AnnenMayKantereit: Monsterhype & Poesie

AMK_credit_Fabien_J_Raclet_PressFoto_1Ich singe, was ich singen muss

Selten zuvor war der Hype um eine deutsche Band vorm Erscheinen des offiziellen Debütalbums größer als beim Kölner Rock-Quartett AnnenMayKantereit (Foto@Fabien J Raclet). Minutenschnell ausverkaufte Hallen, Abertausende textsicherer Fans, ein vorprogrammierter Charts-Einstieg – und das mit überaus analoger Musik, die mit grandioser Stimme und viel Melancholie zwischen Mumford & Sons und Rio Reiser daherkommt. Ein Gespräch mit Sänger Henning May über Vorschusslorbeeren, Radiogedudel und Zivilisationsmüdigkeit.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Nachdem AnnenMayKantereit bereits eine ganze Weile schwer gehypt werden, gebt ihr erst jetzt euer Debütalbum heraus…

Henning May: Na ja, es gab vorher schon eine Platte, aber das war eher so ein selbstverlegtes Demo, das wir ohne unsere Instrumente richtig zu beherrschen auf einem stillgelegten Bahndamm aufgenommen hatten. Eher ein Testlauf fürs Studioalbum eigentlich, worauf wir uns eineinhalb Jahre vorbereitet haben. Wir setzen uns ja nicht ins Studio und schreiben Lieder, sondern schreiben Lieder und spielen die im Studio sozusagen live ein.

Warum?

Weil wir der Überzeugung sind, dass sich gute Songs setzen und festigen müssen. Deshalb hat das auch so lange gebraucht, bis wir was Studiotaugliches beisammen hatten.

Ist das auch ein Grund dafür, dass euch so irrsinnig viele Vorschusslorbeeren von Seiten der Fans und Medien verabreicht werden, diese Live-Attitüde?

Das hoffe ich zumindest. Im Studio sind wir blutige Anfänger, weshalb wir uns alle Aufmerksamkeit offenbar auf der Bühne erarbeitet, besser: erspielt haben. Wir hatten ja allein 2015 rund 120 Konzerte.

Wichtig für euren Erfolg vorm Debüt war aber auch eure massive Präsenz im Internet.

Die darf man auf keinen Fall außer Acht lassen. Unser Fotograf hat eine ganze Reihe liebevoller Videos gedreht, die man permanent bei Youtube abrufen kann, das spielt natürlich stark mit rein. Das klingt jetzt vielleicht pathetisch, aber es ist diesbezüglich ein Novum in der Musikgeschichte, dass selbst Bands wie wir die Möglichkeit haben, am eigenen Facebook-Profil sehr genau ablesen zu können, wo unsere Videos besonders geliket werden und daraufhin zu entscheiden, ob wir gezielt in der Stadt auftreten könnten. So sind wir überhaupt erst richtig rausgekommen aus Köln. Wegen der 80 bis 90 Likes in Berlin etwa sind wir dort in einem Café aufgetreten und wie viele Zuschauer kamen?

80 bis 90?

Exakt. Das war vor gar nicht so langer Zeit noch völlig unmöglich.

Das klingt jetzt allerdings etwas konzeptioneller als eure Musik atomsphärisch wirkt, die ja eher impulsiv klingt.

Ich glaube, wir machen zwar impulsive, aber auch wohlüberlegte Musik. Was nicht heißt, für alles einen Masterplan zu haben, aber unsere Lieder gut durchzudenken. Man muss seine Möglichkeiten nutzen, und wenn eine davon ist, ein gut besuchtes Konzert zu haben – warum nicht?

Aber warum kommt euer Sound denn gerade beim jüngeren Publikum so gut an, das ja überwiegend elektronisch sozialisiert ist?

Das müsste man natürlich das Publikum fragen, aber ich glaube, dass es gegenwärtig viel erlogene Musik von Menschen gibt, die sie weder selber machen noch dahinter stehen. Deshalb ist es für viele womöglich eine willkommene Abwechslung, selbst gemachte Musik überzeugter Musiker auf echten Instrumenten über wahre Gefühle zu hören.

