Udo Lindenberg: Panikrocker & Fotomotiv

UdoIch bin ein Trademark

Udo Lindenberg (Foto: Tina Acke) schleicht mit brennender Davidoff durchs rauchfreie Hotel Atlantic, seinem Erstwohnsitz, in Richtung Raucherlounge, seinem Zweitwohnsitz. Hier ein Schnack mit dem Portier, da ein Winken zur Rezeption. Man kennt sich, man mag sich, man sieht sich nicht nur dauernd im Fünfsternehaus, sondern auch in einem opulenten Bildband oder diesen Sonntag am Bildschirm,  wenn N24 dem gealterten Panikrocker um 15.20 Uhr eine kleine feine Reportage über seine besondere Beziehung zu Berlin widmet.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Lindenberg…

Udo Lindenberg: Udo, bitte!

Gern, Udo, du bist im Bildband Stark wie zwei gleich zu Beginn ohne Brille zu sehen. War das ein Unfall?

Nein, nein. Das Ding hat ja Tine gemacht und es ist ihr Lieblingsfoto von mir. Very personal. Eigentlich sollte das ja nur ein kleines Geburtstagsheftchen werden für mich. Und da meinte ich zu ihr, Tine, das sind so geile Fotos, die dürfen wir einer großen Öffentlichkeit nicht vorenthalten. Das ist wie ein Flugschreiber, die Blackbox der letzten vier Jahre meines Lebens, immer zwischen Notärzten und großer Bühne.

Aber noch kein Abgesang oder?

Nein, nein. Nur eine fotografische Zwischenbilanz. Ich habe noch sehr, sehr viel vor. Nächstes Jahr erstmal MTV-unplugged, da checke ich gerade Lou Reed und es sieht ganz gut aus. Ich am Schlagzeug, Contra-Base, dazu Andreas Herwig, die alten Jammer und ich und natürlich Jan Delay.

Ist das eine richtige Freundschaft geworden?

Absolut. Wir sind ein echtes Team geworden, sind viel zusammen, tauschen uns aus, hören Demos, quaken uns voll, checken unsere Sounds. Der verändert sich ständig, das imponiert mir, hier HipHop, da Disko, dann Soul, wer weiß, was noch kommt. Man muss sich immer neu erfinden, so wie David Bowie oder ich, Atlantic Affairs, New York, next year. Und dann mein Musical in Berlin, auch was ganz Neues, die Story von mir und Thomas Brussig, Ulrich Waller – eine echte Fusion von Theater und Rockshow.

Gibt’s bald eine neue Platte?

Ganz sicher den Soundtrack des Musicals, aber für eine komplett neue Platte brauch ich erstmal Zeit zum Spielen, zum Scheißbauen, zum Unterwegssein, zum Aufnkopfstellen, für Abenteuer, neue Eingebungen, weltweit. Es ist ja nicht so schwierig, Musik zusammenzustellen; das Themenfinden ist es.

Zum Beispiel – politischer zu werden.

Das wäre mein Plan.

Ist das eine Frage des Alters?

Ich war ja früher auch schon politisch. Straßenlieder, DDR, Wozu sind Kriege da, Waffenhandel, Atomkrieg aus Versehen, all so was. Nicht so sehr Tagespolitik, nicht Barschel in der Badewanne. Doch jetzt freu ich mich erstmal über den Bildband.

Udo drückt eine halbe Zitrone in seinen Tee. In manchen Momenten wirkt er erstaunlich klar, manchmal driften seine Gedanken in unverständliches Genuschel ab und nie ist wirklich klar – hat man hier einen Menschen oder das Image vor sich, das er selbst gern in die Welt streut.

Darin sind fast 400 Bilder von dir zu sehen. Welchen Udo Lindenberg zeigen die. Den ganzen?

Erstmal den rund um Stark für zwei, die very Anfänge, die Demos, die Begegnungen, das Überlegen, die vielen Zettel, Fragmente, Ideen, die Talks mit allen Teilnehmern. Die ersten Videos.

Es ist also nur ein Ausschnitt deines Lebens, kein Querschnitt.

Genau. Only four years. Es ist vor allem ein Feierbuch, weil because: there was a big party. Natürlich auch mit Schwierigkeiten. Egal. Big family.

