Aus der Haut: Praunheim & der schwule Milan

MilanComing-out-of-Age

So sehr sich die Gesellschaft auch liberalisiert: Noch bricht beim Coming-out für Jugendliche fast alles zusammen, was besteht. Stefan Wagner hat daraus seinen hinreißend subtilen und dennoch aufwühlenden ARD-Mittwochsfilm Aus der Haut gemacht, der das Umfeld weitaus mehr durchdrehen lässt als den Betroffenen (Foto@MDR/Michael Kotschi) Milan.

Von Jan Freitag

Rosa von Praunheim, das ist die Matrix seines Daseins, war menschlich und moralisch schon sehr früh sehr viel weiter als die (spieß)bürgerlich biedere Gesellschaft ringsum. Schon 1971 hat der schwule Regisseur dieses fortwährende Missverhältnis zwischen Sollen und Sein, das vernunftbegabte Wesen schier in den Wahnsinn treibt, in den legendär sperrigen Titel Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt gegossen. Kein Wunder, dass sein halbfiktionales Szeneporträt zwei Jahre, nachdem gleichgeschlechtlicher Sex unter Erwachsenen legalisiert worden war, heftig angefeindet (und vom BR natürlich zensiert) wurde. Ein Furor, der im Rückblick wirkt wie die letzten Abwehrgefechte gegen Sklaverei und Klassenwahlrecht, aber auch heute noch spürbar ist.

Fragen Sie mal Milan!

Bewusst normal Schultz mit Nachnamen, entdeckt der Teenager zu Beginn des ARD-Mittwochsfilms, dass er schwul ist, also irgendwie unnormal. Auch im Jahr 2016. Besonders unter Gleichaltrigen, die mit 17 noch mühsam an ihrer Identität feilen, aber auch eine Generation höher, die sich in Milans wohlhabend bildungsaffinen Kreisen gern modern und aufgeklärt gibt, bis, ja bis Modernität und Aufklärung mal in Konflikt mit Furcht und Vorurteil geraten. Dieser Milan also, hinreißend zerrissen dargestellt von Merlin Rose (Als wir träumten), versucht seinen Kumpel Christoph zu küssen, wird brüsk abgewiesen, befürchtet ein ferngesteuertes Outing, schreibt einen Abschiedsbrief, steigt besoffen in Papas Auto und fliegt kurz darauf in Zeitlupe kopfüber durch sein aufgeräumtes Großstadtviertel.

Wäre Aus der Haut zu diesem Zeitpunkt nicht 15 sondern 85 Minuten alt, es könnte das übliche Unhappyend derartiger Sozialdramen sein – Betroffenheit, Begräbnis, Schluss. Ist es aber nicht. Weshalb mit dem Erwachen im Krankenhaus, weinende Mutter (Angst um den Sohn) zur Linken, zeternder Vater (Angst um den Wagen) zur Rechten, Halskrause dazwischen ein Coming-of-Age-Film mit Coming-out folgt, das selten ist im hiesigen Fernsehen. Nach dem Drehbuch von Jan Braren, der schon im umjubelten Homevideo stimmige Empathie für Heranwachsende in Extremsituationen bewiesen hat, schafft es Regisseur Stefan Schaller wie im Porträt 5 Jahre Leben des deutschen Guantanomo-Häftlings Murat Kurnaz, das Kollabieren einer individuellen Existenz aus der Perspektive des Umfelds zu erzählen, ohne die Hauptfigur zum Objekt vermeintlich autonomer Subjekte zu degradieren, die ja selbst in den Sog der neuen Lage geraten.

Zum Niederknien verkörpert wird dieser milde Zivilisationsbruch besonders durch Claudia Michelsen und Johann von Bülow als Eltern, die alles richtig machen und gerade dabei so vieles falsch. Die bei Milans Homosexualitätsbekenntnis sofort Respekt zollen, Liebe bekunden, gar Schampus servieren – und mit ihrem Unbehagen doch nie hinterm Berg halten können, auch wenn es nicht mehr die Praunheimsche Perversion mit offener Verachtung ist, sondern subtiler daherkommt: Kleine Gesten, falsches Lächeln, unkontrollierte Aggression.

Und erst das Umfeld: Offen schwulenfeindliche Mitschüler hier, latent homophobe Eltern dort, dazwischen Milans bedauernswerte Freundin Larissa (Nicole Mercedes Müller) als bedauernswertes Feigenblatt der Heteronormalität. Sie alle sind mal mehr, mal weniger bemüht, liberal und cool zu wirken, wollen am Ende aber doch lieber nicht mit dem ansteckenden Milan auf engstem Raum sein. So hält Stefan Schaller dem Publikum einen Spiegel vor, der meist kaum zu bemerken ist und damit nur umso genauer reflektiert, womit selbst aufgeklärte Gemeinwesen kämpfen, wenn die gemütliche Regelexistenz ins Wanken gerät. Und mittendrin Milan, den Kameramann Michael Kotschi zwar ein bisschen penetrant über diverse Fensterscheiben ins Bild setzt, dem Gesamteindruck damit aber keinen Schaden zufügt. Im Gegenteil: Seit Angelina Maccarones Kommt Mausi raus?! ist Aus der Haut vielleicht das Glaubhafteste und Beste, was in 20 Jahren zum Thema gemacht wurde.

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