Reportage: Sightseeing & Wirklichkeit

stadtfuehrerVieles Fassade

Wer sich Hamburgs präsentable Ecken von professionellen Touristen-Guides à la Olivia Jones zeigen lässt, kriegt vornehmlich Jubelarien über die vermeintlich „schönste Stadt der Welt“ zu hören. Weil die ein reiner PR-Mythos ist, war Zeit-Online mit Fremdenführern wie Dominik (Foto: Florian Schüppel) oder Daniell unterwegs, die auch mal hinter die Fassade blicken.

Von Jan Freitag

Und dann sagt Dominik Schönemann ihn doch, den peinlichsten Satz regionaler Selbstüberschätzung. Vier Wörter, die das ortsüblich obergärige Gebräu aus Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn zur lokalpatriotischen Phrase verdichten: „Schönste Stadt der Welt.“ Hamburg!

Hamburg?

Die Stadt hat ihren Reiz, keine Frage: Den Hafen samt Speicherstadt, baumgesäumte Gründerzeitpracht weiter nördlich, dazu ein Rathaus mit Seeblick – schon schön, aber am schönsten? Gäbe es so etwas wie eine Miss-Wahl der Metropolen, hätte diese dank mitteleuropäischer Randlage ohne Brandenburger Tor oder Meeresbrandung ganz klar Standortnachteile. Nur: davon wollen ihre Fremdenführer hier nichts hören, geschweige denn sagen. Berufskrankheit, Standesbewusstsein, Überzeugung? Wer weiß.

Einige Hundert sind in diesem hochkomplexen Ballungsraum unterwegs, um ihn für Zugereiste auf seine Hotspots zu reduzieren. Zu Fuß wie Daniell mit dem blauen Haar, motorisiert wie Dominik mit der bürgerlichen Aura, beide grundverschieden und doch unterwegs in gemeinsamer Mission: Die Stadt zu zeigen, wie sie ist, nicht wie es das Marketing mag. Dominik tut dies auf einem der 30 verschiedenfarbigen Doppeldeckbusse, die Hamburg 365 Tage durchmessen. Ihre Routen sind der zuständigen Wirtschaftsbehörde egal, solange StVO und Beförderungsrecht beachtet werden. Trotzdem führen fast alle vom Alten Elbtunnel gen City um die Alster zum Kiez mit Halt an Speicherstadt und Michel – fertig ist die Posterwelt fernab aller Brenn- und Kritikpunkte.

Dann aber betritt dieser unscheinbare Hamburger Jung seine Bühne ohne Bretter, und der Sound wird rauer, ehrlicher. „Augen rechts!“, befiehlt Dominik mit Blick zur Stadthausbrücke. Ein Dutzend Augenpaare auf dem Oberdeck leistet Folge und staunt hörbar angesichts der napoleonischen Pracht. So stellen sich Gäste die Stadt eben vor: kaufmannsstolz, aber nicht protzig. Und immerzu Wasser, überall.

Im Phrasenfechtsport Sightseeing könnte Dominik nun das Florett ziehen: Ja, so schön ist‘s an der Waterkant. Touché! Doch was tut der Jurist beim touristischen Zubrot? Wählt den Säbel und haut „Achtung, alles Fassade!“ in den Bus der „gelben Doppeldecker GmbH“. Innen Entkernen, außen verputzen, geschichtslose Augenwischerei: „Genau so geht Hamburger Denkmalschutz!“ Genau so hat er ihn auch erklärt, als er vor Landungsbrücke 4 Besucher an Bord koberte. „Ich darf den Leuten von einer Stadt erzählen, die ich wirklich liebe“, beteuerte der 32-Jährige im beige-grauen Outfit desjenigen, der nicht vom Arbeitsobjekt ablenken will. „Aber sie macht mir das echt nicht leicht.“

Wenn man ihr unbeirrt die steinerne Identität aus dem Baubestand reißt oder pastellfarben verputzt, bis Hamburgs architektonische Textur verwechselbar wird und arm. Da könne der Barmbeker, den die Tourismusbehörde mitten im Referendariat nach einem „Riesenhaufen Broschüren“ über Highlights und Historie zweisprachig zum staatlich anerkannten Stadtführer prüfte, nicht einfach auf eitel Sonnenschein machen, als sei seine Heimat schick wie ihre polierten Hüllen.

