Interview-Classics: Ludwig Haas & Dr. Dressler

foto-jack-kuesst-dressler-auf-die-wange-100_v-gseapremiumxlSechsmal Hitler, einmal Dressler

Zugegeben, das nachfolgende Interview ist zehn Jahre alt. Aber aus gegebenen Anlass lohnt es sich doch mal, zurückzublicken denn als Dr. Ludwig Dressler ist Ludwig Haas (Foto: WDR/GFF) volle 30 Jahre Bewohner der Lindenstraße, die am Sonntag mit einer Live-Sendung Geburtstag feiert. Freitagsmedien wünscht alles Gute!

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Ludwig Haas, wann haben Sie erstmals gedacht, vielleicht nie mehr aus derLindenstraße rauszukommen?

Ludwig Haas: Ach, irgendwie habe ich eigentlich ständig damit rechnen müssen. Immer dann nämlich, wenn ein Vertrag auslief. Das hätte also jederzeit passieren können, deshalb hätte es mich auch nie überrascht.

Sind ihre Verträge so kurz?

Nein, nein. Mittlerweile sind es Dreijahresverträge.

Aber ein Ausstieg wäre mit der Zeit schwerer gefallen.

Sicher und ich kann es mir auch jetzt nur schwer vorstellen, zumal ich in einer qualitativ so hochwertigen Serie mitspiele.

Erklären Sie doch bitte mal kurz die Faszination der Lindenstraße?

Ich glaube, es ist anspruchsvolle Unterhaltung, bei der die Zuschauer das Gefühl haben, durch eine Art Schlüsselloch in die Wohnzimmer der Nation gucken zu können. Und das in einer unglaublichen Aktualität. Dadurch hat die Lindenstraße sehr viel bewegt. Die Einstellung zur Homosexualität etwa oder zu Minderheiten. Der Hans W. Geißendörfer hat eine feine Nase für die Schwingungen der Zeit und die vielen Autoren stellen sich darauf gut ein.

Gibt die Serie damit gesellschaftliche Anstöße oder bildet sie bestehende Strömungen nur ab?

Die Lindenstraße gibt auf jedem Fall Anschübe für öffentliche Diskussionen. Es wurden ja bereits Doktorarbeiten darüber geschrieben, sehr beachtlich für eine reine Unterhaltungsserie.

Mehr ist sie nicht?

Doch, denn sie ist auch eine, pardon: Kultserie, bewegt sich also solche allerdings an der Grenze zur gesellschaftlichen Analyse.  Außerdem ist sie äußerst professionell gemacht. Zu Beginn war das nicht so, technisch war sie weniger ausgereift, nicht so versiert, es gab Probleme mit mehreren Kameraeinstellungen. Jetzt das hat manchmal fast Hollywoodqualitäten.

Ist sie dadurch besser als vergleichbare Serien?

Also ich urteile nicht gern über andere Sendungen. Ich gucke sie aber zuweilen – etwa Gute Zeiten, Schlechte Zeiten oder Unter uns, aber nicht regelmäßig, dafür fehlt allein mir die Zeit. Insofern hebt sich die Lindenstraße natürlich schon ab, weil sie eben nur einmal die Woche stattfindet und nicht jeden Tag. Das ist für die Kollegen eine unheimlich harte Arbeit.

In Ihrer Rolle als Dr. Dressler waren Sie bereits Mörder, Gewaltopfer, Witwer, geschieden, Mann einer viel Jüngeren, Vater eines Junkies und eines Schwulen, Buchautor, Arzt, Bösewicht, Samariter – bisschen viel für ein Leben.

Nur, wenn man es mit dem Leben vergleicht, aber nicht für eine derartige Serie. Wenn man den Alltag so zeigen würde, wie er normalerweise ist, wäre das sterbenslangweilig. Es ist die Aufgabe der Autoren, das zu komprimieren, zu verdichten, interessant zu machen.

Und das, ohne die Charaktere zu überfrachten.

Finden Sie es überfrachtet? Ich nicht. Das Denken der Menschen wird jetzt schneller, die Sehgewohnheiten auch, da muss man mit der Zeit gehen.

Schleicht sich Dr. Dressler gelegentlich in den Alltag von Ludwig Haas ein?

Eigentlich nicht. Ich bereite mich sehr intensiv auf die Rolle vor, versuche mich richtig in sie reinzudenken, aber nach der Arbeit gehe ich nach Hause und habe im Prinzip nichts mehr mit Dr. Dressler zu tun.

Dennoch steckt offenbar ein Stück von Ihnen in der Figur.

Das stimmt. In einer solchen Serie kann man sich nicht einfach so verstellen wie für einen einzelnen Film; da muss man eigene Gefühle, sein Inneres einbringen, obwohl es sich nicht mit der Rolle deckt.

Fällt es dem Publikum nach so vielen Jahren nicht schwer, in anderen Rollen nicht ständig den Dressler zu suchen?

Wissen Sie, ich bin ein alter Theaterschauspieler. Da ist man es so sehr gewohnt, wenn Sie Repertoire spielen, jeden Abend in eine andere Haut zu schlüpfen. Es gibt aber auch Schauspieler, die immer sich selbst spielen. Das bin ich nicht.

Was machen Sie denn noch so nebenher?

Ich habe einen Exklusivvertrag mit der Lindenstraße, habe aber auch viel im Ausland gedreht, auch in den USA.

Oder mit Helge Schneider.

Eine tolle Zeit! All das gibt mir immer wieder Kraft für die regelmäßige Arbeit an der Lindenstraße.

Sie haben zum Beispiel mehrfach Adolf Hitler gespielt.

Sechs Mal, das stimmt.

Liegt das an Ihrem Äußeren?

Womöglich, aber ich sehe ja Gott sei dank nicht genau so aus wie er.

Was würden Sie sagen, wenn Herr Geißendörfer Sie plötzlich sterben lassen würde.

Schwer zu sagen. Es ist immer schwierig, wenn jemand sagt du stirbst in zwei Monaten – auch im wirklichen Leben. Ich wäre sicher traurig, weil ich sehr in dieser familiären Gemeinschaft drinhänge. Aber so wäre eben das Leben.

Das Interview ist zum 20. Geburtstag der Lindenstraße in der FAZ erschienen:http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/20-jahre-lindenstrasse-so-waere-das-leben-1277685.html

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