Henry Hübchen: Charakterkopf & Quote

3153551_dbbe8183d35a8ce0eff7664e710fe902_610x340re0Immer ein Stück von mir selbst

Henry Hübchen (Foto@ARD-Degeto) gehört zu den letzten echten Charakterköpfen des deutschen Films, der sich trotz Kinolegenden wie Alles auf Zucker auch für leichte Unterhaltung von Commissario Laurenti bis zum durchschaubaren Familienmelodram Unterm Eis (Freitag bis Montag zu wechselnden Zeiten auf EinsFestival) nie zu schade war. Zu seinem 69. Geburtstag in der nächsten Woche gratuliert freitagsmedien dem streitbaren Berliner mit einem streitbaren Interview zum Start als italienischer Kommissar vor zehn Jahren.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Hübchen, Sie beklagen, das Fernsehen leide unter Niveaulosigkeit. Gleichwohl sind Sie recht präsent auf dem Bildschirm. Ist das Ausdruck einer Art Hassliebe?

Henry Hübchen: Nee. Das ist subjektiv, ich habe gar nicht das Gefühl, viel zu sehen zu sein. Soviel mache ich gar nicht, höchstens zwei Filme im Jahr.

Dazu mehrere Serien.

Ja schon, aber das sind dann genau sechs Drehtage. Da braucht man dann ein bisschen Geld und dreht eben. Sechs von 365 – wat is’n det? Andere arbeiten dafür 200 Tage im Jahr.

Ihr Verhältnis zum Fernsehen ist also nicht gestört?

Ach, ich hab eine positive Beziehung dazu. Das Problem ist natürlich, dass die Produktionsbedingungen immer schlechter werden, aber vom Prinzip her ist es doch klasse, dass man Filme im Fernsehen ausstrahlen kann, die sich alle Leute ansehen können. Besser als Theater, dass man drei Straßen weiter schon nicht mehr wirklich wahrnimmt.

Im Herzen sind Sie aber dennoch Theaterschauspieler geblieben.

Im Herzen bin ich eigentlich (überlegt lange)… Was bin ich eigentlich im Herzen? Jemand, der Sachen machen will, die die Leute überraschen. Das kann man mit Theater genauso wie mit Film und vielleicht auch mit Events oder Performance-Geschichten. Da will ich mich nicht festlegen, das bin ich nicht. Ich bin jemand, der immer Theater gemacht hat, es hatte in meinem Leben eine größere Kontinuität als Fernsehen, aber Fernsehen und Film hab ich auch immer gemacht nach der Schauspielschule.

Spielen Sie lieber Rollen, die Ihnen charakterlich nahe kommen oder in denen Sie sich stark verstellen müssen?

Tja.

Ein Beispiel ist Alles auf Zucker, von der es hieß, Sie spielten darin sich selbst.

Ich spiele immer ein Stück von mir selbst. Manchmal weniger, manchmal mehr. Sie können gar nichts spielen, das nichts mit Ihnen zu tun hat, Sie müssen es immer für sich übersetzen, auch wenn es eine fürchterliche Figur ist, die sich nur mit Morden beschäftigt. Ich bin noch nie in die Tiefe gegangen, könnte aber einen Tiefseetaucher spielen. Überall sind es auch bloß Menschen, die noch ein anderes Leben haben als Mörder oder Tiefseetaucher und das interessiert mich, wenn Bücher so geschrieben werden, dass dieses Andere zu sehen ist, statt nur eine Dimension – nicht nur Kanzler sein, sondern ihn auch in anderen widersprüchlichen Facetten erzählen. Die haben ja dieselben Probleme wie Sie und ich, das finde ich unterhaltsam und spannend. Ein Stasimajor ist nicht nur ein Arschloch, er kann auch ein guter Mensch sein. (lacht) Nur so als Beispiel.

Versuchen Sie das Positive in negative Charaktere hineinzulegen, um das aufzuzeigen?

Na ja sicher, eine Dimension ist langweilig, die gibt es nicht, die wird nur suggeriert. Das wird gerade in dieser Gesellschaft durch ständige Verkürzung so dargestellt und am Ende glauben wir nur noch, der ist nur gut und der nur schlecht, der eine ist nur schön und der andere nur schlecht.

Hat dieses Schwarzweißdenken etwas mit dem Aufkommen der Privatsender zu tun?

Das war schon immer da. Comics gibt es ja auch schon immer. Wann sind Tarzan und Dagobert Duck erfunden worden? In Grimms Märchen gibt es auch nur einfach geschnittene Figuren. Ich mag eben Geschichten erzählen, die mehrdimensional und komplex sind. Das macht mir mehr Spaß.

