Trümmer: Alte Wut & neuer Pop

Trümmer2Das ist schon noch Punkrock

Das hochgelobte, sogar recht gut verkaufte Debütalbum der Postpunkband Trümmer hat die Wut des Trios aus Hamburg auf die herrschenden Verhältnisse seinerzeit mit philosophischem Furor zum Ausdruck gebracht. Zum Quartett angewachsen klingt der Nachfolger Interzone nun um Einiges milder als vor zwei Jahren, bisweilen geschmeidig, fast poppig. Ein Gespräch mit Sänger und Texter Paul Pötsch (Foto (re.) Alexandra Kinga Fekete) über die Reifung im Freundeskreis, das Regelwerk des Indierocks und was für ihn Erfolg bedeutet.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Paul, ihr sprecht nicht nur auf dem Plattentitel, sondern in mehreren Stücken von einer Interzone, in der wir uns scheinbar befinden. Was für ein Zwischenraum ist das genau?

Paul Pötsch: Also demnächst ist damit jene Bar namens „Interzone“ gemeint, die auf dem Cover der neuen Platte zu sehen ist: Ein fiktiver Ort, den wir bald auch real eröffnen. Auf unserer neuen Platte läuft der Prozess dagegen eher umgekehrt: Während die erste vor zwei Jahren die Verhältnisse um uns herum noch sehr konkret benannt hat, geht es nun eher ins Fantastische, fast Mythische, jedenfalls Utopische.

Es geht also gar nicht mehr um greifbare Themen einer urbanen Band wie  Verdrängung, Kommerzialisierung, Gentrifzierung?

Doch, wir haben allerdings den Raum, in dem all dies behandelt wird, vergrößert. Unsere Sprache ist freier geworden, ohne die realen Dinge um uns herum aus dem Blick zu verlieren. Es gibt da zum Beispiel dieses Stück Europa Mega Monster Rave, in dem es sehr konkret um die sogenannte Flüchtlingskrise geht. Das bewerten wir anders als zuvor nicht mehr als schlecht, sondern abstrahieren es mit einer riesigen Party in Europa, zu der prinzipiell jeder eingeladen ist. Ich hatte beim Schreiben nämlich das Gefühl, sich schnell zu verrennen, wenn man ständig tagespolitisch wird, das die Songs dann verfallen. Deshalb arbeiten wir nun mehr mit Bildern, die größere Interpretationsspielräume bereithalten.

Macht das die Musik dahinter unpolitischer?

Eher anders politisch.

Immerhin finden sich auf Interzone weit mehr Ich-und-Du-Sequenzen also zuvor, als würdet ihr euch aus der Öffentlichkeit ein wenig ins Innere zurückziehen…

Auf der ersten Platte gab es auch schon Liebeslieder und zu behaupten, Liebe wäre unpolitisch, fiele mir auch nicht ein. Ich würde die Platten generell nicht gegeneinander ausspielen. Sie bedienen sich bloß unterschiedlicher sprachlicher Ebenen.

Und zwar nicht nur textlich, sondern auch musikalisch. Interzone klingt – diplomatisch formuliert – milder, geschmeidiger.

Das kann sein.

Auch poppiger?

Pop klingt so nach Ausverkauf und glatt. Der Eindruck entspringt eher den verschiedenen Anleihen von Wave über Funk bis Blues, Disco, sogar Hardrock mit richtigen Gitarren-Soli. Ich würde es daher melodischer nennen. Was auch daran liegt, dass Helge Hasselberg, der schon unser erstes Album produziert hat, nun auch Gitarre bei uns spielt. Der hat ganz viele Ideen reingebracht. Und als wir voriges Jahr in Berlin die große Punkrock-Oper im Haus der Welt gemacht haben, hab  ich erstmals Texte aus einer anderen Perspektive als meiner eigenen gesungen. Das verändert den Zugang zur Musik und öffnet Türen. Mit Pop hat das also wenig zu tun.

Dafür vielleicht mit Reifung, um nicht Erwachsenwerden zu sagen?