Du bist auf jedem Bild mit Hut und Brille zu sehen.

Wie sonst?

Bist du das tatsächlich selbst oder ist das vor allem ein Image, das die Öffentlichkeit von dir hat?

Das bin schon ich. Ich gehe zwar nicht mit dem Hut ins Bett, gehe aber mit ihm schwimmen. Ich hab halt eine tolle Frisur, nur dass der Scheitel immer höher rutscht… Der Hut steht mir gut seit meinen Detektivaufnahmen aus dem Film Panische Zeiten, das war 1980. Warum soll ich da jetzt noch was dran ändern.

Und die Brille?

Nicht ganz so lang, aber mit der sehe ich auch besser, vor allem in die Ferne. Außerdem ist es ein Schutzvisier, mein Schutzschild, weil ich den ganzen Tag observiert werde.

Aber das hast du dir doch selber ausgesucht.

Hat mich aber trotzdem lange gestört. Jetzt allerdings nicht mehr so. Aber stimmt schon, ich wollte immer das die Leute über den kleinen Jungen aus Gronau sagen, das geht der berühmte Udo L. Verstehst du? Der Macher aus der Provinz, der sein Ding regelt. Ich bin ein Trademark und das pflege ich eben.

Man weiß gar nicht, wie du ohne aussiehst.

Zum ersten Mal in 20 Minuten blickt Udo Lindenberg unter seiner tiefsitzenden Hutkrempe hervor und dann passiert’s: er lüftet sogar kurz seine Brille. „Wenn Augen töten könnten“ sagt er und lacht. Sind eigentlich ganz warme Augen und seit Ewigkeiten vor Lichteinfluss geschützt auch erstaunlich junge. Fast wie die seiner Freundin Tine Acke, die jetzt die Raucherlounge betritt.

Oh, da ist Tine. Danke für das Buch.

Wenn du auf vier Bühnenjahrzehnte zurückblickst – gibt es da irgendwas, das konstant war an Udo Lindenberg, das ihn die ganze Zeit hindurch kennzeichnet?

Die eigene Sprache, die ich erst erfinden musste. Sprachlich konnte ich mich da an nichts orientieren, musikalisch ging das leichter, mit Bowie, den Stones, von den großen Akustikmeistern. Meine Shows sind auch gleich geblieben, Felliniesk, würde ich mal sagen, mit vielen Darstellern, viel Wirkung. Dazu meine Scheißegalhaltung, ob so was im Radio gespielt wird. Obwohl ich immer ein bisschen auf die Charts geschielt habe; ich wollte, das jeder was davon mitkriegt. Ich bin Breitensportler, kein Nischenkünstler. Vor mir gab es im deutschen Rockbereich Rio Reiser, Macht kaputt was euch kaputt macht, sehr wichtig für mich, für alle. Das hat mich sehr inspiriert. Dazu Ihre Kinder aus Nürnberg.

Beide ungeheuer politisch.

Ernst vor allem. Dem wollte ich eine Partyband gegenüberstellen, Streiche spielen, alles auf den Kopf stellen mit Udo ohne Hut, ein good looking man, das kam an.

Bis in die Neunzigerjahre, da gab es einen Bruch.

Da hatte ich eine Krise. Eine künstlerische, eine Sinnkrise. Ich wusste nicht, wie man den Schritt vom Jugendidol zu einem würdevollen Rockchansonnier hinkriegt, der mit 60 noch große einsame Songs singt. Das haben nur wenige geschafft, Paul McCartney, Bob Dylan, David Bowie, solche Kaliber. Und die großen Franzosen: Yves Montand, Charles Aznavour.

Die klangen ja schon als sie jung waren recht alt.

(lacht) Das stimmt. Ich hab das zuerst nicht geschafft, da hat mir die Malerei sehr geholfen. Und Tine, wir kennen uns ja schon seit über 15 Jahren. Ich dachte Anfang der Neunziger, jetzt ist alles vorbei, mein Lebenswerk ist over.

Klingt nach Ruhestand.

