Cut Out Club, M. Herbert, D. Siciliano, Sunny

Albumcover_Cut_Out_Club_Cut_out_ClubCut Out Club

Sehnsuchtsorte werden erst dann wirklich spannend, wenn sich zwischen Sehnsucht und Ort ein leichtes Unbehagen klemmt. Wie in der Achterbahn etwa oder auf Abenteuerreise. Tel Aviv ist so ein Sehnsuchtsort, jung und viril, aber auch seltsam gefährlich, so scheint es aus der Distanz des Nachrichtenkonsums. Die Menschen vor Ort sind sich dieser Ambivalenz durchaus bewusst und machen gemeinhin das Beste draus. Zum Beispiel: Musik. Oftmals fabelhafte Musik. Wie die von Cut Out Club. Vorigen September brachte das Oktett um Sänger Nitzan Horesh daheim sein gleichnamiges Debütalbum heraus. Nach allerlei Elogen im Heimatland erscheint es jetzt auch bei uns. Endlich!

Denn wie Cut Out Club es schon einsteigt, mit einer Art Bigband-Wave, als träfen sich The Human League mit Seeed zur Jamsession. Grandios platzt da ein krächzendes Saxofon unter den Funk geslappter Gitarren, überall plöttert irgendwas Verwegenes in die Harmonie.  Hier mal stilisierte Steeldrums, da mal theatralische Keyboards, überall treibender Bass, ein wunderbarers Stilwirrwarr mit englischen Texten, die sich oberflächlich nicht weiter mit der Ambivalenz ringsum zu befassen scheinen. Sehnsuchtsortsmusik ohne lokale Verwurzelung. Herrlich!

Cut Out Club – Cut Out Club (Granted Records)

Layout 1Matthew Herbert

Über Musik herrschen ein paar hartnäckige Missverständnisse. Dass sie harmonisch sein müsse; dass ihr eine rhythmische Struktur zugrunde liegen sollte; dass sie auf Anhieb als Musik erkennbar zu sein habe. Wie konservativ, würde Matthew Herbert darüber urteilen. Oder statt zu reden sein neues Album abspielen. Schon in den ersten 20 Jahren seiner Karriere hat der wissenschaftlich geschulte Klanglaborant aus Exeter die wohl sortierte Formenlehre digital dekonstruiert, bis die Töne scheinbar wahllos ineinander prasselten.

Auf A Nude aber befreit er seinen Sound noch vom letzten Rest Rhythmik und erschafft doch etwas, das einem Organismus näher kommt als manche Sinfonie. Schließlich vertont Herbert unseren Körper, den er überwiegend ohne die ordnende Kraft des Taktes bereist. Vom ereignisarmen Schlaf geht die innere Einkehr mit an- und abschwellendem Geräuschpegel übers Erwachen und Essen hin zum Schmerz, bis essenzielle Aktivitäten wie Sex und Stuhlgang die Ruhephase abermals einleiten. Das ist eher Meditation als Musik – aber nie als Gegensatz. Sondern Quintessenz.

Matthew Herbert – A Nude (Accidental Records)

TT16SicilianoDani Siciliano

Matthew Herbert hat allerdings durchaus Strophe, Bridge, Refrain im Repertoire. Zusammen mit seiner damaligen Ehefrau Dani Siciliano zum Beispiel entstand in der Werkstatt des Elektropop-Avantgardisten um die Jahrtausendwende ein vergleichsweise gut strukturierter Vocalhouse. Besonders ihre Stimme verhalf den Tracks zu tanzbarer Eleganz. Zusehends in den Hintergrund verbannt, löste sie sich jedoch erst musikalisch, dann auch emotional von Herbert und veröffentlichte zwei selbstbewusste Alben zwischen alternativem Pop und progressivem Soul.

Für den Nachfolger hat sich die amerikanische Klarinettistin mit DJ-Praxis nun zehn Jahre Zeit genommen. Und die haben sich gelohnt! Erneut schickt sie ihren Gesang so weise durch den Stimmmultiplikator, als sänge nicht eine, sondern ein Dutzend Dani Sicilianos über die Facetten der Liebe. Angenehm überfrachtet, dabei nie selbstgefällig, erinnert das selbstbetitelte Album darin an Joan As Police Woman oder Poliça, die dem männlich dominierten Pop mit ebenso sanfter Gewalt Kerben in die Politur hauen, ohne ihn zu zerdeppern.

Dani Siciliano – Dani Siciliano (Circus Company)

Hype der Woche

Sunny_PrintBobby Hebb’s Sunny

One Hit Wonder haben was Despektierliches. Mag die Sache mit dem Einzeltreffer noch empirisch nachvollziehbar sein, suggeriert das Wunder, es habe weniger mit der Kunstfertigkeit des Künstlers zu tun als höheren Mächten, Glück, gar Zufall. Nichts von alledem trifft auf Sunny zu. Der Soulsänger Bobby Hebb schaffte es zwar nur mit dem One Hit Wonder an die Spitze, verzeichnet darüber hinaus aber ein bemerkenswertes Gesamtwerk zwischen R’n’B und Jazz. Da ist es nur angebracht, dass das Hamburger Nischenlabel Trocadero den 50. Geburtstag des Evergreens mit einer Retrospektive feiert. Dazu gehören remasterte Reissues eines Früh- und eines Spätewerks von Hebb, vor allem aber eine Sammlung ausgewählter Coverversionen, von denen es insgesamt mehr als 2000 geben soll. Ein schönes Geburtstagsgeschenk – auch wenn Bobby Hebb selbst seit sechs Jahren tot ist.

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