pferde. Viele Pferde. Ständig. Schon das wunderber depperte Cover von Year of the Horse zeigt ein Kunstexemplar in 3 D, dahinter hetzen zwei Vollblüter mit Jockeys über den Turf, die Titel lauten schon mal Horse Tranquilizers – es scheint, als verströmten die zwölf Stücke Westernaura. Doch von Country kann keine Rede sein. Die Dubliner klingen zehn Jahre nach ihrem Debüt, wie Editors und Libertines wohl gern noch klängen: pathetisch, nicht larmoyant, brennend statt ausgebrannt.

Das Quartett um Songwriter Stefan Murphy gewinnt dem Britrock abermals jene Kraft ab, die mit Pete Dohertys erstem Drogenentzug versiegte, berserkern aber nicht so wüst in die Harmonien, dass alle Eleganz verlorenginge. Gut, zuweilen verirrt sich das Album wie so oft im Genre zwischen Ohohoh-Chorälen und Liebesgefasel. Abseits solcher Standards jedoch wirkt das Ganze wie eine grandiose Clubnacht auf Absinth. Da jene Pferde, die sie gar nicht reiten, dabei ständig mit ihnen durchgehen, verordnen sie sich das Beruhigungsmittel übrigens selbst.

The Mighty Stef – Year of the Horse (Burning Sands Records)

thephantomsoundThe Phantom Sound

Wer von wem genau jetzt wie durch The Phantom Sound beruhigt werden muss, ist da schon ein bisschen schwerer einzuordnen. Musikalisch nahe am distinguierten New Wave der frühen Roxy Music, verpasst Marisa Schlussels Stimme diesem bemerkenswerten Debüt zuweilen Debbie Harrys leicht gelangweilten, hinreißend schnodderigen Grundton und wirkt dabei ebenso aufgekratzt wie tiefenentspannt. Ein unvergleichlicher Spagat, den vor und nach Blondie kaum eine Band zuwege gebracht hat.

Auch The Phantom Band nähern sich dem nur mit etwas Abstand an. Ihr digital aufgemöbelter Spätpunk klingt bei aller Lässigkeit allerdings oft so herrlich beschwingt und sachlich zugleich, wie es der Pop nur in seiner kreativen Ausdifferenzierungsphase zwischen Flower Power und Techno gelegentlich geschafft hat. Vornehmlich psychedelische, gern mal electroclashige Rock-‘n’-Roll-Riffs im Rücken, erzählt die Kalifornierin mit Wohnsitz London aus dem Hallraum des Studios so beiläufig von Beziehungsbelangen, dass man gar nicht recht merkt, wie einem vieles davon in die Glieder fährt. Also doch eher ein Upper als Downer.

The Phantom Sound – The Phantom Sound (Eigenlabel)

Mehr Infos, Sound und Kommentare bei ZEIT-Online

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