Jerry Lewis: Eric Friedler & Der Clown

LewisDie Tragik der Komik

Auch ein halbes Jahrhundert nach seiner Glanzzeit kennt die Welt Jerry Lewis nur als Spaßvogel. Dieses Klischee wollte er 1972 mit einer Tragikomödie bekämpfen. Vergebens. In seiner Doku Der Clown geht Eric Friedler (rechts, mit Jerry Lewis; Foto@NDRdiesem verschollenen Film nach – und dem Phänomen Jerry Lewis auf den Grund.

Von Jan Freitag

Schauspieler genießen ein außergewöhnliches Privileg: Bei der Arbeit schlüpfen sie auf Abruf in völlig fremde Menschen und simulieren deren Persönlichkeit, ja deren ganze Existenz, als sei es die eigene. Danach aber, ein noch viel größeres Privileg, schlüpfen sie wieder raus aus dieser Jacke namens Rolle. Applaus, Vorhang, ab in die Maske, zurück auf Alltag, einfach so. So einfach?

Fiel es Jerry Lewis nie.

Für Spätgeborene: Jerry Lewis ist der beliebteste Komiker seiner Epoche. Geboren auf Amerikas Stand-up-Bühnen, prägte er das technicolorbunte Komödienkino der Nachkriegszeit mit zeitgemäßem Slapstick wie Charly Chaplin das schwarzweiße der Jahre zuvor. Er ähnelte dem Stummfilmstar allerdings noch in einem anderen Punkt fatal: So befreiend Jerry Lewis‘ Humor auf das Publikum einer konventionsstarren, stockkonservativen, zutiefst verklemmten Gesellschaft wirkte, nahm er doch gleichsam deren Befreier gefangen. Denn niemals durfte der Clown aus New Jersey anders sein als lustig, selbst dann nicht, wenn gar keine Kameras liefen. Zwischen all den Bürotrotteln, Heulbojen und Aschenblödeln seiner Welterfolge blieb ihm jeder Anflug von Ernst so nachhaltig verwehrt, dass er ihn irgendwann auf eigene Faust in Angriff nahm – und nur noch umfassender scheiterte.

Als Darsteller, Regisseur, Autor, Produzent und Mensch – so schildert es der ewige Komödiant in einem Film von so hinreißend tragischer Schönheit, dass man zögert, worüber es als erstes zu staunen gilt: die melodramatische Atmosphäre, zu der ein Film mit Jerry Lewis in der Hauptrolle offenbar fähig ist. Oder die Tatsache, dass dieses Fossil einer nostalgischen Leinwand-Ära überhaupt noch lebt. Für beide Aha-Erlebnisse ist jemand zuständig, der die Abseiten des Lebens seit Jahren mit so unterhaltsamer Wissbegier bereist, dass er längst selbst zum Subjekt einer Dokumentation taugt: Eric Friedler.

Wie schon im Fall des gefallenen Boxers Charly Graf, der ermordeten Studentin Elisabeth K. oder zuletzt vom israelischen Freiheits-DJ Abie Nathan beweist der preisüberhäufte NDR-Autor erneut sein grandioses Gespür für Themen am Rande des Mainstreams. Jerry Lewis porträtiert er daher nicht stumpf zum 90. Geburtstag im März, Friedler erklärt den körperlich gebrechlichen, aber geistig hellwachen Jubilar anhand seines künstlerischen Vermächtnisses, eine Art filmischer Nemesis: The Day The Clown Cried.

Mit diesem Drama wollte Lewis 1972 einem Schubfach entfliehen, in das die Branche seinerzeit nichts sicherer verwahrte als ihn. Seit jeher war Hollywoods Hofnarr auf Frohsinn gebucht, bis er unter eigener Regie einen Zirkusclown spielte, den die Nazis wegen eines falschen Witzes ins KZ stecken, wo er totgeweihte Kinder fröhlich ins Gas geleitet. Zu einer Zeit, als selbst am liberalen Drehort Schweden niemand öffentlich über Auschwitz sprach, war das ein unerhörtes Stück Vergangenheitsbewältigung. Für den Schauspielersohn Joseph Levitch aus New Jersey hingegen war es noch viel mehr. Unterm weltbekannten Künstlernamen saß er ja selbst im Kerker: dem seines eigenen Berufes, weltweit geliebt, weithin unterschätzt, zusehends erfolglos.

Seine Tragikomödie war da als Ausbruch geplant, ein ernster, nicht humorloser, aber durchweg sachlicher Befreiungsschlag. Nur – ob er gelungen wäre, bleibt bis heute ungeklärt. Der Film kam nie ins Kino und wurde somit zu dem, was der beteiligte Oscar-Gewinner Pierre Étaix „eines der größten Geheimnisse der Filmgeschichte“ nennt. Genau dem geht Eric Friedler nahezu zwei Stunden, die an keiner Stelle langweilig geraten, nach. Es ist ein Krimi ohne Mord, Ursachenforschung als Who-dunnit und dramaturgisch schlichtweg brillant. Der investigative Autorenfilmer aus Hamburg bringt schließlich nicht nur Jerry Lewis nach 44 Jahren erstmals über die größte Niederlage seiner siegreichen Karriere zum Reden, die ihn einst tief in die Depression getrieben hatte; Friedler stöberte auch nie gezeigte Szenen von 1972 auf, die er nun von sechs überlebenden Darstellern am schwedischen Set in Bühnensituationen ergänzen lässt.

Dieses fließende Wechselspiel zwischen Film und Theater, Original und Fälschung, Protagonisten und Beobachtern, gestern und heute ist schon jetzt ein Pflichtkandidat für den Grimme-Preis 2017. Und ganz nebenbei ist es eine Therapie für den Verantwortlichen dieses Mysteriums. „Es gibt keinen Tag in meinem Leben“, sagt der amerikanische Superstar zum deutschen Dokumentaristen, „an dem ich nicht an diesen Film denke“. Dann zeigt er dieses bildschirmfüllende, steinerweichende, von Herzen fidele Jerry-Lewis-Gesicht, das andere froh und ihn so traurig gemacht hat und deutet damit etwas Erstaunliches an: Vielleicht hat er jetzt ja Ruhe. Friedler sei Dank.

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