Wahnsinnsstadt: Klaus-Störtebeker-Straße

Störte-StraßePirat statt Piratenjäger

Bis heute sind Hamburger Straßen, Orte, Schulen nach nationalsozialistischen Euthanasie-Ärzten, demokratiefeindlichen Reichskanzlern und vormodernen Generälen benannt. Nur für einen berühmten Seeräuber, den selbst das offizielle Stadtmarketing gekapert hat, ist bislang kein Wegesschild übrig. Eine Initiative namens “Klaus-Störtebeker-Straße für St. Pauli” will das nun ändern.

Von Jan Freitag

Von wegen Kleider – Namen machen Leute. Wer Fäule oder Stümper heißt, wird wohl besser kein Zahnarzt. The Facebook war zu kompliziert fürs erdumspannende Netzwerk. Als Justin, Dustin, Kevin schafft man es gemeinhin höchstens sportlich auf höhere Prestige-Ebenen, wer Billstedt, Bitterfeld, gar Dresden bewohnt, sollte es im Bewerbungsschreiben an gewisse Arbeitgeber vielleicht doch unterschlagen. Und auch Straßennamen sind nicht einfach abstrakte Adressbestandteile, sondern etwas seltsam Aussagekräftiges, fast Beseeltes. Trotzdem erhalten noch immer allein in Hamburg durchschnittlich 36 Straßen pro Jahr neue Bezeichnungen, was sogar dann selten ohne Anliegerproteste vonstatten geht, wenn etwa der preußische Juncker Paul von Hindenburg das Privileg eines eigenen Wegs zugunsten des Sozialdemokraten Otto Wels verliert, der als letzter Reichstagsredner 1933 gegens Ermächtigungsgesetz jenes Mannes eintrat, dem der Reichspräsident kurz zuvor ins Amt gebracht hatte: Adorf Hitler.

Trotzdem begehrten viele Bewohner seinerzeit auf gegen die Umbenennung. Da fragt sich doch, was die der Simon-von-Utrecht-Straße sagen würden, wäre sie – sagen wir: nicht mehr nach dem spätmittelalterlichen Piratenjäger der Hanse, sondern – sagen wir: einem seiner angeblichen Opfer benannt, nämlich Klaus Störtebeker? Weil Menschen ungern lieb gewonnene Gewohnheiten ändern und neue Straßennamen zudem mit bürokratischem Mehraufwand verbunden sind, würde es mit Sicherheit Widerspruch hageln. Andererseits: Störtebeker – ist das nicht so eine Art inoffizieller Nationalheld der Hamburger, dessen Strahlkraft bis hoch ins offizielle Stadtmarketing reicht?

Das dachte sich offenbar auch eine Initiative namens „Klaus-Störtebeker-Straße für St. Pauli“, die seit ein paar Wochen in einer eigenen Facebook-Gruppe für die Umsetzung ihres Titels wirbt und damit eine Menge Wind macht. Die ersten Aufkleber mit erstaunlich authentisch wirkender Beschilderung zieren bereits jenes vermeintliche Zweitheimatviertel des Likedeeler genannten Freibeuters, der den vergleichsweise unterprivilegierten Anwohnern mit seinem historisch überlieferten Hang zum Teilen naturgemäß etwas näher steht als der niederländische Kriegsschiffhauptmann in Diensten raffgieriger Pfeffersäcke.

Schließlich lässt es sich trefflich diskutieren, wer in Zeiten extremer Ungleichheit eigentlich die wahren Verbrecher waren: Piraten, die nach den vielfach ungeschriebenen Buchstaben der mittelalterlichen Elitenjustiz schlichtweg als Diebe galten? Oder doch jene bestohlenen Kaufleute, die ihren unermesslichen Reichtum auf den Schultern eines rechtlosen Lumpenproletariats erbeu…, pardon erzielt haben? Gut 600 Jahre und ein paar kräftige Emanzipationsschübe nach Störtebekers Ergreifung ist das jedoch eine eher philosophische Debatte, die der „Klaus-Störtebeker-Straße“ wohl selbst aus Sicht der wirtschaftsnahen FDP kaum im Wege stehen dürfte.

Und doch ehrt zwar im Dörfchen Greetsiel bei Aurich ein Weg den einzig prominenten Seeräuber deutscher Herkunft. Auf Rügen gibt es Festspiele seines Namens, in Ostfriesland den Tourismusverbund dreier Gemeinden und in Stralsund ein (ziemlich leckeres) Bier. Hamburg dagegen hat unweit eines verschämten Denkmals in der HafenCity seit 2008 den Störtebeker SV. Das war’s. Was umso ärgerlicher ist, als es nach wie vor zwei Straßen gibt, die nach den ortsansässigen Euthanasie-Ärzten Georg-Ernst Konjetzny und Max Nonne benannt sind. Als der unverbesserliche Proletarierhasser Fürst von Bismarck sogar einer Schule als Patron dient. Als das Eppendorfer Generalsviertel nach sieben hochrangigen Militärs vordemokratischer Epochen benannt ist, deren Beruf das Töten im Dienste wechselnder Willkürherrscher war. Wenn Helmut Schmidt nun einen eigenen Flughafen ziert und Friedrich Ebert Hamburgs wichtigste Ost-West-Tangente, scheint eine Straße für Hamburgs berühmteste Figur der Zeitgeschichte gar nicht so abwegig.

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