The Man in the High Castle: Siegreiche Nazis

AmazonEr war gar nicht weg

In der Amazon-Serie The Man in the High Castle haben die Nazis doch gesiegt und halb Amerika besetzt. Nach der englischen Originalversion ist der erfolgreichste Serienstart des Online-Händlers parallel zur Hacker-Serie Mr. Robot nun auch auf Deutsch abrufbar. Was zeigt, dass sich die klassischen Sender auch hierzulande im Kampf mit Online-Anbietern zügig warm anziehen sollten.

Von Jan Freitag

Guter Geschmack zählt abgesehen von ein paar Tausend weit unappetitlicherer Eigenschaften nicht grad zum Kernbestand nationalsozialistischer Leitkultur. Fliegerfilme, Kolossalarchitektur, Jungmädelzöpfe oder Hirschgeweihkunst – alles nichts für Feingeister mit Niveau. Bis auf die Einrichtung repräsentabler Räumlichkeiten, sagen wir: einer deutschen Botschaft am Westrand der USA. Die nämlich besticht durch ein exquisites Interieur zwischen Art Déco und Bauhaus: Gedeckte Farben, dezentes Mobiliar, ausladende Fenster, bisschen hakenkreuzlastig vielleicht, stilistisch aber durchaus ansprechend – zumindest in The Man in the High Castle.

Ab heute ist die zehnteilige Dystopie, in der Hitlers Tätervolk den Zweiten Weltkrieg zusammen mit Japan doch gewonnen hat, bei Amazon Prime abrufbar. Es ist ein verstörendes, oft bizarres, vielfach ideensprühendes Gedankenexperiment, das den Westteil Nordamerikas nationalsozialistisch besetzt hält und den östlichen kaiserlich, geteilt durch eine Pufferzone namens „Rocky Mountain States“, die zu Beginn der Serie (noch) verhindert, das beide totalitären Siegermächte zum Kampf um den ganzen Kontinent blasen. Bis dahin halten sie die Urbevölkerung dank eines gehörigen Anteils Kollaborateure eben gemeinsam unter faschistischer Knute.

Wie soll man das nennen – wahnsinnig, fantastisch, Quatsch? Bei allem Aberwitz jedenfalls ist es auch nicht vollends an den Haaren herbeigezogen! Schließlich standen die Nazis gegen Kriegsende offenbar kurz vor der eigenen Atombombe und hätten sie gewiss wahlloser eingesetzt als Washington, das Hiroshima und Nagasaki im Sinne der Dramaturgie hier doch nicht pulverisiert hat. Doch um Authentizität, Realismus, gar Wahrheit geht es dieser Serie nicht; dafür birgt schon Ridley Scott als ausführender Produzent, der nach „Blade Runner“ bereits das zweite Buch des kalifornischen Endzeit-Experten Philip K. Dick adaptiert.

Ohne ein konkretes Datum zu nennen, erzählt bereits „Das Orakel vom Berge“, wie die okkupierte Juliana Crain in den Besitz mysteriöser Schmalspurfilme gerät, auf denen laufende Bilder vom Triumpf der Alliierten über die angeblichen Kriegsgewinner zu sehen sind, auf deren Spur sich neben dem dubiosen Joe Blake auch Obergruppenführer John Smith begibt. Showrunner Frank Spotnitz besetzt seine Hauptfiguren mit der schönen Alexa Davalos, dem süßen Luke Kleintank und Rufus Sewell als scharfkantiger SS-Scherge (also mal nicht mit deutschen Nazi-Darstellern), verlegt den Rahmen ins Erscheinungsjahr 1962 und ergreift somit die Chance zum bipolaren Kostümfest, die Tristesse von 1984 Tür an Tür mit dem Sixties-Pop der Mad Men, das gediegene Ambiente der NS-Vertretung beim japanischen Freundfeind gleich neben blutigen Folterkellern oder dunklen Widerstandsnestern.

Und genau da liegt das Problem: die Optik befindet sich im dauernden Wettstreit darum, ob sie den Inhalt definiert oder umgekehrt. Einerseits werden die Figuren kreativer entwickelt als hierzulande üblich und sodann mit Brüchen, Finten, Tiefen versehen, die deutsche Serien gern vermeiden. Andererseits begeht The Man in the High Castle jenen Fehler, der unser Historytainment oft unsäglich macht: Da entwirft sich der Untergrund ein schickes Wappen, das die Jagd auf ihn ungemein erleichtert; da müssen Hakenkreuze selbst auf der Wählscheibe normaler Telefone prangen; da sehen die Bösen echt böse aus und Helden meist hinreißend; da ist also vieles optisch überdreht, als traue man dem Sog der Erzählung nicht.

Zu unrecht. Denn der kostenlos abrufbare Pilotfilm war Anfang des Jahres nicht ohne Grund der erfolgreichste Start einer Eigenproduktion auf Amazon. Da dürften auch die nächsten Folgen den magischen Sog des Auftakts trotz einiger Mängel entfalten – gerade jetzt, wo totalitäre Extremisten die Gewaltspirale mal wieder fernab aller Kausalität aufwärts rasen. Da passt es zum Epochenbruch, dass die Arte-Serie Occupied derzeit die Besetzung Norwegens durch russische Truppen infolge abgedrehter Ölhähne (woran auch die Verbündeten kein Interesse haben) zum Thema macht. Auch nicht grad realistisch, aber undenkbar? Harte Zeiten, gute Serien…

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