Akte X: Verschwörungen & Monster der Woche

aktexConspiracy Sells

Am Montag öffnen Fox Mulder und Dana Scully (Foto@Fox) nach 14 Jahren wieder für sechs Folgen die Akte X. Schockierender und schlechter synchronisiert als von 1993 bis 2002, aber ebenso verschwörungstheoretisch – nur dass gut und böse die Seiten tauschen, was auch an den kommenden fünf Montagen um 21.10 Uhr ein bisschen nach Tea Party klingt.

Von Jan Freitag

Fernsehserien sind häufig Kinder ihrer Zeit. Twilight Zone oder Star TrekDallas oder Diese Drombuschs – vom bürgerlichen Werteverfall über den Weltraumboom bis zu Thatcherism & Reaganomics verarbeiten sie die Gesellschaft ringsum so unterhaltsam, als wären es Glossars ihrer Ära. Auch Akte X war so ein Epochen-Produkt. Als die Mauer fiel, fehlte Hollywood ein klar definierter Feind. Die Russen standen vorm Exitus, die Chinesen erst in den Startlöchern, die Islamisten auf Washingtons Gehaltliste und selbst deutsche Nazis allenfalls als Komparsen am Set herum. Die Traumfabrik brauchte Ersatz. Da bot sich etwas verschwörungstheoretisch Verwertbares an: Aliens. Unbegreiflich, amorph, furchterregend und frei gestaltbar taugten sie perfekt für die unterversorgte Paranoia der diffusen Gegenwart anno 1993.

Neun Jahre später endete der globale Straßenfeger nach 202 Folgen, wenngleich weniger mangels Erfolg als mangels Bedarf. Seit 9/11 hatte sich die Stimmung am Standort USA radikal gewandelt. Verschwörungen richteten sich nun nicht mehr wie neun Staffeln lang insinuiert von übersinnlicher Seite gegen den Staat, sondern vom eigenen Staat gegen alle, Bevölkerung inklusive. Das ganze Ausmaß der realen X Files wurde zwar erst im NSA-Skandal bekannt. Doch bald nach dem Sturz der Twin Towers waren Außerirdische nicht mehr zwingend extraterrestrischen Ursprungs. Fast schien es, als sei die FBI-Abteilung für mysteriöse Fälle nahtlos in der CIA aufgegangen. Fox Mulder und Dana Scully waren arbeitslos.

Bis heute. Um 21.10 Uhr treten sie auf ihrem Hauskanal Pro7 abermals in Erscheinung und haben gleich selber eine: Aliens sind mal wieder auf der Erde gelandet, Auftrag rätselhaft, Verbleib ebenfalls, Alarmstufe Rot. Alles wie in nahezu jeder vorherigen Episode und zwei Kinofilmen zuvor also? Nein, denn 2016 werden die special agents nicht staatlicherseits aus der Versenkung geholt, sondern vom TV-Moderator Dan O’Malley (Joel McHale), ein reaktionärer Hardliner im Stile des Fox-News-Demagogen Glen Beck, der 24 Stunden lang wirres, aber wirkmächtiges Komplottgefasel verkauft. Diesmal: Vor 60 Jahren hat Washington die Landung eines UFO verschwiegen, um daraus heimlich Massenvernichtungswaffen für die Weltherrschaft zu basteln. Sein wichtigster Beweis ist eine Frau, die angeblich als Gebärmaschine eingepflanzter Alien-Föten missbraucht wurde.

Anders als früher, wo die „Monster der Woche“ – das es natürlich auch wieder geben wird – allenfalls lose zu einer episodenübergreifenden Invasionsgefahr im Land der Freiheit verknüpft waren, geht es damit um ein und denselben Feind, der zudem die Seiten gewechselt hat. Konsumgesellschaft, Klimawandel, Werteverfall, Sicherheitswahn, Überwachungsstaat – alles gerät im anschwellenden Hirngespinst des Fernsehpopulisten zum Teil einer groß angelegten Regierungsintrige. Das ist gewissermaßen Science Fiction für die Tea Party, produziert von deren Propagandakanal Fox, mit dem einst eher linksliberal staatsgläubigen Verschwörungstheoretiker Mulder vorneweg, der sich nach vielen Jahren Sendepause an der Seite seiner rationalen, also irgendwie auch eher demokratisch gesinnten Partnerin Scully erneut ins Getümmel konkreter Bedrohung und wirrer Mutmaßungen stürzt. Nur diesmal eben irgendwie von Rechtsaußen in die Mitte grätschend.

Während ihre Dramaturgie eher konservativ wirkt, ist die Miniserie ästhetisch hingegen recht progressiv. Von der VFX-Technik, die das Raumschiff der Aliens landen oder verschwinden lässt, konnte Showrunner Chris Carter selbst zum Ende der alten Serie hin höchstens träumen. Hauptdarstellerin Gillian Anderson, Mitte der Neunziger ein Rolemodel seriöser Attraktivität, hat durch ein paar Jahre nachträglicher Reifung ihre Maskenhaftigkeit verloren. Und Kollege David Duchovny ist seit seiner zweiten Luft als hinreißender Filou in „Californication“ noch reizender geworden. Umso weniger kann man sich gelegentlich ein Fremdeln mit dem Sequel verkneifen.

Zu aufdringlich ist die Musik, deren dräuender Sound anders als im angenehm reduzierten Original nicht eine Sekunde aussetzt. Zu effekthaschend ist auch die Ausstattung, deren Schockmomente allzu bemüht mit dem zeitgenössischen Horror-Porn des Mainstreams konkurrieren. Zu anstrengend ist vor allem Mulders neue Synchronstimme Sven Gerhardt, die nach dem (geldbedingten) Abgang des angenehm rauchigen Benjamin Völz nun schwer nach Rasierwasserwerbung klingt. Das dürfte hart gesottene Fans, die ihre Vorfreude seit langem lautstark ins Netz zwitschern, allerdings nicht abschrecken. Ihre Sehnsucht nach Scully und Mulder wird ja nebenbei auch noch mit anderem Urgestein wie Chief Skinner (Mitch Pileggi) oder dem sinistren „Raucher“ (William P. Davis) befriedigt, dessen furioser Auftritt im heutigen Cliffhanger alle alten Ängste hervorholt.

„Conspiracy sells“, sagt der sorgsam verlotterte Fox Mulder zum Verschwörungsdealer O’Malley, bevor er im zweiten Teil wieder Anzug trägt. Damit kommentiert er irgendwie auch ein bisschen die Serie selbst. War sie vor 22 Jahren diesbezüglich ein Vorreiter des Mystery-Genres, reitet sie dessen Welle jetzt eher aus, als ihm Innovationen hinzuzufügen. In den USA haben dabei zu Beginn dennoch 16 Millionen Menschen zugesehen. Das mag dem NFL-Halbfinale zuvor geschuldet gewesen sein. Ohne Zweifel hatte es aber auch mit dem Mythos einer Legende zu tun, an der weder Rasierwassertimbre noch neue Verschwörungstheorien je was ändern können.

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