 

 

Entspringt der Impuls, euch zu hören, also einer Art Zivilisationsmüdigkeit?

Das würde ich nicht überinterpretieren, aber auch nicht ausschließen, weil es zum Beispiel auf mich selbst absolut zutrifft. Ich bin definitiv erschöpft von Radiogedudel, Synthesizern, Laptopsounds und hab zusehends Bock auf reale Bässe und richtigen Gesang.

Ein Gesang, der in eurem Fall schwer an Rio Reiser erinnert.

Auch das würde ich nicht überinterpretieren, zumal die anderen drei im Gegensatz zu mir gar keinen Draht zu Ton, Steine, Scherben haben. Aber stimmt schon: für mich spielt deren Musik, die schon mein Vater viel gehört hat, eine so große Rolle, dass sie womöglich manchmal durchklingt. Diesen Einfluss darf man allerdings nicht als Imitation missverstehen. Und während Rio Reiser sehr politische Liebesmusik gemacht hat, machen wir eher alltägliche Gefühlsmusik. Also: Inspiration ja, Vorbild nein.

Ist es eine Richtungsentscheidung, unpolitische Texte zu singen?

Nein, es ist einfach die Art, mit der wir uns derzeit ausdrücken. Wer zwanghaft politisch sein will, gerät in große Gefahr, großen Scheiß zu fabrizieren. Natürlich unterhalten wir uns viel über Politik, aber weil ich persönlich so viel politische Musik Kacke finde, bin ich sehr vorsichtig damit, selber welche zu schreiben; das klingt oft selbstgerecht, von oben herab, parolenhaft. Und ich bin ein großer Gegner von Parolen. Dass Nazis Scheiße sind, darauf kann sich zwar jeder einigen, aber mit „Nazis raus!“ brüllen kommt niemand weiter. Ich singe das, was ich singen muss, und wenn das irgendwann mal politische Lieder sind, ist das schön, muss aber auch nicht sein. Dafür bin ich mir meiner eigenen Meinung auch vielfach noch zu unsicher. Ich möchte daher nicht für eine, geschweige denn meine Generation singen.

Um Tocotronic abzuwandeln, du willst nicht Teil einer Jugendbewegung sein?

Ich liebe Tocotronic, besonders die alten Sachen. Deshalb ist es sogar mein langgehegter Traum, Teil einer Jugendbewegung zu sein. Aber die Zeiten sind vorbei, dass sich eine Generation oder auch nur messbare Teile davon ideologisch oder sonstwie auf einen Nenner einigen können. Unsere Epoche ist so stark von Diversivität geprägt, dass es allenfalls noch klitzekleine Bewegungen gibt. Trotzdem bin ich als Jugendlicher mit Che-Guevara-T-Shirts rumgerannt, aber das ist vorbei. Ich glaube, den anderen in der Band geht das ähnlich.

Die anderen in der Band sind Christopher Annen, Severin Kantereit und Malte Huck. Müsstet ihr da nicht eigentlich AnnenMayKantereitHuck heißen?

Nein, weil der Name etwas Historisches ist, keine Zustandsbeschreibung. Wir haben ihn uns vor fünf Jahren gegeben, als wir noch zu dritt waren. Wenn wir anders hießen, würden wir uns ja auch nicht umbenennen, weil sich die Band vergrößert hätte. Für uns hört sich der Name ohnehin nicht mehr an wie drei Namen, sondern ein zusammengewachsener Kunstbegriff. Viele wissen ja ohnehin nicht, dass der was mit Nachnamen zu tun hat, sondern denken, das heißt der Junge mit der Gitarre auf Schwedisch oder so.

Und Malte Huck sieht das genauso?

Ja, auch für den war es nie eine Option, im Namen aufzutauchen. Er ist der Richtige und Beste für uns, das weiß er, dafür bedarf es keiner Worte. Wir sind vier Freunde, und drei davon kennen sich halt schon etwas länger.

Das Interview ist vorab auf www.musikblog.de erschienen

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