Den Sorte Skole, Bill Ryder-Jones

vinylcover_preorder_hqDen Sorte Skole

Elektronische Musik ist so voller Sub-, Downsub- und Underdownsubgenres, dass sich jeder, der nicht mindestens 15 Semester Technoide Terminologie studiert hat, nur blamieren kann, wenn er seine Lieblingsplatte sprachlich zuzuordnen versucht. In dieser Atmosphäre Den Sorte Skole zu verorten, grenzt daher schlicht ans Unmögliche. Mit Turntable, Mixer und Effektgeräten generiert das DJ-Team seit 2002 Klangkaskaden, die das Potenzial digitaler Mischtechniken so versiert, verspielt und liebevoll mit nostalgischen Samples aller Epochen verkleben, dass es ebenso gut von einem vieltausendköpfigen Weltorchester stammen könnte.

Tatsächlich aber sind es nur Martin Højland und Simon Dokkedal, die ihrer konzentrierten Gerätschaft am Pult diese Vielfalt kohärenter Töne entlocken. Vor zwei Jahren etwa haben die beiden Freunde 250 Schallplatten aus 51 Ländern aller Kontinente zum schlechthin brillanten Album Lektion III verarbeitet. Beim Nachfolger Indians & Cowboys nun ist es womöglich von allem etwas weniger; das Ergebnis jedoch ist abermals eine Art Konversationslexikon globaler Musik im Eigenverlag, komprimiert auf 75 Minuten, die man sich wie immer gegen Spende runterladen kann, besser aber noch auf Vinyl kauft. Der musikalische Kosmos aller Gattungen darauf ist schließlich ein betörendes, tanzbares Friedensprojekt, das alle Stile, Gattungen, Genres, Geschmäcker vereint, ohne sie gleichzuschalten. Vielleicht das Beste, was im elektronischen Fach 2015 zu hören gewesen sein wird. Eher mehr, nicht weniger.

Den Sorte Skole – Cowboys & Indians (self published)

m_1440517640Bill Ryder-Jones

Nach so einem Feuerwerk der Inspiration und Kreativität ist es nicht ganz einfach, in die profaneren Gefilde des Pop zurückzukehren, aber es geht durchaus. Mit einem Künstler nämlich, für den der Begriff des shoegazenden Slackers vermutlich mal erfunden wurde: Bill Ryder-Jones. Mit seiner blickdichten Lockenwolle vorm Kopf zum verwaschenen Holzfällerhemd fände der kalkblasse Brite wohl auf keiner ernst gemeinten Weihnachtsfeier Einlass. Umso erstaunlicher, dass er sein drittes Studioalbum mit 32 Jahren exakt dort aufgenommen hat, wo auch ein Großteil seiner Bescherungen stattfanden: im Elternhaus von West Kirby nahe Liverpool.

Was da im alten, scheinbar unverändert möblierten Kinderzimmer zwischen älteren Postern und ältesten Polstern entstand, ist eine Art Minimal-Powerpop zwischen Lemonheads und Arctic Monkeys, die der Multiinstrumentalist als Gastmusiker begleitet. Leise, fast flehentlich flüsternd erzählt er zur fröhlichen Fuzz-Gitarre, was aus dem Jungen von früher geworden ist, und wirkt dabei manchmal so euphorisch, als sei er damit ganz zufrieden. Oft aber klingt das alles aber so herzzerreißend melancholisch, als gäbe es doch noch eine Menge zu erledigen auf dem Weg zum Sinn seines Lebens. West Kirby County Primary ist ein erwachsenes Kindheitsalbum übers Großwerden beim Kleinbleiben und dabei vor allem eines: wunderschön!

Bill Ryder-Jones – West Kirby County Primary (Domino)

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