Deine Freunde, Josefin Öhrn, B. Dennerlein

KindskoepfeDeine Freunde

Kinder sind bekanntlich bis zur Besinnungslosigkeit begeisterungsfähig. Selbst die schlichteste Kindergartenmusik zum Beispiel trifft in der Zielgruppe auf größtmöglichen Zuspruch; schließlich mangelt es jenseits von Rolfs Freunden seit jeher an erträglichen Alternativen für die lieben Kleinen. Bis sie kamen: Deine Freunde. Ihre ersten zwei Alben haben den verschütteten Geschmack vorm Teenageralter nicht nur aufgegriffen und verarbeitet; das Trio aus Hamburg hat ihn förmlich dekodiert. Seine Mischung aus hüpftauglichem HipHop zu fetten Beats hat dem Genre Niveau verpasst, Spaß und große Ernsthaftigkeit ohne erhobenen Zeigefinger. Von daher ist die Forderung auf Platte 3 völlig überflüssig. Gebt uns eure Kinder! singen Flo, Markus und Pauli gleich zu Beginn. Das hätten sie sich schön sparen können!

Deine Freunde haben sie ja schon, die Kinder. Alle! Und daran wird auch Kindsköpfe nichts ändern. Im Gegenteil Wer nämlich dachte, Ausm Häuschen und Heile Welt hätten längst alle Themen zwischen Familie, Spielplatz und Schule erschöpfend in lebenskluge Hymnen des vorpubertären Alltags verwandelt, wird eines Besseren belehrt. Musikalisch etwas discoaffiner als zuvor, strotzt das neue Album vor Bedeutsamkeiten kindlicher Lebenswelten, die auch Erwachsene betreffen. Heimweh und Redeverbote, Hausaufgaben und Tobsucht, gute Eltern und schlimme Eltern – all dies wird bei aller Heiterkeit inhaltlich so empathisch und musikalisch so anspruchsvoll verarbeitet, dass aus jedem der 17 Stücke Respekt für den Nachwuchs perlt. Nie zuvor war der raketenartige Aufstieg einer Band angebrachter als dieser.

Deine Freunde – Kindsköpfe (Universal)

Josefin_hrn_The_Liberation_CoverJosefin Öhrn + The Liberation

Eine größer angelegte Karriere auf welcher Festivalgrundlage auch immer scheint für Josefin Öhrn hingegen unwahrscheinlich. Auch die Schwedin sieht super aus, hat eine höchst kompetente Kapelle zur Seite und mit einer ersten EP im Vorjahr zumindest daheim für eine Vorstufe von Aufmerksamkeit gesorgt. Ihr psychedelischer Alternativerock ist jedoch viel zu verschroben für Hörgewohnheiten abseits dunkler Kellerclubs und Roskilder Randbühnen. Herrlich verschroben, muss man hinzufügen; das Debütalbum Horse Dance strotzt ja nur so von Ideen, wie man die pathetische Grundstimmung des elaborierten Trübsinns ihres Metiers ein wenig aufhellt.

Sei es Öhrns hoffnungsfroh verhallender Gesang übers vertrackte Dasein im Ungewissen, aber Aussichtsreichen; sei es das hintergründig schwungvolle Schlagzeug, das dem Ganzen Tempo und Tiefsinn verleiht; seien es sorgsam gepickte Gitarrensprengsel im umgebenden Flächenbrei – alles vereint in der Videoauskopplung Take Me Beyond, die angenehm zwischen Hawkwind und Familiy of the Year, Psychedelic und Americana, Überfluss und dem Wesentlichen mäandert. Nichts für die ganz große Karriere, aber sehr viel fürs Gemüt.

Josefin Öhrn + The Liberation – Horse Dance (Rocket Recordings)

Album Cover Barbara DennerleinBarbara Dennerlein

 

Ach, die Seele, unser amorphes Zentralorgan, das zur Weihnachtszeit so niederträchtig im Fokus der Unterhaltungsindustrie steht, weshalb sie uns Jahr für Jahr vermeintlich leise klingende Arzneien verschreibt, die es salben sollen und heilen. Doch leider landen zur Adventszeit bloß profitorientierte Generika unterm Baum, verabreicht durch gewissenlose Quacksalber(innen) wie Helene Fischer und Kylie Minogue, die ihr bestens gefülltes Konto auch dieses Jahre mit Recyclingschrott von Stille Nacht bis White Christmals mästen und mästen und mästen. Ab und zu jedoch findet sich selbst auf dieser stinkenden Müllkippe etwas Altgold. Diesmal: Barbara Dennerlein.

Das Münchner Jazz-Kindl hat ihrem Genre Mitte der Achtziger die Hammond-Orgel untergejubelt, was es nun im ausgedudelten Weihnachtsfach versucht und siehe da – Christmals Soul ist ein bemerkenswertes Stück Festtagsuntermalung, das schon darum über Heiligabend hinaus von Belang ist, weil man bei vielen der 13 Stücke mehrfach hinhören muss, um die Tradition herauszuhören. Mit pittoresker Querflöte wird Sleigh Ride tanzbar, mit elegantem Sax Oh Tannenbaum existenzialistenclubtauglich, mit viel Hingabe die ganze weihrauchvernebelte Konsumzeit erträglicher. Und das – versprochen! – war‘s dann auch schon an dieser Stelle für mindestens fünf Jahre mit Weihnachtsmusik.

Barbara Dennerlein – Christmas Soul (MPS)

Zwei der drei Platten wurden vorab auf ZEIT-Online vorgestellt



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