Ursula Strauss: Amnesie & Wiener Schmäh

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Durch tragende Nebenrollen hat sich Ursula Strauss (Foto: ZDF) still und leise an Hauptrollen herangetastet. Wie im ZDF-Film Meine fremde Frau, wo die Österreicherin heute Abend an der Seite ihres Landsmanns Harald Krassnitzer eine Amnesie-Patientin auf der Suche nach Vergangenheit und Zukunft spielt. Ein Gespräch über Vergessen, Melancholie, Humor und warum sie es historisch mag.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Ursula Strauss, in Meine fremde Frau verlieren Sie vollständig ihr Gedächtnis. Wie spielt man Vergessen?

Ursula Strauss: Indem man versucht, die Welt mit erwachsenen Kinderaugen zu betrachten, unbelastet von vorherigem Wissen, dabei aber nicht leichtfüßig, sondern schwermütig. Was für den Amnesie-Patienten neu ist, entfacht statt kindlicher Neugierde ja vor allem Ängste.

Was unterscheidet diese Art des Wissensverlustes vom filmischen Modethema Demenz?

Alter und Tempo. Es betrifft hier ja jemanden wie mich und zwar plötzlich, nicht schleichend.

Denkt man bei so einer Rolle darüber nach, was Erinnerung für einen selbst bedeutet?

Ob „man“ das tut, weiß ich gar nicht. Aber obwohl ich Beruf und Privates gut trenne, bringen mich alle Rollen, die nicht grad das große Glück beschreiben, zum Nachdenken darüber, wie ich in dem Fall reagieren würde. Auch deshalb will ich sie so präzise wie möglich verkörpern.

Haben Sie sich dafür nur theoretisch oder auch praktisch informiert, im Gespräch mit Amnesie-Patinten?

 

Nur ersteres. Das lag allerdings auch an einem schweren Unfall, der mein Leben kurz zuvor von jetzt auf heute derart radikal umgewälzt hat, dass ich auch so einen guten Zugang zum Thema derart radikaler Veränderung hatte. Mit den Folgen hatte ich ein Dreivierteljahr zu tun.

Im Film ist davon aber nichts zu sehen…

Ah, gut – auch wenn ich selbst das schon sehen kann… Einen körperlicheren Film hätte ich jedenfalls nicht spielen können; beim Drehen hatte ich bei jedem Schritt Schmerzen.

Ist daraus intuitiv der aggressive Trotz entstanden, mit dem sie die Amnesie darstellen?

Nein, ich habe in der Vorbereitung gelernt, dass Amnesie-Patienten oft so auf ihr Umfeld reagieren, schon weil sie die Situation stark überfordert. Es ging mir bei der Rolle ja weniger um die Krankheit an sich als die Vorstellung, nur noch eine leere Hülle zu sein, mit allen Konsequenzen für die menschlichen Beziehungen.

Lässt sich aus denen etwas typisch Österreichisches herauslesen?

Wien, der Habitus, unsere Sprache – all das eignet sich natürlich schon besonders für so eine Geschichte um Lügen, Vertuschen, Freundlwirtschaft. Aber diese Strukturen finden sich letztlich überall.

Sie selbst stammen nicht aus Wien, sondern dem ländlichen Niederösterreich ringsum.

Eine Kleinstadt namens Melk, 4000 Einwohner.

Würde ich es verstehen, wenn Sie sich mit einem Ihrer alten Nachbarn unterhielten?

Womöglich nicht. Dialekt ist meine Wurzelsprache. Als ich auf die Schauspielschule gegangen bin, war Hochdeutsch für mich wie eine neue Sprache.

Gehören Melk und Wien demselben Kulturkreis oder nur demselben Land an?

Das sind schon ganz verschiedene Kosmen – von denen sich der eine über den anderen gern lustig macht. Wobei ich selbst mich über niemanden lustig mache, auch nicht über die Deutschen. Ich hab sogar einen geheiratet und schon deshalb einen guten Zugang zum großen Bruder dieser kleinen Schwester Österreich.

Wird man in dieser kleinen Schwester schneller ein Star als beim großen Bruder?

Also bei mir kam das sehr schleichend, weil ich lieber einen Schritt nach dem anderen mache. So konnte ich mitwachsen, das liegt mir mehr. Dennoch ist auch einiges parallel passiert, die Serie Schnell ermittelt zum Beispiel fast zeitgleich zur Oscar-Nominierung für Revanche, was es ein wenig beschleunigt hat, vor die Tür zu gehen und erkannt zu werden. In Deutschland reicht das vermutlich noch nicht aus. Umso mehr war es für mich eine krasse Erfahrung, plötzlich von Wildfremden identifiziert zu werden.

Und – fühlt sich das gut an oder nicht so gut?

Doch, fühlt sich gut an, ich mag das, solange sie freundlich sind. Und wer einen anspricht, hat ja meistens was Schönes auf dem Herzen, meist ein Lob für den letzten Film. Es ist allerdings schwer vorstellbar, wie ich damit umginge, stiege die Popularität aufs Niveau großer Hollywoodstars, die keinen Schritt vor die Tür machen können. Auch deshalb halte ich mein Privatleben sehr bewusst aus der Öffentlichkeit heraus. Das soll und wird so bleiben.

Fällt dieses Heraushalten mit wachsender Popularität leichter oder schwerer?

Das ist weniger eine Frage der Popularität als der Konsequenz und inneren Haltung. Ich akzeptiere ja, dass die Menschen auch an mir als Person ein Interesse entwickeln; so läuft das G‘schäft. Das aber hat überhaupt nichts mit meine Familie zu tun. Bei der bin ich in einer Schutzzone, die nur mir gehört; das akzeptieren die meisten mittlerweile.

Sprechen wir also wieder über die Arbeit. Täuscht der Eindruck, dass viele Ihrer Figuren melancholische, fast traurige Frauen sind?

Ich befürchte, da haben Sie nicht genug von mir gesehen. Meine Chefinstpektorin in „Schnell ermittelt“ zum Beispiel ist lebenslustig, tough, mutig mit einem ordentlichen Schuss Schmäh. Vielleicht sorgt es allerdings atmosphärisch für eine gewisse Melancholie, dass meine Figuren selten an der Oberfläche bleiben. Insofern spiele ich diese Traurigkeit schon besonders gern.

Wie ist es mit Komödien?

Super. Weil zu wenig gute geschrieben werden, hab ich davon allerdings nur wenige gemacht.

Wobei Österreich nun wirklich das Land des bizarren Humors ist.

Der Aufschneider zum Beispiel, sehen Sie? Aber wissen Sie was ich wirklich gern mehr spielen würde? Historische Stoffe!

Weil Sie sich gern verkleiden?

Die Art, wie Kostüme in Filmen wie Gefährliche Liebschaften das Körperliche einschränken, macht etwas mit dem eigenen Spiel. Dem Gesicht fällt dabei eine ganz andere Rolle zu, intensiver, aktiver. Das würde ich gern mal am eigenen Leib erleben.

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