S. Maischberger: Guter Göring & Mittwochstalk

imagesIch bleibe Geschichtensucherin

Sandra Maischberger (Foto: ARD) zählt zu Talkshowstars im Land. Dass sie auch Filme macht, ist weniger bekannt. Ein Gespräch über ihr Dokuspiel Der gute Göring (Sonntag, 22 Uhr, ARD), ob sie den Regimegegner lieber in der Talkshow hätte als dessen Nazi-Bruder Hermann und welcher Sendeplatz ihr dafür kurz vorm Wechsel auf den Mittwoch am liebsten wäre.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Maischberger, vor diesem Film hatte ich ehrlich gesagt noch nie was von Hermann Görings gutem Bruder gehört…

Sandra Maischberger: Keine Sorge, da befinden Sie sich in bester Gesellschaft der meisten Menschen, die ich kenne.

Wie sind Sie da auf ihn gestoßen?

Da muss ich etwas ausholen. Als seine Geschichte in den 60er Jahren erstmals erzählt werden sollte, wollte hierzulande noch keiner was über die damalige Zeit hören. Zur Jahrtausendwende dann gab es eine britische Dokumentation, die ein australischer Forscher gesehen hat, der ein Buch darüber schrieb. Dieses Buch nahm der Autor Gerhard Spörl zum Anlass seines Spiegel-Artikels Görings Liste. Darin schreib er nicht nur, dass man mit diesem Brüderpaar die ganze Dramatik des Nationalsozialismus erzählen könnte, sondern auch den Satz: Das wäre ein guter Filmstoff.

Und dann kamen Sie!

Genau. Wir haben uns getroffen und gemeinsam gefunden: Es ist ein Filmstoff!

Dachten Sie da noch an einen dokumentarischen oder schon fiktionalen?

Unser Ansatz war zunächst ein dokumentarischer, aber wir haben schnell gemerkt, dass es im Gegensatz zur Fülle an Material über Hermann Göring zu wenig Archivmaterial vom Bruder gibt. Und das, obwohl mindestens viermal versucht wurde, ihn an den Galgen zu bringen: zweimal durch die Gestapo, weil er gegen die Nazis war, zweimal durch die Alliierten und die Tschechen, weil er für die Nazis gewesen sein soll.

Und immer hat ihn Hermann rausgehauen?

Natürlich nur während der Nazidiktatur.

Ist es dennoch verbrieft, dass er so operettenhaft war wie der Reichsfeldmarschall?

(lacht) Operettenhaft, das passt. Und ist in der Tat belegbar. Dieser antiquierte Stil war damals durchaus angesagt. Außerdem waren beide sehr auf Äußerlichkeiten bedacht, auch wenn Albert seine Gäste anders als Hermann wohl nie in der Toga begrüßt hat (lacht).

Sorgt dessen Darstellung unterm Titel “Guter Göring” nicht womöglich für Schnappatmung beim kritischen Publikum, jetzt würden nach Volk und Mitläufern auch noch Nazi-Größen reingewaschen.

Sehr gut, wir haben Ihre Neugierde geweckt, dann klappt’s vielleicht auch mit dem Rest der Zuschauer. Hermann Görings gute Seite war aber allenfalls die, seinem Bruder trotz aller Differenzen stets loyal gegenübergestanden zu haben. Sonst hätte Albert nicht überlebt. Andererseits hat Hermann Göring den Ufa-Star Henny Porten, die mit einem Juden verheiratet war, nicht aus Empathie geschützt, sondern um sich seiner Herrschaft über Leben und Tod zu vergewissern.

Dennoch – ist das Publikum von Hermanns Abgründigkeit nicht mehr fasziniert als vom netten Albert?

Schwer zu sagen. Aber deshalb war es ja auch unser Ziel, Interesse am Spannungsverhältnis beider zu entwickeln, statt eine reine Heldengeschichte zu erzählen. Die Sympathien sind am Ende des Tages beim Guten, aber ohne das Böse ist dieser hier nicht erklärlich und fad.

Wenn Ihre Talkshow zu Lebzeiten der beiden auf Sendung gewesen wäre – wen hätten Sie sich lieber eingeladen?

Oje. Also vor 1930, als Hermann noch vornehmlich ein Weltkriegsheld war und Albert glaubte, die Ideologie seines Bruders würde sich nicht durchsetzen, hätte ich vielleicht in Erwägung gezogen, mit beiden zu reden. Aber ich lade gewiss keine Menschheitsverbrecher in eine Runde. Albert Göring alleine wäre dagegen immer ein toller Gast gewesen; dummerweise bin ich 1966 geboren – in dem Jahr, in dem er starb.

