Go March, Fraktus, Begemann

 TT12 Go MarchGo March

Der Advent ist (nicht nur, aber besonders musikalisch) eine Zeit des eskapistischen Wohlklangs. Selbst wenn die Realität jenseits der Lichterpyramide im Fenster gemeinhin klingt wie Einstürzende Neubauten auf Speed, sind viele Wohnzimmer durchdrungen von Harmonie und Eintracht. Da muss man durch, das darf man sogar mögen, man kann sich aber auch ein wenig eleganter einigeln, subtiler, gediegener. Mit Go March. Das Trio aus Antwerpen ermöglicht dem Bedürfnis nach begrenzter Innerlichkeit eine Chance zur wohltemperierten Weltflucht, die dem gewöhnlich verabreichten Weihnachtslied kaum ferner sein könnte und gleichsam atmosphärisch so nah.

https://www.youtube.com/watch?v=KP9GLaNu0dI

Mit breitflächiger Gitarre, mathematischem Schlagzeug und schwelgerischen Synths knüpft das Debütalbum von Philipp Weies, Hans De Prins und Antoni Foscez einen Flokati aus Avantgarde, Emo-Rock und technoidem Ambientnoise, auf dem man die kalten Winternächte geflissentlich verträumen kann, dabei jedoch nicht völlig wegdöst. Dafür fordert jedes der acht instrumentalen Stücke viel zu viel Aufmerksamkeit und Anteilnahme. Beiläufig konzentrierter, kann man sich der Illusion weihnachtlicher Eintracht demnach eigentlich kaum hingeben.

Go March – Go March (Unday Records)

TT12 FraktusFraktus

Man kann dem infantilen Ernst familienfestlicher Anlässe aber auch ein Breitseite Blödsinn vor den Bug knallen. Wie Rocko Schamoni, Heinz Strunk und Jacques Palminger, deren Fake-Band Fraktus 2012 mit so furioser Dilettanz an der Legende dreier Technopioniere bastelte, dass daraus längst eine zeitlos unterhaltsame urban legend wurde. Schon der Soundtrack von Lars Jessens Mockumentary war allerdings abgesehen vom textlichen Mumpitz viel seriöser als promoted. Wenn sich der Nachfolger Welcome to the Internet also noch weiter vom Filmkontext löst, kann selbst die debilste Pose nicht kaschieren, wie viel Seriosität dem Spaßprojekt innewohnt.

Schon der Titeltrack mag im hunnenenglischen Dada-Duktus daherkommen – die technoide Wave-Peitsche ist nicht nur dank eines virtuosen Querflöten-Breaks von Heinz Strunk schlichtweg zu elaboriert, um bloß plumper Quatsch zu sein. Und auch wenn sodann lispelnd von Flugzeugen aus Gelee und Cousins aus Suppe gefaselt wird, wenn Reime ausbleiben, wo sie hingehören, und prasseln, wo sie stören: Viele der elf mehr oder weniger wunderbaren Stücke glitzern verspielt zwischen Dorau, Daft Punk und – genau: Fraktus, der großartigsten Band, die gar keine ist.

Fraktus – Welcome to the Internet (Staatsakt)

00088904Bernd Begemann

Der großartigste Superstar, der gar keiner ist, ist Bernd Begemann. Bis in die brillantinierten Haarspitzen bourgeois und bohemistisch, aber selten elitär, singt der BoBo schlechtin seit nunmehr 30 Jahren unverdrossen an gegen das Ungerechte und Schlechte, das Spießbürgerliche, Kapitalistische, Böse und ist doch allenfalls ein kleines Licht am hiesigen Pophimmel. Wenn er seinen gefühlt 500 Songs nun also Eine kurze Liste mit Forderungen hinzufügt, dürfte davon abgesehen von einer überschaubaren Schar Unentwegter kaum jemand Notiz nehmen. Schade eigentlich.

Denn wie er auf seiner 22. Platte gleich 28 Mal zum gewohnt schmissigen Bigbandkammerrock von Reife und Würde im Urbanen berichtet, vom schwierigen Vatersein und Vergeben, von St. Pauli natürlich, dem hübsch versifften, potthässlich polierten Stadtteil Hamburgs, der den schönen Bernd aus Bad Salzufflen zum Meister des Rotlichtviertelswing reifen ließ, dann ist das wie immer ein besonderes Stück Unterhaltung. Sicher, zu Beginn denkt man sich als Kenner der Materie: alles schon gehört, keine neuen Facetten, nur die alten aufgemöblet, aber was soll’s – wenn der König bodenständiger Arroganz an die Tage erinnert, als wir beide gemütliche Beziehungsprobleme hatten / dieser Luxus muss jetzt warten, möchte man mitwarten, Stück für Stück. Bis in alle Ewigkeit.

Bernd Begemann & Die Befreiung (popup-records)

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