Wusste ich nicht. Ich hatte jedenfalls große Zweifel. Dazu Notarzt, Kliniken, zu viel Alkohol, der ganze Scheiß. Dann hab ich plötzlich neue Aufgaben gesehen, Atlantic Affairs, neue Richtungen, und ich wusste, das schaffst du nur, wenn du fit bist und frisch. Also: viel Sport, kein Saufen, lieber andere Drogen, sonst kriegst du die Kurve nicht.

Tine Acke: Zwischendurch war aber auch noch Aufmarsch der Giganten, das vergisst du immer.

Udo Lindenberg: 30 Jahre Panik-Orchester, stimmt, Jubilee. Mit Nina Hagen, Eric Burdon on stage. Großartig.

Das Ende der Kurve war aber Stark wie zwei von 2008, dein ersten Nr.-1-Album.

Ganz genau.

Hat dich der Erfolg selber überrascht?

Schon, aber so viel Arbeit und Nerven wie darin stecken, auch irgendwie nachvollziehbar. Und alles dokumentiert in diesem Buch. Ich sehe das auch als eine Hommage an die Freundschaft zu all den Leuten, die mir dabei geholfen haben.

Was finden so junge Leute wie Jan Delay oder deine Freundin Tine, die rein theoretisch deine Enkel sein könnten, eigentlich an jemandem wie dir?

Wieder: die Sprache. Jan hat mir erzählt, als er ein kleines Kind war, lief ich im Autoradio seiner Eltern und er war wie elektrisiert von ihr. Daran hat er sich später erinnert und gemerkt, geil, man kann gute Sachen auch auf Deutsch singen. Das war in den Achtzigern nicht selbstverständlich, kein Rilke, kein Hesse, kein NDW, sondern Umgangssprache, die sich nach einer langen Phase der deutschen Sprachlosigkeit nach all dem Nazischeiß und dem Schlagerdreck und zwei kleinen Italienern erst neu bilde musste in der Musik. Ich habe das meiste auf Bierdeckeln in Kneipen nach dem einen oder anderen Doppelkorn verfasst. Da war ich glaube ich ausersehen. Mittlerweile singen ja alle deutsch wie der Alte.

Im Buch steht was von „Der Greis ist heiß“.

Das bin ich, aber als Persiflage auf andere, die in meinem Alter im grauen Sterbeflanell durch die Gegend laufen und Kinder Angst vor dem Alter machen. Ich dagegen bin der Meinung, das Alter steht für Radikalität und Meisterschaft; je älter man wird, desto weniger hat man zu verlieren, zu buckeln. Die Zeit ist knapp, da muss man weniger Rücksicht auf Hierarchien und Karriere nehmen.

Fühlst du dich denn alt?

Manchmal, wenn ich meine Glieder strecke, gerade nach Tourneen. Aber innerlich fühle ich mich zeitlos.

Aber 100 wirst du nach deinem Lebenswandel nicht?

Ganz sicher sogar. Ich sage immer, wenn grad keine Freunde zuhören (flüstert): zehn, vielleicht noch 15 Jahre.

Aber trinken tust du nicht mehr.

Selten. Früher dauernd, heute gezielt.

Früher, sagt er noch,  hätte hier eine Flasche Whisky gestanden. Jetzt schwappt eben reichlich Alkoholfreies über den Tisch, wenn er davon trinkt. Udo Lindenberg wirkt fahrig, für einen Berufsjugendlichen, aber fit für einen Mann Mitte Sechzig. Er zieht an seiner Zigarre, die längst erloschen ist. Willst du noch ’ne Platte mit Autogramm? Man wird nicht lesen können, was er da auf die CD geschrieben hat, aber es stammt immerhin von ihm.

Wirst du irgendwann noch mal sesshaft, mit eigener Wohnung, vielleicht sogar Häuschen im Grünen?

Niemals. Ich bleibe in Hotels, ich liebe die Anonymität, die Unverbindlichkeit. Zurzeit fahre ich unheimlich gern Schiff. MS Deutschland, Queen Mary.

Und die Brille bleibt.

Unbedingt. Ich bleibe Abenteurer, Explorer, aber nur mit Schutzschild. Vielleicht wechsel ich irgendwann mal meine Frisur. Wer weiß.

Das Interview entstand vor vier Jahren zur Veröffentlichung von Udol Lindenbergs Fotoband
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