Sebastian Koch: Hollywood & Wildnisstimme

Wildnis_Koch_02Ohne Anliegen drehe ich selten

Sebastian Koch ist einer der ganz wenigen Weltstars des deutschen Kinos. Kein Grund, nicht auch mal nur seine Stimme zur Verfügung zu stellen wie als Sprecher des faszinierenden Naturfilms Unsere Wildnis (Foto@Universum Film). Ein Gespräch über Filme, die Welt retten wollen, Kochs eigenen fossilen Fußabdruck und warum er zu Homeland trotz Überlastung nicht nein sagen konnte.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Koch, was bleibt von einem Weltstar, der sie im deutschlandmöglichen Sinne ja sind, eigentlich übrig, wenn man wie in Unsere Wildnis nur seine Stimme hört?

Sebastian Koch: Ach wissen Sie, es gibt Filme, die müssen einfach gemacht, gezeigt, unterstützt werden und Unsere Wildnis gehört unbedingt dazu. Deshalb trage ich bei, was mir eben möglich ist: meine Stimme. Der „Weltstar“, wie Sie es nennen, tut da wenig zur Sache.

Sie verschwinden letztlich also nicht nur optisch hinter dem Film?

Also ich hoffe nicht, zu verschwinden, betrachte meinen Support aber realistisch. Es gibt Dokumentationen, in denen uns der Sprecher das Gezeigte und somit die Welt vollumfänglich erklärt. Meine Stimme nimmt die Zuschauer dagegen allenfalls an die Hand, um das zu begleiten, was diesen Film ausmacht: einen völlig eigenen Rhythmus im Ablauf der Natur und ihre Abläufe, ihre Jahreszeiten zu entwickeln. Ein Rhythmus, den wir Menschen verloren haben, durch so einen wichtigen Film aber wieder aufs Neue erleben können. Die Bilder sprechen in einer so großen Emotionalität für sich, dass es keiner weiteren Erklärungen bedarf.

Bleibt Sebastian Koch dennoch erkennbar in dieser Aura selbsterklärender Bilder?

Ich denke schon, sonst hätte man viele andere mindestens ebenso gute Sprecher fragen können. Weil die Mehrheit der Leute ein Sehverhalten hat, dass doch eher von Action und Entertainment geprägt ist, sind Filme wie dieser ungemein schwer zu vermarkten; ein Name wie meiner kann da ein bisschen helfen. Darüber hinaus definiere ich mich aber so sehr über meine Arbeit, dass grundsätzlich ein tieferer Sinn dahinter stecken sollte. Hier ist das der Fall.

Verfolgen Sie mit Filmen generell ein Anliegen über die reine Unterhaltung hinaus?

Wenn Sie die der vergangenen 20 Jahre betrachten, liegt die Antwort doch auf der Hand. Das sind oft Filme wie Danish Girl, wo es ums sperrige Thema Transgender [wofür Alice Vikander gerade den Oscar als beste Nebendarstellerin erhalten hat] geht; mein Beitrag dazu ist ebenfalls vergleichsweise klein, aber der Film so wichtig, dass ich unbedingt dabei sein wollte. Ohne Anliegen drehe ich selten.

Wäre es ein Anliegen dieses Films, das Verhalten der Menschen gezielt zu ändern?

Die Hoffnung habe ich. Und wenn ich von mir selber ausgehe, hat mich nicht nur die Arbeit, sondern auch das Ergebnis so nachhaltig beschäftigt, dass es dazu geeignet ist, mein eigenes Verhalten zu ändern. Ich gehe seither bewusster durch die Natur. Wir merken ja immer auf, wenn es um große, exotische Lebewesen geht – Löwen, Tiger, Giftschlangen; nach diesem Film nimmt man auch Tiere des eigenen Waldes wahr, die wir ansonsten als gegeben übersehen. Das könnte in der Tat Verhaltensweisen verändern, die den jahrmillionenalten Rhythmus in wenigen Jahrhunderten aus der friedlichen Balance gebracht haben. Ich denke jeden Tag an diesen Film.

