Anderson.Paak, Bonnie Prince, Jesu/Sun

TT16.1 PaakAnderson .Paak

Wer „anschlussfähig“ sagt, meint trotz der Folk-Renaissance heutzutage meist R’n’B. Keine Spielart des Pop ist im Weltmaßstab wohlfeiler, massenaffiner, lukrativer. So gesehen wäre Brandon Anderson Paak nur einer unter Abertausenden, die dem globalen Warenstrom des digitalisierten Soul mit etwas Blues und Hip-Hop ein paar Gefälligkeitsbeats beifügen. Doch so einfach ist es nicht bei Anderson .Paak, wie sich der kalifornische Songwriter auch auf dem zweiten Studioalbum Malibu nennt.

Video: https://soundcloud.com/andersonpaak/room-in-here-feat-the-game-sonyae-elise

Knirschend legt sich seine Stimme über fett produzierte Arrangements als hätte sie ihm der junge Prince eingeflüstert. Begleitet von Kollegen wie The Game oder ScHoolBoy deklinieren die zugehörigen Raps das Vokabular von Bitch bis Nigga hinreißend selbstironisch durch. Zwischen der kosmopolitischen Lässigkeit von Arrested Devolopment und Outcasts funkigem Mashup taugt Andersons Aura somit ebenso für ein halbes Dutzend Beiträge zu Dr.Dres halboffiziellem Soundtrack Compton wie zur Meeresrauschenbegleitung am Strand. Die Szene feiert den Newcomer bereits als „brandheiß“. Besser träge es „angenehm mild“. Bei diesen Außentemperaturen nicht das Schlechteste.

Anderson .Paak – Malibu (Stell Wool Entertainment)

TT16.1 BonnieBonnie Prince Billy

Wie schief es, zurück auf dem staubig-emotionalen Pfad des Folk, geradewegs bergauf gehen kann, belegt abermals: Will Oldham. Ein Singer/Songwriter uralter Schule, den es gar nicht geben dürfte und irgendwie auch gar nicht gibt. Halbglatzig, untersetzt und sonderbar krächzend fügt er dem Country seiner amerikanischen Heimat seit Ewigkeiten die krümmsten Töne des Genres zu. Damit brachte es das Landei aus Kentucky unter verschiedenen Namen in fast 25 Jahren nicht nur zu 30 Platten, sondern der Indie-Weihe schlechthin: sechs Einladungen zu den legendären John-Peel-Sessions, von denen drei fürs neue Album Pond Scum vereint wurden.

Video: http://www.dominorecordco.com/pondscum/

Die extrem reduzierte, bittersüß melodramatische Melange fordert zwar selbst den Hörgewohnheiten der diesbezüglich belastbaren Zielgruppe für reduzierten Singer/Songwriter-Folk alles ab. Doch wer sich auf die gitarrenbegleiteten Unmutsbekundungen über ein falsches Leben im Falschen einlässt, versinkt dabei wie in Treibsand. Ein wenig morbide, gewiss, aber wohlig und warm und beruhigend.

Bonnie Prince Billy – Pond Scum (Domino)

TT16.1 JesuSunJesu/Sun Kill Moon

Wenn es allzu wohlig warm wird in den Herzen und Häusern, kann man allerdings auch ruhig mal mit etwas dissonantem Krach gegensteuern. Das Indiefolk-Trio Sun Kill Moon des rührigen Sängers Mark Kozelek aus Ohio liefert da im Team mit Justin Broadricks experimenteller Rockband Jesu (Wales) ein Paradebeispiel, wie man trotz grölender Gitarren ein Gefühl von Geborgenheit erzeugt. Was nicht zuletzt daran liegt, dass sie sich für ihre Kollaboration zutiefst geerdete, aber zur Katzenmusik bereite Kollegen wie – da ist er wieder – Will Oldham – oder Isaac Brock von Modest Mouse geladen haben. Das Ergebnis verdient weit mehr als andere gleich eine ganze Reihe jener Präfixe vermeintlich überwundener Vorgängerstile: Post-Rap, Post-Punk, Post-Metal, Post-alles, was sein Genre puristisch definiert. Vergleichbar allenfalls den uneingeschränkt fabelhaften Post-Post-HipHopern Listener spricht sich Kozelek auf dem selbstbetitelten Projektalbum allen Weltschmerz von der Seele, der darauf noch Platz hatte, klingt dabei aber – den Gitarren sei dank – nie larmoyant oder selbstgefällig. Ein tolles Album, um dem Winter ohne Heizstrahler Richtung Frühling zu prügeln.

Jesu/Sun Kill Moon – Jesu/Sun Kill Moon (Rough Trade)

Hype der Woche

COVEREXACTYXTurbostaat

Altersmilde ist ein Zustand, dem kaum jemand entkommt, der sein Leben lang im Fegefeuer der eigenen Ideale schmorte. Selbst das musikalisch Beste, was der Punkrock mit hintersinnigem Gesang aus Deutschland zu bieten hat, bleibt davor nicht  gefeit: Turbostaat. Ihr neues Album Abalonia klingt nicht nur dem Titel nach eher nach Feenwald als Demobarrikade, es hört sich auch ungeheuer ruhig und träumerisch an. Aber kein Problem. Es steckt immer noch viel Kraft in der Balladenhaftigkeit. Und wenn Jan Windmeier wie bei der Release-Party in Hamburg ankündigt, jetzt aber mal ein paar alte Kracher zu spielen, geht das Publikum halt etwas später steil. Weitermachen!

 

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