Sie mussten sich entscheiden, ob Sie Commissario Laurenti oder Polizeiruf-Kommissar Törner spielen. Warum haben Sie ersteren gewählt?

Weil ich den anderen schon kannte und den neuen erst noch kennen lernen wollte. Das eine ist eine Figur in Mecklenburg-Vorpommern, das andere eine in Italien, anders sozialisiert, mit anderen Möglichkeiten.

Hatte das auch etwas mit dem Schauplatz im sonnigen Italien zu tun?

Auch, aber in erster Linie etwas mit den Büchern. Veit Heinichens sind besser, zumindest für mich und was ich dafür zu tun habe. Eine andere Figur hätte ich darin vielleicht nicht gespielt, aber den Haupthelden in dieser Konstellation zu spielen war für mich interessanter als den im Polizeiruf. Die Landschaft spielt natürlich auch eine Rolle, auf der anderen Seit ist der Polizeiruf eine tradierte Serie, die ich im Zweifel bis an mein Lebensende machen kann. Aber das ist doch langweilig.

Man kann die Figur ja auch verändern.

Trotzdem ist das doch wie eine Ehe. Natürlich gibt es die wunderbare, lang anhaltende, sich immer wieder erneuernde Ehe, aber ich habe mich eben für die neue Frau entschieden.

War es für Sie okay, sich entscheiden zu müssen?

Nee, war es nicht. Aber ich bin hier ja auch nicht der Entscheidungsträger. Es gab ein Entweder-Oder und ich habe mich eben so entschieden.

Was unterscheidet Commissario Laurenti von seinen Vorgängern im deutschen Fernsehen Brunetti und Cattani.

Da fragen Sie den falschen. Ich kenne beide nicht und Laurenti ist auch kein Nachfolger. Es gibt jemand, der hat vier Romane über Menschen geschrieben und daraus Kriminalgeschichten gemacht, die in einer konkreten Stadt spielen und mit den anderen Kommissaren gar nichts zu tun haben. Das ist, als wenn Sie einen Schriftsteller fragen, warum schreiben Sie dieses Buch, es gibt doch schon Bücher.

Sie haben nie einen Donna Leon-Krimi gesehen?

Na ja, ich hab sicher mal reingeschaut, aber kann dazu nüscht sagen, weil ich ein Zapper bin. Und ich kann die beiden Figuren jetzt auch nicht wie ein Soziologe vergleichen, dafür sind andere zuständig.

Wie authentisch können deutsche Schauspieler Italiener spielen?

Das ist doch ganz normal. Ich habe schon mehrere Italiener gespielt. Zum Beispiel Don Jujan, oder in Magdeburg den Romeo, ein klassischer Italiener; da hat ein ganzes deutsches Ensemble Italiener gespielt.

Die Degeto möchte das auch auf dem italienischen Markt verkaufen. Funktionieren deutsche Italiener dort?

Ich bin kein Marketingstratege und es ist mir auch scheißegal. Ich hab meine Gage bekommen und jetzt sollen sie es verkaufen, wo sie wollen. Mir geht’s um die Arbeit, dass sie mir Spaß macht.

Haben Sie ein Faible für Krimis?

Nein, das hat nur was mit Angeboten zu tun. Da in Deutschland neben Talk- und Spielshows überdimensional viele Krimis gemacht werden, fallen Sie zwangsläufig wie durch einen Zufallsgenerator immer wieder auf einen Krimi, wenn Ihnen Rollen angeboten werden. Jetzt fehlt eigentlich noch eine Arztserie, aber die gefallen mir nun wirklich gar nicht.

Wie erklären Sie sich das Faszinierende an Krimi?

Keine Ahnung, ich bin selbst kein Krimigucker. Mir gefallen eher Filme, die gesellschaftliche Wirklichkeit zeigen, über die man auch lachen kann.

Den Anspruch haben viele Krimis auch.

Aber ich weiß nicht, ob sie das dann wirklich sind. Tatorte, Polizeirufe, Rosa Roth, Die Kommissarin – ich glaube es nicht. Die Realität des Polizeialltags sieht jedenfalls anders aus. Die würde ich gern mal dargestellt sehen. Wird ja versucht, Reality-TV, wo zwei durch die Gegend rennen.

Nicht sehr real.

Aber zwei richtige Polizisten. Das ist auch nicht unsere Aufgabe, es bleibt immer eine Fiktion, aber vielleicht doch eine, die einen Finger auf die Seltsamkeit der Realität lenkt. Das finden sie in den meisten Krimis nicht.