Offiziell geprüft wurde sein Kollege Daniell nicht, ein bisschen gebüffelt hat er trotzdem, mehr als alle Theorie hilft dem Multijobber mit Barschwerpunkt jedoch die Lebenserfahrung: Ein Drittel seiner 33 Jahre lebt der Lübecker auf St. Pauli, „mein Viddel“, das er in dieser Klaren Herbstnacht knapp 20 Gästen zeigt. „Was ist der Unterschied zwischen Touristen und Terroristen?“, fragt der buntgescheckte Freak von nebenan die buntgemischten Gäste aus sieben Ländern plus Wien zur Begrüßung und erntet verstörtes Kichern: „Terroristen haben Sympathisanten!“ Ein Säbeltreffer unter die Gürtellinie und dennoch die ideale Einstimmung auf das, was zwei Stunden folgt.

Sein St. Pauli Tourist Office wurde ja von einem befreundeten Anwohner zur Fußball-WM 2006 gegründet, um kostümierten Jubelpersern wie Olivia Jones endemische Stimmen mitfühlender Vernunft entgegenzusetzen. „Das wahre St. Pauli“, sagt Daniell mit Astra plus Kippe am Hals und beginnt einen Parforceritt durch die Schattenseiten der Glitzerwelt. Nur einmal quert er kurz die Reeperbahn, warnt vorm Nepp der Großen Freiheit, umkurvt wortreich alles, was die Guides in Hörweite feiern und schimpft lieber 20 Minuten am Park Fiction auf Verdrängung, Kommerz, Eventkultur, bevor es über den Hans-Albers-Platz hinter den Kiez geht, wo sich zwischen S/M-Club und Komet auch Einheimische blicken lassen.

Und sein Publikum? Macht alles mit. Auch, weil Daniell jene Standards liefert, für die es 20 Euro pro Person zahlt: den Weg des Gettos dreckiger Berufe zum Spaßviertel, gepflastert mit Störtebekers, Reepschlägern, Hafenhuren, Fußballfans. Instantwissen, versiert verabreicht, rasch vergessen, und man merkt: Nach drei Jahren auf Tour ist er ein empathischer Profi wie Dominik Schönemann. Auch der begrüßt seine Zuhörer, wie sie es von ihm hören wollen: „Moin, Moin erstmal“. So viel Klischee muss erlaubt sein. Die Berliner nicken sodann als er den Startpunkt Landungsbrücken mit acht Millionen Besuchern zu Deutschlands beliebtestem Baudenkmal kürt; die Pfälzer prusten, als er vom Weinberg gegenüber erzählt; die Paderborner kichern, als er die Wallanlagen als Schutz vor „Katholiken wie euch“ im 30-jährigen Krieg lobt; die Schweizerin blinzelt, als er ihr Reiseziel als „eine der ältesten Demokratien der Welt“ lobt. Doch all dies ist eher Häkchenmachen als Herzensangelegenheit.

Zu der wird es erst, als der Guide die Kosten der Elbphilharmonie abfragt. „500 Millionen?“, lacht er den mutigsten Vorschlag des Münsteraners nieder – „Hälfte dazu, dann sind Sie knapp dran“, was er „peinlich für die Freie und Kaufmannsstadt Hamburg“ nennt. Mit der hat Dominik bei aller Liebe viel Last und äußert sie laut: Wenn er die Hafencity „architektonischer Würfelhusten“ nennt, vom Alster-Pavillon abrät oder fragt, wer am Rödingsmarkt aussteigen wolle. Niemand? „Hätte mich auch gewundert.“ Neben einer zerbombten Kirche, die 1872 das weltgrößte Gebäude war, „gibt’s hier bloß Autos“.

Doch nicht nur Verkehr und Steine kriegen ihr Fett weg, auch Fleisch und Blut, vor allem die Haute-Volée, deren Garagen und Baumhäuser am Harvestehuder Weg manch Einfamilienhaus in den Schatten stellten. Halb respektvoll, halb spöttisch leiert der Kleinbürgersohn klangvolle Namen runter. Stich, Sander, Joop, Lagerfeld, dazu Reeder-Erben von Laeisz bis Rickmers. Und erst ein Stück uferaufwärts, wo Napoleon im Angesicht des Sees entzückt „quelle belle vue“ gerufen haben soll, Schönemann grinst, „da leben wirklich die Reichen.“

