Wahnsinnsstadt

South_American_Jungle_SGAmphibisch vorwärts

Dass die Stadt einem Urwald (Foto: Sascha Grabow) gleicht, ist ebenso platt wie plakatif und dabei doch so wahr. Zumal Urwälder allerorten schneller abgeholzt werden als man kaum dreimal laut Nachhaltigkeit sagen kann. Auch aus dem Hamburger Dschungel wird selbst kerngesunder Bewuchs heraus gerissen. Dafür kann man ihn nun unter Wasser befahren.

Von Jan Freitag

Dass die Stadt ein Dschungel ist, zählt zu den beliebten Metaphern des urbanen Raums. Wild und gefährlich, so sagt man, gehe es zu auf den Straßen, deren Gesetze nicht nur für Zugereiste oft schwer ergründlich sind. Und erst darunter: Kanalisation, Abwasser, Urban Underground, trüb wie die Elbe, Hamburgs schlammige Lebensader, schiffbar für Containerschiffe in Landungsbrückenlänge, bewohnbar hingegen nur von den hartgesottenen Kreaturen, die längst niemand mehr auf dem Teller sehen mag. Seit der hanseatische Wortschatz vor gut 30 Jahren um Coli-Bakterien, Badeverbot, Schwebstoffe und Schwermetallbelastung erweitert wurde, steigt dort keiner ohne Not oder ausreichend Bier aus der angrenzenden Strandperle freiwillig hinein.

Doch diesen Missstand will das ortsansässige Regionalmarketing nun endlich beheben und investiert dafür kräftig. Dummerweise nicht in die Reinigung der örtlichen Feuchtgebiete, sondern den „HafenCity RiverBus“, ein Amphibiengefährt, das seine Passagiere für den Gegenwert eines Zehnlitervorratskanisters professionellen Rohrreinigers ins Brackwasser abtauchen lässt, um darin, tja, was eigentlich? Die Sicht dürfte selbst an den paar klaren Stellen nur Zentimeter betragen. Und wäre sie besser, würde der durchschnittliche Zweieinhalb-Nächte-Gast mit seinem Bedürfnis nach aseptischem Thrill à la Dungeon vorzeitig sein Budgethotel räumen und zurück nach Stuttgart fahren, wo es ja auch ein paar Musicals geben soll.

Andererseits: Vielleicht ist so eine Fahrt durch die schmutzige Realität der Metropole heilsam für all jene, denen die PR das Bild der polierten Reisekatalogwelt vorgaukelt, die zwar manchmal ein bisschen rau klingt und derbe, am Ende aber sicher ist und sauber wie ein Stück Urwald-Simulation bei Hagenbeck. Was darin behaust statt dekoriert erscheint, wird daher aufgewertet, statt präsentiert. Die Cobra-Bar zum Beispiel, letzter Club mit glaubhafter Punkrock-Attitüde in der Touristenfalle am Hans-Albers-Platz, ist nun Geschichte, weil dem Spekulanten der zugehörigen Immobilie ein Hotel deutlich mehr Profit erwirtschaftet als die Miete für ein wenig Restbestand an Authentizität. Ein weiteres Baudenkmal von historischer Relevanz, der Bunker am Dom, wird die neue Herberge in Sichtweite allerdings womöglich verschatten, wenn er seine ohnehin exorbitante Höhe durch ein begrüntes Event-Zentrum auf 60 Meter nahezu verdoppelt.

Von einem Investor solch herausragender Solvenz kann die Schilleroper dagegen bloß träumen. Die bundesweit einmalige Zirkuskonstruktion, Baujahr 1889, steht nach ihrer wechselvollen Geschichte seit zehn Jahren leer und wird es nach hiesigem Ermessen auch tun, bis die Witterung dem Denkmalschutzstatus so zusetzt, dass auf dem wertvollen Gelände gebaut werden kann, was der hiesigen Sozialdemokratie weit mehr behagt als ein sperriges Veranstaltungszentrum. Kleine Anregung: Wie wär’s mal mit einem Hotel (aber natürlich keins wie in den Schanzenhöfen, die dem Schanzenviertel nach dem Rauswurf alter Mieter ebenfalls teureren Lack verpassen werden)?

Das müsste man dann natürlich schwarzrotgold beflaggen wie es die, nun ja, konkurrierende CDU gerade für Hamburgs Schulen gefordert hat, um den Flüchtlingen die Integration zu erleichtern im Großstadtdschungel Hamburg. Den sie nach der Vorstellung einer Bürgerinitiative selbstredend nicht in Massenunterkünften bewohnen sollen, sondern den vielen schönen, günstigen, freistehenden Wohnungen jedweder Größe und Lage überall in der Stadt, von denen es bekanntlich so derart viele gibt, dass der Mietenspiegel seit Jahren sinkt, weshalb besonders in den angesagten Viertel praktisch jede*r Interessierte ohne weitere Prüfung genommen wird, nur damit der stuckierte Altbau endlich mal winters beheizt wird. Fehlt eigentlich nur noch ein dichtes Netz kostenloser Amphibienbusse. Schöner neuer Großstadtdschungel.

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