Helene Fischer: Cash-Cow & Weihnachtsfrau

FischerDie Biegsame

Als Helene Fischer kürzlich zur allerbesten Sendezeit zwei Stunden lang kostenlos ihr Weihnachtsalbum in der ARD bewerben durfte, zeigte sich die Schlagerpopqueen erneut als Opfer und Täter einer gnadenlosen Branche, der im Adventsprogramm unmöglich zu entgehen ist. Nächster Streich: Die Helene-Fischer-Show (Foto: ZDF/Ludewig) am 1. Weihnachtsfeiertag, noch so eine Dauerwerbesendung in der werbefreien Zeit des ZDF.

Von Jan Freitag

Es ist womöglich nur Gerede, Gemunkel, Geschwätz, aber es hält sich doch zäh wie so vieles, das durch die Gerüchteküche wabert: Kommende Woche, an einem Dienstagabend zwischen Mitternacht und drei Uhr früh soll es angeblich im deutschen Vorweihnachtsprogramm ein kleines Zeitfenster von mehreren Minuten geben, in dem Helene Fischer weder singt noch tanzt, moderiert oder sonstwie am Bildschirm zu sehen ist. Gewiss, das scheint bei genauerer Betrachtung mehr Tratsch als Tatsachenbericht zu sein. Aber falls ihnen der Frieden im Land wirklich am Herzen liegt, wären die Spitzen aus Politik, Kultur und Wirtschaft gut beraten, ihm nachzugehen.

Sonst droht der offene Aufruhr.

Helene Fischer nämlich, das zeigen bereits oberflächliche Recherchen im Medienland, ist derzeit ähnlich präsent wie Angela Merkel zu Krisenzeiten oder Joko & Klaas bei Pro7, also eigentlich ständig. Was immer Anfangsdreißigerin anfasst, macht ihr biegsames Organ aus einem biegsamen Resonanzkörper zu Gold, Platin, Kryptonit. Wenn Fräulein Fischers Management ein neues Album errechnet, wird es schon Monate im Voraus als Top-News aller Suchmaschinen vermeldet. Wenn es eins mit Weihnachten drauf ist, engagiert es dafür das Royal Philharmonic Orchestra im Londoner Abbey Road Studio. Wenn Florian Silbereisen sodann zum Adventsfest der 100.000 Lichter ins Erste lädt, räumt er seiner Liebsten dafür reichlich öffentlich-rechtliche Werbezeit nach acht frei.

Weil das der Reklame noch immer nicht genug war, schenkte die ARD ihrem Zugpferd vor zwei Wochen gleich noch zwei weitere Stunden zur besten Sendezeit. Als das konkurrierende ZDF kurz darauf mal wieder samstags im Schulterschluss mit der Springer-Presse sein Herz für Kinder zeigte, half Helene Fischer selbstredend am Telefon mit, das Ansehen ihres Aufmerksamkeitsmultiplikators Bild aufzupolieren. Sie zeigt sich bei Jauch, auf dem Traumschiff, in der Sesamstraße, und falls Fischers PR-Stab sein Premium-Produkt gern abseits ihres süffigen Kerngebiets prominent platzieren will, dann in Til Schweigers Bombast-Tatort am Neujahrstag, kurz nachdem sie abermals zur Helene Fischer Show ins Zweite geladen haben wird – ein Starauflauf sondergleichen, produziert von der Kimmig Entertainment GmbH, der auch die Verleihung jener Branchenpreise von Bambi bis Echo unterliegt, mit denen Helene Fischer seit zehn Jahren überhäuft wird.

Nach dem dauernden Alltagsbeschuss der Schlagerpopqueen, wird ihr Sperrfeuer gen Fest also langsam ein Fall für die Genfer Konventionen. Man kommt an der Frau nicht vorbei. Niemals. Nirgendwo. Es ist ein Rätsel. Und auch wieder keins. Denn als Flüchtlingskind der kriegskalten Achtzigerjahre müsste Jelena Petrowna Fischer aus dem sibirischen Krasnojarsk den rassistischen Lügenpressekrakeelern von Pegida bis AfD eigentlich ein Dorn im germanisch blauen Auge sein – wäre die schöne Helene nicht so deutschrussisch blond und wohlgeformt, zudem ein Musterbeispiel gelungener Assimilation an die hiesige Leitkultur, die so selig von den Schönheiten der eigenen Art singen vermag und dabei alle Sorgen zuhause lässt.

Denn von denen will Helene Fischer nichts hören. Interviews mit ihr sind Lehrstunden in Arglosigkeit, bei denen hinterher alles als ungesagt gilt, was das glattgebügelte Image auch nur oberflächlich anrauen könnte. Ein kleiner Satz zur eigenen Überpräsenz? Gestrichen! Ein offenes Wort zur Last der Berühmtheit? Raus! Selbst ihre Aussage, sie halte sich aus Debatten wie der um die völkischen Brachialrocker Freiwild raus: Nicht freigegeben. „Professionell zu liefern, was erwartet wird, zählt zu meinem Beruf dazu“ – so viel immerhin durfte sie am Ende des Gesprächs zu ihrer Moderation des letztjährigen Echos gesagt haben über eine Industrie, in der Helene Fischer Objekt und Subjekt zugleich ist, Täterin und Opfer, stinkreich und bettelarm in einem. „Ich muss mich auf der Bühne für nichts verbiegen“, sagte die gelenkige Multifunktionschiffre für nahezu jedes Publikumsinteresse vom feuchten Teenagertraum bis zum Fernsehsessel im Seniorenstift noch. Sie glaubt das vermutlich selber.

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