Ja, vielleicht. Aber wichtiger ist: Wenn man so viel miteinander abhängt, Konzerte gibt, Projekte gestaltet wie wir, lernt man sich selbst und die anderen einfach so gut kennen, dass man sich auch mehr zutraut, mehr vertraut.

Heißt das, zu Beginn habt ihr euch noch mehr verboten?

Wir uns nicht, nein. Aber der Indie-Kreise, aus denen wir ja letztlich kommen, kennen eine Menge ungeschriebener Regeln, von denen sich gerade junge Gitarrenbands oft beeindrucken lassen: Was darf man als männliche Gitarrenband, was nicht? Von den öden Regeln des Diskurspunks mussten wir uns vielleicht erstmal emanzipieren.

Wobei es doch nicht per se bevormundend, sondern sehr klug ist, Jungs die Mackerposen auszutreiben oder?

Das ist sogar sehr erstrebenswert, haben es aber ganz aus uns selbst heraus entwickelt. Das zeigt sich auch auf der neuen Platte. Andererseits waren viele schon bei der alten irritiert, was für ein dürrer Kerl mit zarter Stimme zu so harten Gitarren singt. Dieses Spiel treiben wir jetzt noch weiter und werden spielerischer, tänzerischer. Gerade im Angesicht einer Jugendkultur mit all ihren Riten und Codes, find ich es interessant, Erwartungshaltungen und Regeln zu brechen.

Apropos Jugendkultur: Im Opener Wir explodieren singst du, ihr wärt „die Kinder, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben“. Ist das Realität, Wunschdenken oder einfach Poesie?

Von allem etwas, denn der Claim bringt das Verständnis von Jugendkultur perfekt zum Ausdruck. Dieses Bedürfnis nach Regeln, die Erwachsene niemals durchschauen, durchzieht alle Teenager-Szenen. Es geht da um Abgrenzung.

Trümmer1Entspringt also gar nicht zwingend eurer Lebensrealität?

Nein, denn ich begreife nicht alle meine Texte als Orte der Selbstdarstellung. Das Material ist natürlich schon teils autobiografisch, aber theoretisch soll sich jeder darin wiederfinden können. Auch wenn viel von mir drin steckt, geht es nicht um dauernde Selbstentblößung.

Steckt denn noch ausreichend Wut darin?

Als Energie zur Auflösung widersprüchlicher Verhältnisse total! Unsere Forderung nach Zerwürfnis, Umbruch, Zertrümmerung ist genauso anarchistisch wie vor zwei Jahren. Sonst wäre ein Song wie 05:30, in dem wir uns der Selbstoptimierung widersetzen, ja nicht drauf. Das ist schon noch Punkrock.

Und entsprechend analog eingespielt?

Alles mit richtigen Instrumenten.

Als ihr 2014 das Gleiche meintet, hieß es, sobald jemand hereinschneit, der einen Synthie beherrscht, dürfe der gern mitmachen. Ist einfach noch keiner hereingeschneit?

Es geht dieser Band generell nicht darum, sich irgendwas zu verbieten, nicht mal, was keiner beherrscht. Das ist der alte DIY-Gedanke: Jeder hat bei uns das Recht, sich jederzeit neu zu erfinden, so wie ich halt einfach irgendwie Sänger geworden bin. Anders als im Theater braucht man in der Musik ja keine Qualifikation, das macht es so toll. Außerdem gibt es mit Nitroglyzerin ein Stück mit Synthie, hat Helge mitgebracht. Wir haben überhaupt keine Masterpläne. Entsprechend unkontrolliert ist auch die Platte in mehreren Wochen entstanden.

Und wieder wie die erste gemeinsam in einer Live-Situation aufgenommen?

Nee, getrennt, auf verschiedenen Spuren. Vielleicht klingt sie deshalb poppiger.

Würdest du eigentlich sagen, dass ihr Erfolg habt?

Dafür muss man definieren, was Erfolg ist. Für mich ist es einer, wenn man nach eigenen Maßstäben selbstbewusst handelt und sich dabei mit Freunden umgeben kann. So gesehen haben wir durchaus Erfolg. Uns schreibt niemand etwas vor, auch keine Plattenfirma oder ein irgendwie homogenes Publikum.

Der Text ist vorab beim MusikBlog erschienen

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