Gomorrha 2: Gottesfurcht & Höllenangst

Gomorra_DSC_7005-scaledUnd es kam schlimmer…

Schon die erste Staffel von Gomorrha war eine fesselnde Zumutung. Teil 2 der Serienadaption von Roberto Savianos fiktionalem Tatsachenbericht aus Neapels Mafiahölle (Foto: Emanuela Scarpa) aber ist noch drastischer und doch nicht übertrieben. Leider. Seit gestern läuft sie auf Sky.

Von Jan Freitag

Es gibt einen Sinnspruch, der dem Verfasser einst die Zeit auf dem Schulklo verkürzte: Aus dem Chaos sprach eine Stimme: „Lächle und sei froh, es könnte schlimmer kommen!“, und ich lächelte und war froh, und es kam schlimmer. In Zeiten permanenter Krisen könnte dieses gutgelaunt pessimistische Bonmot von Sachsen-Anhalt über Syrien zur Krim bis nach Washington fast überall stehen. Nirgends aber passt es besser als ins horizontal erzählte Serienfernsehen.

Dort wächst seit den „Sopranos“ die Gewissheit: Wann immer man meint, nun könne es nicht mehr schlimmer werden mit Sittenverfall und Gewalt, wird es so verlässlich schlimmer, dass sich selbst der US-Präsident besorgt an die Macher vom sittenwidrig gewalttätigen Niedergangsepos „Game of Thrones“ wandte: Mit Jon Snow, bat Barack Obama, möge doch wenigstens ein untadeliger Protagonist den Blutdurst ringsum überleben. Ob es so ist, hat ihm HBO nicht verraten, aber eins war schon vor der 6. Staffel klar: Würde der Sympathieträger nicht im mittelalterlichen Westeros, sondern im gegenwärtigen Neapel leben – er wäre wohl nicht nur früher gestorben, sondern richtig grausam.

Womit wir am Ort einer anderen horizontal erzählten Serie sind, deren Brutalität vielfach nicht an „Game of Thrones“ heranreicht, aber irgendwie barbarischer wirkt. Kein Wunder: „Gomorrha“ ist eine real existierende Hafenstadt im Süden Italiens, kein fiktives Fantasy-Reich in undatierter Zeit. Und es mag darin weder Zombies geben noch Zwerge; sie befindet sich so gespenstisch grausam im Würgegriff des organisierten Verbrechens, dass Mobster von Don Corleone bis Tony Soprano zu bodenständigen Unternehmern mit eigenartigem Rechtsverständnis schrumpfen.

Das zeigt die Fortsetzung des Mafia-Dramas nach Motiven von Roberto Saviano sogar noch eindrücklicher als die erste Staffel. Im Herbst schien das neapolitanische Chaos auf engstem Raum ja noch vergleichsweise geordnet. Der melancholische Camorra-Killer Ciro (Marco D’Amore) sicherte seinem Boss Don Pietro mit maximaler Rücksichtslosigkeit, aber einem Restbestand an Empathie die Vormachtstellung unter 50 rivalisierenden Clans. Dieser rechtsfreien Schattenwirtschaft im verkommenen Beton-Ambiente mangelte es zwar an jeder Grandezza früherer Film- und Fernsehpaten. Mit goldgerahmten Plasmabildschirmen und hohem Radstand versuchte sie aber wenigstens einen Anflug legaler Profitmaximierung in den Plattenbau zu holen und pflegte ein paar Regeln, deren Einhaltung Ehrensache war. Treue zum Beispiel.

Worthalten.

Doch damit war es am Ende der zwölf Folgen vorbei. Verbündete wurden verraten an Feinde, die sie emotionslos ersetzten. Ciro killte nicht für, sondern gegen die seinen. Er tötete dessen Frau, schoss den Sohn zu Brei, der Codex implodierte, seither herrscht Krieg, Konventionen Fehlanzeige. In genau dieses Machtvakuum stößt ab heute auf Sky die neue Staffel und füllt es von Folge zu Folge mit mehr menschlicher Leere. Noch immer blitzen die Kruzifixe in jeder dritten Szenerie unterm offenen Hemd, hängen am Ort seelenloser Untaten, sorgen als Kunstobjekte für Hipster-Atmosphäre im Gangster-Loft und sichern das Teufelswerk mit gespielter Gottesfurcht spirituell ab. Doch die Anker ins Jenseits haben ihre Kraft an ein Gefühl verloren, das dem Selbstbewusstsein der Mafia lange fremd zu sein schien: Angst.

Und zwar nicht nur jene, die sie verbreiten, sondern jene, die sie haben. Vorm Machtverlust wie Don Pietro, der nach Deutschland flieht, aber nicht ins noble München, polyglotte Hamburg oder sexy Berlin, sondern brutalistisch schocksanierte Köln mit seiner neongrellen Zweckarchitektur. Nicht rein, aber sauber. Vor allem aber herrscht Angst ums Überleben wie bei Ciros Frau Debora, die aus Furcht vor Rache selbst auf dem Spielplatz schier durchdreht. Oder wie ein Verräter im zentralamerikanischen Drogenkrieg, den der genesene Paten-Sohn vor seiner Rückkehr über Köln nach Neapel einen Freund zerhacken lässt, damit es nicht ihn selbst erwischt. Angst ist aber nicht nur die Antriebswelle eines furchtbaren Rachefeldzuges aller gegen alle; Angst befeuert auch den Suchtfaktor einer sensationell authentischen, pausenlos fesselnden Serie, die abermals zeigt, wie nah das europäische Festlandfernsehen dem angloamerikanischen kommen kann, wenn es den Rücken so grade hält wie Roberto Saviano. Der lebt für seine publizistischen Ideale seit zehn Jahren im Untergrund, hat auch die neuen Episoden des Serienablegers unter Polizeischutz geschrieben und zeigt damit, dass Vorsicht ein guter Ratgeber sein mag. Angst jedoch nicht.

Die des (zumal deutschen) Publikums, auch fernab der Mafiasümpfe seien Zustände wie in „Gomorrha“ denkbar, ist allerdings bislang eher Thrill als real. Selbst in Italien überwiegt der sanfte Schauder über die Abseiten der Zivilisation. Savianos oft verwendeter Rat, „sta senz’ pensier“, also unbesorgt zu sein, ist als Ausdruck fürs Gegenteil ebenso in die Alltagssprache übergegangen wie der kindliche Auftragsmörder „scugnizzo“, mit dem man nun Kumpels bezeichnet. Genau solche Baby-Killer sorgen zwar momentan dafür, dass Neapels „Camorra-Krieg“, wie Saviano es ausdrückt, zusehends der „Strategie des Terrors“ folgt; aber noch ist sie trotz spürbarer Mafiapräsenz weit weg vom nördlichen Nachbarn.

Dort dürfte ein Satz am Ende des zweiten Teils demnach für etwas Entspannung sorgen „Deutschland ist verbrannt“, sagt Don Pietro nach einem scheußlichen Gemetzel in Köln zu seinem Sohn. Als dann beide nach Neapel aufbrechen, weiß man allerdings: dort wird nun alles noch viel schlimmer. Gelächelt hat bis dahin niemand.

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