Klinikserie: Code Black & Prof. Brinkmann

codeBlutbad in der Notaufnahme

Die Krankenhausserie Code Black (mittwochs, 22.15 Uhr, Pro Sieben/Foto@Pro7) wirkt von der ersten bis zur letzten Minute viel zu schnell und überdreht, um wirklich wahr zu sein. Es sei denn, man ruft sich den gleichnamigen Dokumentarfilm vor Augen, der diesem sehenswerten US-Format vor drei Jahren vorausging – und die Fiktion nun in der Realität erdet.

Von Jan Freitag

Wie verschieden Deutschland und die USA auch 71 Jahre nach dem kulturellen Eroberungsfeldzug des american way of life noch sind – dafür muss man gar nicht unbedingt den Wahlkampf um Washington betrachten oder die Debatte ums amerikanische Waffenrecht; es reicht ein Blick auf Fernsehen. Wer hierzulande in ein fiktionales Krankenhaus eingeliefert wird, bekommt darin nicht erst seit Professor Brinkmanns blütenweißen Einsatzzeiten individuelle Rundumversorgung mit Chefarztvisiten selbst für basisversicherte Kassenpatienten und kompetente Empathie in sonniger Doppelzimmeridylle. Wer hingegen eine Klinik in – sagen wir: L.A. besucht, kann eigentlich schon froh sein, wenn er sich nicht – sagen wir: beim Ausglitschen auf der Blutlache eines Schießerei-Opfers den Hals bricht.

Mit so einem Objekt brutaler Gewalt startet heute Abend auf Pro7 die neue Mediziner-Serie aus dem Mutterland des Genres, das Anfang der Sechziger im General Hospital seinen Anfang nahm und 30 Jahre später erstmals in der Notaufnahme des Emergency Room gelandet ist. Sie heißt Code Black, womit im kalifornischen Gesundheitssystem ein sehr realer Zustand beschrieben wird, der in Stoßzeiten durchaus auch deutsche Großstadtspitäler, aber keinesfalls deren unterhaltsame Entsprechungen am Bildschirm ereilen kann: Weil die Zahl eingelieferter Notfälle sämtliche Kapazitäten des anwesenden Personals sprengt, droht die Erstversorgung komplett zusammenzubrechen. Alarmstufe Rot. Akute Todesgefahr am Ort des Heilens also. Im Landesschnitt keine fünfmal pro Jahr ausgerufen, tritt dieser Code Black am Angels Memorial nahezu täglich ein.

Ausgerechnet in diesem Inferno schulmedizinischer Grenzerfahrung treten vier frische Assistenzärzte ihren Dienst an, der gleich mal mit dem angesprochenen Verbrechensopfer am Verbrechenshotspot L.A. beginnt, dessen Halsschlagader zur Begrüßung Literweise Kunstblut auf die sauberen Kittel der Neuankömmlinge pumpt. In diesem Takt pulsierender Herzen geht es von der ersten bis zur 45. Minuten fast pausenlos weiter. Immer mehr Bedürftige zwischen Leben und Tod landen in der heillos überfüllten Notaufnahme. Immer rasanter wird geflickt und gepflastert, geheult und gerenkt, gestorben und gerettet, bis nach 25 Minuten, 0:45 Uhr Ortszeit, tatsächlich der Code Black ausgerufen wird und das Tempo nochmals anzieht.

Angesichts dieser überfrachteten Dramaturgie am Limit aller menschlichen, technischen, atmosphärischen Parameter könnte man spätestens hier an der Glaubwürdigkeit von Showrunner Michael Seitzman zweifeln – hätte das CBS-Format nicht ein wahrhaftiges Vorbild: die gleichnamige Dokumentation des absurd hektischen Arbeitsalltags am L.A. County Hospital, dem der New Yorker Notfallmediziner Ryan McGarry als Regisseur vom Fach 2013 ein vielfach preisgekrönt Denkmal gesetzt hat. Es ist keinen Herzschlag langsamer als die ausgedachte Variante.

Sicher: wie George Clooneys legendärer ER gehorcht auch die radikalisierte Fassung von heute den Gesetzen des Fernsehens. Das Regime von Schichtleiterin Dr. Leanne Rorish, mit hinreißend verzweifelter Souveränität gespielt von Oscar-Preisträgerin Marcia Gay Harden, ist spannungsgeladen streng, aber voller Raum für genretypische Gefühlsduseleien. Wie eine gut sortierte Boygroup sind die vier neuen Hilfskräfte, allesamt frisch von der Uni, nach den Erfordernissen fortlaufender Fiktionen besetzt: Der durchtrainiert Rehaugen-Hipster Mario (Benjamin Hollingsworth), die exotisch-kompetente Schönheit Malaya (Melanie Chandra), das blonde Geheimnis Christa (Bonnie Somerville) und ein liebenswerter Wonneproppen namens Angus (Harry Ford) sorgen für Anschlussfähigkeit im Massenpublikum, während der hierarchiesprengende Chefpfleger Jesse „Mama“ Salander (Luis Guzmán) mit Alltagswissen, Maschinengewehrschnauze und einem (verliebten?) Herz für Leanne „Papa“ Rorish sozialen Kitt zwischen Halbgott und Helfer, Genie und Wahnsinn, Theorie und Praxis klebt.

Abseits dieser soziokulturellen Klischees des amerikanischen Fernsehmiteinanders aber entwickelt Code Black eine erstaunliche Sogkraft des Authentischen, die gerade aus dessen Absurdität entspringt. Leidlich anspruchsvolle Zuschauer würden es schließlich mit indigniertem Naserümpfen ins Reich der akademischen Fabel verbannen, wenn die allwissende „Papa“ einem eingelieferten Kind ohne jede Untersuchung „Pneumo-Thorax, genetische Disposition“ diagnostiziert, nur weil es aus Norwegen kommt. Und erfolgreich den Kopf eines gestürzte Skateboarders zu drainieren, während man zugleich am Telefon einen Kaiserschnitt im Notfallwagen souffliert, klänge auch eher nach RTL2 als Arte. Im Wissen um McGarrys Dokumentarfilm aber saugt man die Extreme hier auf wie der Wischmopp das Blut vom Klinikboden.

Der war ja noch nie im Einsatz, wenn die Brinkmanns und Bergdoktoren ihr selbstloses Werk am Guten verrichten. Gerade weil sie so aufgeräumt aseptisch sind, wirken hiesige Kliniken daher um vieles artifizieller als die dauernde Rush Hour am Angels Memorial. Um sie erträglich zu machen, gönnt uns die Serie hin und wieder sogar kurze Momente der Einkehr. Das Büro des Chefarztes zum Beispiel, in dem er auf die Frage, wo denn seine Bedenken angesichts eines unzulässigen, aber erfolgreichen Noteingriffs blieben, entspannt antwortet, „in einem Fläschchen Tavor“. Mit Beruhigungsmitteln wie diesem wären auch all die Einrenkungen offener Brüche und Organspendedebatten nach dem Exitus ein wenig erträglicher. Die Realität hat’s in sich.

Der Text ist mit mehr Bildern und Kommentaren vorab auf ZEIT-Online erschienen

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