Real kann auch dies sein: Commissario Laurenti schwitzt sehr viel.

(lacht) Und ich bin leider der einzige, der das tut. Unabhängig von Ausstattung und Requisite bin ich scheinbar derjenige, der da den Sommer darstellen soll. Das macht ein Schauspieler dann auch noch.

Da kam dir Frage auf, was das für einen Grund haben könnte.

Das sind so Sachen, die man interpretieren kann. Ist aber nicht so gewollt. Das sind Vorgänge, die man gar nicht ausrechnen kann. Es zeigt diesen Sommerteil im Roman, wie in amerikanischen Filmen, wo immer alles so schwitzt. Man merkt beim Zuschauen, mannometer, ist das heiß. Da haben mich die Verantwortlichen im Stich gelassen.

Der erste Teil ist verregneter.

Stürmischer, nasskalter Winter. Vereist. Was anderes haben wir da nicht vorgefunden, sonst hätten wir noch später drehen müssen. Wir haben schon versucht, den ersten in der warmen Zeit zu machen und den zweiten, wenn es nur etwas kälter wird. So was wird zusammen gemacht, weil es billiger ist. So entstehen Filme.

Einer Ihrer Kollegen ist nach den Dreharbeiten gleich in Triest geblieben. Wäre das was für Sie?

Es ist ganz schön, mal zwei Monate da zu sein, aber dann reicht es auch wieder. Was soll ich da, das ist nicht meine Kultur und nicht meine Sprache. Ich bin keine 18 mehr, wo ich sage, jetzt werd ich mal Italiener.

Sie werden im Gegenteil nächstes Jahr 60. Ist das für Sie ein Thema?

Möglichst nicht. Es geht immer schneller, ja, und 60 ist eine Scheißzahl. Damit beschäftige ich mich natürlich. Ich werde immer gelassener. Und mir ist vieles egal; nicht im Sinne von Gleichgültigkeit. Man hat keine Lust mehr, sich so anzustrengen.

Kriegt man mit dem Alter eine andere Position am Set?

Die kriegt man nicht durchs Alter, sondern durch Erfahrung, die eine gewisse Wertschätzung erfährt, durch Arbeit. Wenn Sie alt sind und immer Mist gemacht haben, nützt Ihnen das Alter nicht viel. Dann altern Sie höchstens jemanden beiseite. Ich würde mich nicht darauf verlassen, Hochachtung dadurch zu erhalten.

Sie gelten als äußerst leidenschaftlich.

Natürlich kann ich leidenschaftlich werden, aber das ist kein Widerspruch zum Alter. Ich habe mich früher mehr verstellt. Wenn ich heute nicht pünktlich bin, dann ist das auch nicht so schlimm, und wenn ich heute keine gute Laune habe, dann tue ich nicht so, als wäre ich bester Laune und verheimliche das nicht. Dann ist das eben so. Man kennt das doch: man ist nicht gut drauf, aber der Chef kommt… Das meine ich damit, dass es mir egal ist. Dass man sich nicht verstellt und sich mehr gehen lässt.

Freuen Sie sich schon auf die Geschenke zum 60.?

Machen Sie mich nicht wahnsinnig. Ist ja auch nur eine Zahl, aber ich kann mir schon etwas anderes vorstellen als 60 zu werden. Schlimm ist es, weil man dann weiß, in zehn Jahren bin ich 70. das geht ganz schnell. Wenn ich daran denke wie schnell die Zeit nach dem Mauerfall vergangen ist. Nochmal die gleiche Zeit, dann bin ich 75. Das ist ja schrecklich. Das ist kurz. Deshalb möchte ich mich während dieser Zeit nicht mehr mit so vielen Idioten umgeben. Da überlegt man schon, ob es sich immer lohnt, überall viel zu investieren.

Momentan sehr erfolgreich. Nimmt man das auch gelassen hin oder genießen Sie das anders als früher?

Ich genieße das nicht wirklich richtig. Das habe ich immer noch nicht gelernt. Weil ich mein größter Kritiker bin. Habe immer noch nicht gelernt, Erfolg oder Lob einfach hinzunehmen. Weil ich natürlich immer weiß: du kannst noch viel besser sein. Viel richtiger. Bin oft unzufrieden. Das ist schrecklich.  Aber man ist eben so, man kann nicht so einfach aus seiner Haut. Und dann muss man es auch mal so lassen. Und nicht immer versuchen, ein anderer zu sein.

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