Was taugt für eine Talkshow Ihrer Art grundsätzlich besser – das Böse oder das Gute?

In Reinkultur weder das eine noch das andere. Das ist nämlich nicht nur äußerst selten, sondern auch ziemlich langweilig. Erst Brüche machen Biografien interessant, und wir haben sie alle. Ich würde auch Ihren finden, glauben Sie mir.

Themen ohne menschliche Komponente scheinen Sie nicht sonderlich zu interessieren.

Ich will den Menschen jedenfalls nie ausblenden, auch wenn ein Minister vor mir sitzt. Wenn ich mit dem, sagen wir, über Flüchtlinge rede, ist es doch wichtig, ob er selbst zum Beispiel aus einer Flüchtlingsfamilie kommt. Ich kann gar nicht sagen, ob ich lieber über die Sache zum Menschen vordringe oder umgekehrt, aber ohneeinander ist beides meist zu wenig.

Nach dem Tod von Helmut Schmidt, den Sie beruflich wie persönlich lange begleitet haben – gibt es da noch viele potenzielle Gesprächspartner, die das Biografische so intensiv mit dem Politischen verbinden wie er?

Ich habe mir vorgenommen, nicht über ihn zu sprechen. Aber von seinem Kaliber gibt‘s in der Tat zusehends weniger, die für mich, aber auch für das Publikum derart interessant sind. Das liegt, abgesehen von aller Intelligenz, Bildung und Lebenserfahrung vor allem an der Fähigkeit, Sachverhalte und Meinungen leidenschaftlich und rhetorisch so mitreißend zu vermitteln wie er.

Wen dieses Kalibers hätten Sie denn gern noch in der Sendung?

Ach, in Deutschland hab ich mittlerweile mit fast allen schon gesprochen. Aber den einen oder anderen US-Präsidenten hätte ich schon noch gerne.

Und das, obwohl sie seit fast 30 Jahren beruflich das Leben der anderen durchleuchten. Treten da bisweilen Ermüdungserscheinungen auf?

Ich habe als Journalistin drei Interessen: Sachthemen, Persönlichkeiten, Austausch. Solange alles wie in meinen Talkformaten zusammentrifft, gibt es keine Ermüdungserscheinungen.

Dieser Spielfilm hier könnte immerhin andeuten, dass sie Ihr Portfolio erweitern…

So neu ist dieses Interesse gar nicht. Ich hab vor gut 20 Jahren einen Kameramann geheiratet, den ich bei Spiegel-TV kennengelernt hatte. Bei der Arbeit mit ihm stoße ich seither regelmäßig an die Grenzen des Dokumentarischen, was den Pfad in Richtung Dokudrama schon früh öffnete, von dem der Weg zum Spielfilm nicht mehr weit ist. Deshalb ist es kein Zufall, dass ich Matthias Martens in meine Firma geholt habe, der bei Sat1 explizit für Fiktion zuständig war. Als Fan von Heinrich Berloer empfinde ich die dokumentarische Fiktion als logische Fortsetzung der journalistischen Erzählweise.

Also – künftig mehr Fiktion?

Ich bleibe vornehmlich Geschichtensucherin statt -erzählerin, aber der Anteil könnte steigen.

Auch in Richtung gänzlich erdachter Fiktion?

Finde ich als Zuschauerin auch hochinteressant. Aber ich bin Journalistin. Ich kann vielleicht existierende Geschichten weiterentwickeln. Fiktionale Kollegen ersinnen ihre Storys auf weißem Papier. Es wäre anmaßend, zu behaupten, das könnte ich auch.

Sieht die es als Up- oder Downgrade, wenn ihre Talkshow ab Januar vom Dienstag zum Mittwoch wandert?

Wir werden im Chor der ARD weiter jene Stimme sein, die namenlose Personen im Kontrast zu populären Figuren auf die Bühne bringt. Da wir die Talkwoche im Ersten fortan beschließen und im WDR zudem nicht mehr der Abteilung Unterhaltung, sondern Politik unterstehen, wird sich unser Schwerpunktleicht verschieben – aktueller, politischer, experimenteller, auch mal ein Rededuell zwischen zwei Kontrahenten zum Beispiel. Das ist nach zwölf Jahren auf dem Dienstag eine Chance, uns ein wenig selbst neu zu erfinden.

Also Aufstieg?

Absolut.

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