Ist Unsere Wildnis so gesehen ein pessimistischer oder doch hoffnungsfroher Film?

Weil er sich jeder Wertung enthält, also nur eine Situationsbeschreibung darstellt, lässt er alle Interpretationsspielräume offen, die umso mehr von der Wucht der Bilder beeinflusst werden. Wer deren Schönheit auf sich wirken lässt, erkennt die eigene Begrenztheit im Weltmaßstab und kann daraus Kraft schöpfen. Ich persönlich kriege da Mut, zu kämpfen – etwa gegen den Verlust von Zeit und Ruhe auf der ewigen Jagd nach immer mehr.

Andererseits stelle man sich Ihr Leben als international gefragter Schauspieler auch nicht grad als Zustand ständiger Tiefenentspannung vor…

(lacht) Da liegen Sie nicht falsch, aber mein Beruf beinhaltet enorme Tempowechsel. Ich habe zum Beispiel zwei Jahre irrsinnig gearbeitet, das reicht jetzt wirklich, weshalb ich seit Dezember bis einschließlich Mai fast nichts mache.

Muss man sich diese Privileg durch Erfolg erarbeiten oder waren Sie schon immer der Sabbatical-Typ?

Ach, weder noch. Der Beruf des Schauspielers ist alles Mögliche, aber gewiss nicht rhythmisch. Als ich in Frankreich mit dem wunderbaren Daniel Auteuil gedreht habe, rief Spielberg an, wo man ja auch nicht sagt, grad mal Pause machen zu wollen, und dann kam Homeland. Wenn man bei solchen Angeboten seine Kraftreserven checkt, findet man womöglich doch noch ein paar Energiereste. Umso mehr genieße ich die jetzige Auszeit, die von einer entspannenden Arbeit wie Unsere Wildnis überhaupt nicht aus der Ruhe gebracht werden kann – zumal ich damit so große Hoffnungen zur Rettung des Planeten verbinde.

Auf dem Sie einen stattlichen ökologischen Fußabdruck hinterlassen, wenn sie für Regisseure in aller Welt um den Globus fliegen.

Das ist nicht ganz fair! Ich versuche im Alltag verantwortungsvoll zu handeln. Beim Zähneputzen Wasser laufen zu lassen, geht gar nicht, Langstreckenflüge für die Arbeit gehören dazu. Verantwortungslos wäre es erst, wenn ich meinen eigenen Privatjet hätte und damit kurz nach Köln fliege. Das ist pervers.

Ihre Rolle in Homeland bietet für Sie so gesehen ökologische Idealbedingungen, wenn Hollywood nach Berlin kommt…

Aber während mein Fußbadruck nicht wächst, tut er es bei denen, die aus Amerika hierherkommen. Alles ist relativ.

Fällt es nach einer Rolle wie in der für viele besten Serie schwer, auf den kleineren deutschen Markt zurückzukehren, fürs Fernsehen womöglich?

Nein. Das hängt von den Büchern ab, von der Freiheit, vom Film. Ich liebe die deutsche Sprache, da mache ich natürlich auch Fernsehen, hab ich schon immer gemacht. Mir ist wichtig, ob ein Film existieren soll, nicht wo er entsteht oder läuft. Nehmen sie Die Hard. Intellektuell gibt es sicher anspruchsvollere Sachen, aber ich wollte einmal im Leben so einen Hollywood-Kracher machen. Hat mich interessiert, hat Spaß gemacht, muss nicht noch mal sein.

Zeigt aber offenbar, dass auch bei Sebastian Koch nicht immer die große Sinnstiftung hinter jedem Film stecken braucht?

Das stimmt. Aber spannend werden solche Projekte erst im Kontrast zum Gesamtwerk. Kurz zuvor hatte ich Gefährliche Begierde mit Mike Figgis gedreht, was nun wirklich komplett anders ist als Die Hard. Denn jedes, wirklich jedes Klischee, dass ich von dieser Art Action-Kino im Kopf hatte, ist wahr. It’s a boy’s game. Tolle Erfahrung.

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