Anna Winger: Deutschland 83 & living history

201550_304146_6_black1360x907Meine Perspektive ist neutraler

Die Agentenserie Deutschland 83 gilt schon vor ihrer heutigen Premiere bei RTL als Missning Link zur internationalen Güte. Kein Wunder – wurde sie doch von Anna Winger (mit ihrem Mann Jörg; Foto@Ufa Fiction), amerikanische Autorin mit Wohnsitz Berlin, konzipiert. Ein Interview über History-Helden ohne Hakenkreuz und Judenstern, Musik als Ansporn und was unser Fernsehen in den USA mit Kakao zu tun hat.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Anna Winger, nach Jonathan Franzen erklärt uns in diesem Jahr schon zum zweiten Mal ein Autor aus den USA, was die DDR mit dem vereinten Deutschland zu tun. Wie kommt es zu diesem fremden Blick aufs Vertraute?

Anna Winger: Ach, so fremd fühle ich mich schon längst nicht mehr. Ich lebe hier seit 2002 und zahle brav Steuern, mein Mann und meine zwei Kinder sind Deutsche, ich schreibe also nicht über einen zufälligen Ort, der mich neugierig macht, sondern meine eigene Welt, die ich mein halbes erwachsenes Leben bewohne.

Das erklärt ihr Interesse am Deutschland der Gegenwart. Aber woher rührt das am historischen, 30 Jahre zuvor?

Ich bin generell an Geschichte interessiert, aber diese hier interessiert ich schon deshalb, um meinen Kindern erklären zu können, dass vor gar nicht langer Zeit eine Mauer im Weg war, wenn man von Kreuzberg nach Mitte wollte. Daran interessiert mich auch, wie es ist, seine Heimat zu verlieren, ohne sie  zu verlassen. Andererseits ist meine Begeisterung für Deutschland 83 gar nicht unbedingt historisch, weil ich zu jener Zeit 13 Jahre alt war. Für mich ist diese Handlung also Teil meiner bewussten Gegenwart. Living history.

An der im zeitgeschichtssüchtigen Fernsehen hierzulande eigentlich kein Mangel besteht oder?

So wenig wie an großen amerikanischen Gesellschaftserzählungen. Deshalb wollte ich ja eine mit deutschen Protagonisten machen, in der weder Hakenkreuze noch Judensterne vorkommen.

Und warum das Jahr 1983?

Wegen der Musik! Damals habe ich eine echte Beziehung zu ihr aufgebaut. Und als Jörg und ich mal mit Hans-Otto Bräutigam geredet haben, damals [auf Deutsch] Ständiger Vertreter der Bundesrepublik in der DDR, sagte er, wegen der Milliardenkredite und der Friedensbewegung deutete sich in dem Jahr erstmals die theoretische Möglichkeit einer Wiedervereinigung an. Außerdem war es für mich als Amerikanerin leichter als für einen Ost- oder Westdeutschen, so eine Geschichte zu schreiben.

Warum?

Weil sie einen Ost- oder Westblick einnehmen würden. Meine Perspektive ist neutraler.

Warum haben Sie da ausgerechnet eine Agentenstory gewählt?

Weil ich fish-out-of-water-Storys liebe, die ihre Helden in feindliche Umgebungen schickt. Dennoch ist Deutschland 83 mehr eine coming-of-age– als Agentengeschichte. Es geht hier eher um Martin als Deutschland, der wie Dorothy im Wizzard of Oz in eine bizarre Welt eindringt, aus der er unbeschadet heimkehren will. Es geht um Heimat, Identität, Herausforderungen.

Die auch darin besteht, innerhalb weniger Wochen vom NVA-Soldaten zum 007 trainiert zu werden, der unter Druck nicht mal schwitzt. Ist das Realität oder Märchen?

Weil er eben doch schwitzt und oft scheitert, ist es keines; zumal die DDR in den 80ern wirtschaftlich schon so danieder lag, dass sie mit geringsten Mitteln Erfolge erzielen wollte. Ich frage mal zurück: Würde ein spießiger Chemielehrer Chrystal Meth kochen? Im Rahmen der Wirklichkeit ist vieles möglich und Martins Job ist dabei nur ein Tor in die Handlung, kein Wesensmerkmal. Man findet es in jeder amerikanischen Serie, die abgefeiert wird. Haben Sie die Sopranos gesehen?

Natürlich!

Und glauben Sie, ein Mafiaboss würde zur Psychiaterin gehen, um ihr sein Innerstes zu öffnen? Auch das ist ein wenig realistisches, aber theoretisch denkbares Setup für eine grandiose Serie. Wir erhoffen uns das Gleiche mit dem Spionagethema.

Sorgt das für Anschlussfähigkeit auf dem amerikanischen, actionaffineren Markt?

Schon, Amerikaner haben deutsche Geschichte nicht nur im Kalten Krieg stets auch als eigene empfunden und dazu gehört sicher auch die Geheimdiensttätigkeit. Dennoch wurde die Serie eindeutig für den deutschen Markt konzipiert – schon weil sie so viel visuell und sprachlich vermitteltes Insiderwissen über beide Deutschlands vor 30 Jahren aufweist.

Welchen Ruf hat deutsches Fernsehen denn in den USA?

Im Grunde hat es überhaupt keinen Ruf. Viele haben bislang abgesehen von Deutschland 83 noch nie etwas aus Deutschland gesehen. Einzige Ausnahme ist vielleicht Wetten, dass…?, aber auch nur, weil es von amerikanischen Gästen der Show publikumswirksam durch den Kakao gezogen wurde. Ansonsten habe ich noch nie was übers deutsche Fernsehen in amerikanischen Medien gehört.

Umso erstaunlicher, dass Deutschland 83 erfolgreich beim Kabelkanal Sundance Channel lief…

Und zwar untertitelt, was amerikanische Zuschauer nur selten akzeptieren. Das lag zum einen daran, dass er auf der Berlinale lief und dort von den richtigen Leuten gesehen wurde. Und an der Hauptfigur: Martin ist ein normaler Junge mit normalem Leben, der plötzlich in ein Abenteuer gerät, wo er weder auf der guten noch der bösen, sondern der eigenen Seite steht, die er zur bestmöglichen machen will. Amerikaner lieben solche Charaktere. Wir denken ja immer, Geschichte sei eine schicksalhafte Intelligenz über unseren Köpfen; tatsächlich wird sie von Individuen gemacht. Das Gewöhnliche im aufrechten Kampf mit dem Außergewöhnlichen – so funktionieren Fernsehserien.

Von denen es hierzulande noch immer zu wenig gibt.

Weil sie ihren Charakteren nicht erlauben, sich zu entfalten; weil Handlung oft bloß Beiwerk der Dialoge ist und umgekehrt; weil man sich für Action oder Drama oder Leidenschaft oder Historie entscheidet, anstatt alles miteinander zu verbinden, wie wir es versuchen. Deshalb wurde die Storylines, die Jörg und ich entwickelt hatte, von uns einer Art Writers’ Room mit vier Autoren weiter ausgearbeitet. Der kollektive Teil der Arbeit war immens wichtig.

Will die uns denn vornehmlich unterhalten oder geschichtlich aufklären?

Beides, auch um damit die Gegenwart besser zu verstehen. Die Zeit vorm Fall der Mauer ist ja nicht nur für Jüngere noch immer abstrakt, gerade im Osten. Dennoch sind wir ein Unterhaltungs-, kein Bildungsformat. Deutschland 83 ist also weniger Infotainment als Alice in Wonderland mit viel Politik.

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