Nur, dass man von denen nicht laut spricht; eine Frage des Understatements, aber auch des Persönlichkeitsrechts, meint der angehende Anwalt und verfremdet die Anwohner. Der da drüben heiße wie ein ostfriesischer Komiker. Daneben der trinke Kaffee Marke Eigenröstung. Etwas weiter „niest man ins eigene Papiertaschentuch“. Stadtführerhumor als wohlmeinende Infiltration um der Wahrheit willen, dass diese Stadt nicht nur die meisten Bäume, Brücken und eine Börse mit direktem Rathauszugang hat, sondern hinter all der Fassadenschönheit ein Inneres, das vielerorts ums Lebenswerte gebracht wird.

Die Sophienterrassen zum Beispiel, eine „Gated Community mit Concierge und Security für Hamburgs Geldadel“, trägt der Barmbeker genüsslich vor, dessen Lobby mit all ihrer Macht grad ein Flüchtlingsheim verhindert. „Dabei waren es Migranten, die Hamburg groß gemacht haben“, empört er sich, verweist auf St. Pauli und St. Georg, in die Hamburgs Patrizier seit jeher alles Unliebsame von Huren über Galgen abschieben, zitiert noch das Bonmot von Freiheit, die stets an der des anderen endet und siehe da – der Redner erntet Applaus.

Vielleicht wollen Touristen also gar nicht mit Jubelarien beschallt werden. Vielleicht interessiert selbst die Anspruchsloseren leichtes Baedeker-Wissen weniger als schweres vom Gängeviertel, „dessen kreatives Chaos verhindert, dass das Kapital auch dieses Stück City übernimmt“. Um Dominik Schönemann nicht misszuverstehen: Der Mann mit dem akkurat gekämmten Kurzhaarschnitt ist kein linker Ideologe. Er nennt sich „eher bodenständig“, die Berufswahl Jura „was Solides“ und dessen Vorfinanzierung im Doppeldeckerbus für 14 Euro pro Stunde plus Trinkgeld „Berufung“. Deshalb serviert er die Stadt statt filetiert am Stück.

Das ist nicht nur für Ortsfremde nahrhaft. Wer an Fahrern wie dem wortkargen Tarek zu Guides wie dem redseligen Dominik aufs Cabriodeck klettert, versteht seinen Lebensraum fortan ebenso besser wie nach einem Kiezmarsch mit Daniell. Für 18.50 Euro erhält man ja nicht nur nützliches Halbwissen wie jenes, dass die erste Asphaltstraße am Jungfernstieg gebaut wurde und schon 1852 eine „Kinderverwahranstalt“ am Holstenwall. In den Zwischenräumen zweistündiger Highlight-Betankung gewähren gute Guides auch Blicke über den Tellerrand einer Metropole, deren Bewohner die Alster allenfalls zum Dom oder Horner Kreisel queren, als seien ferne Viertel zollrechtlich Ausland wie einst die Speicherstadt.

Da wäre es wünschenswert, die Illusionsverkäufer des Lokalmarketings führen mal Bus mit einem wie Dominik, den es gewiss auch bei anderen Anbietern gibt, deren Zahl 2009 nach wildem Kampf um Marktanteile von zehn auf sieben gesenkt wurde. Sie würden lernen, wie weit sich ihr Handelsobjekt davon entfernt, eine besondere Stadt zu sein. Weil die Dominiks und Daniells ihre Seitenhiebe mit so spürbarer Zuneigung garnieren, erhielten sie einen realistischeren Blick auf Hamburg, der ein nachhaltigeres Lächeln aufs Gesicht zaubert als die Katalogsprache mit Ah- und Oh-Garantie.

Daniells Gruppe jedenfalls nimmt spürbar Anteil, als er vom Kampfgeist erzählt, den seine Nachbarn im Kampf gegen Investorenträume zuweilen an den Tag legen. Und als Dominik drei Gründe sucht, warum Hamburger zum Fischmarkt gehen, antwortet er selber „Besuch von auswärts, eine lange Nacht auf dem Kiez oder Hochwasser, um abgesoffene Touristenautos anzugucken“. Schwer zu sagen, ob das Lachen der Gäste herzlich oder verlegen ist, aber sein Nachsatz sorgt für Erlösung. „Schön ist der Fischmarkt trotzdem“. Recht hat er ja.

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