Dominik Graf: Kostümfilme & Königsleichen

2014-02-08-9679-1171_Dominik_Graf_IMG_FIX_1200x800Polizeifilm ist mein Heimat-Terrain

Heute Abend zeigt Arte Domink Grafs preisgekröntes, auch international gepriesenes Historienmelodram Die geliebten Schwestern über die Dreierliebe des Dichters Friedrich Schiller. Dabei ist Deutschlands zurzeit wohl bester Regisseur (Foto: Gerhard Kassner/Berlinale) eigentlich auf was ganz anderes gebucht: TV-Krimis, manchmal sogar skurrile wie Die reichen Leichen, mit denen er vorigen Oktober sogar mal absurden Humor bewies. Ein Gespräch übers Fernsehfilmemachen, Streamingdienste, seine Jugend im Internat und warum die Villenviertel der Reichen so sehr für Filmmorde taugen. 

Interview: Jan Freitag

Herr Graf, Die geliebten Schwestern ist ein Historienepos ohne Ermittler fürs Kino, womit Sie ihrem geliebten Fernsehkrimi also gleich doppelt untreu geworden sind. War das Exkurs oder Kurswechsel?

Dominik Graf: Weder noch. Der Polizeifilm ist schon mein Heimat-Terrain, aber ich hab immer Ausflüge in Literaturverfilmung und Liebesfilm unternommen. Und am Ende ist das Kino gegenüber dem Fernsehen lediglich mehr Budget. Andererseits bietet Fernsehen oft die Möglichkeit zu kleineren Filmen ohne Förderung. Das sorgt auch für künstlerische Freiheit.

Sehen Sie als Kreativer den Start des Streaming-Dienstes Netflix da eher als Chance oder Bürde fürs Filmemachen?

Erstmal als Chance. Man muss halt sehen, was es für Inhalte gibt und wie das öffentlich-rechtliche Fernsehen darauf reagiert. Vielleicht kann Netflix dann ein Regulativ sein, damit das alte TV sich auf seine Stärken besinnt.

Sie würden im Zweifel auch fürs Internet arbeiten?

Kein Problem. Solange es am Ende eine DVD gibt, die ich in Händen halten und mit nach Hause nehmen kann, ist mir das völlig egal.

Wofür arbeiten Sie denn als nächstes – Fernsehen, Kino, Internet?

Ich mache erstmal eine Dokumentation fürs Fernsehen, über den gestorbenen Journalisten Michael Althen, mit dem ich befreundet war. Ein Polizeiruf ist gerade fertig. 2016 kommt ein LKA-Thriller über deutsche Zielfahnder, die geflohene Straftäter im Ausland verfolgen.

Klingt nach dem Testballon einer Reihe.

Das könnte durchaus sein.

Wer dagegen Ihren Krimi Die reichen Leichen sieht, in dem es um den Mord an jemandem geht, der sich für König Ludwig hält, fragt sich als allererstes: Was haben Sie bloß gegen die Menschen am Starnberger See?

Gar nix. Ich finde sie in der Verteilung von sympathischen, einsamen, skurrilen, fröhlichen, traurigen, glamourösen Figuren eigentlich sogar sehr angenehm. Den Gegensatz von finanzieller Goldküste und sozialen Härten im Umfeld des örtlichen Tourismuswahnsinns darzustellen, sollte also gar niemanden verunglimpfen. Im Gegenteil.

Der Eindruck, es wimmelt dort nur so von Freaks und Bonzen, ist also ein falscher?

Absolut – obwohl der erfahrene Polizist seiner jungen Kollegin gleich zu Beginn erklärt, das Klischee von den besoffenen Schnöseln stimme. Wenn man nur an der Oberfläche verbleibt, kann man das natürlich so sehen. Aber unter dem Offenkundigen leben ganz andere Facetten. Dafür muss man bloß mal in die Häuser hinein, statt sie nur von außen zu bestaunen.

Wie tief drin waren Sie denn vorm Dreh – kannten Sie die Gegend bereits?

Na ja, für Münchner ist der Starnberger See der kürzeste Weg zum nächsten Wasser und somit so was wie die städtische Datscha. Ich kenne die Gegend von Kindesbeinen an und war im Sommer mindestens dreimal die Woche dort.

War ihr Bild als Internatskind einer Künstlerfamilie also realistisch oder klischeehaft?

(lacht) Mein Blick war authentisch, aber das Klischee ist es ja auch. Wissen Sie, wir sehen da einen Ort, der vor 100 Jahren zum Tourismussziel verkommen ist und trotz all der Millionäre Mühe hat, genug Steuern einzutreiben. Diesen Querschnitt stellt Autor Sathyan Ramesh, der übrigens aus Köln stammt und vorher nie in Starnberg war, perfekt dar. Aus filmischer Sicht ist daran aber auch ein Mythos bedeutsam, der den See schon vor Ankunft der ersten Touristen umwehte.

Sie meinen den „Kini“ Ludwig II., der scheinbar ungebrochen verehrt wird in Bayern.

Unter anderem. Je tiefer man in diesen Feriensee eintaucht, desto schneller stößt man auf den Mythos dieses Königs des späten 19. Jahrhunderts, dessen Tod ja auch einen ungelösten Kriminalfall darstellt. Als wir die erste Motiv-Begehung gemacht haben, kam ein netter Bayer mit Angel auf uns zu und meinte, „wos mochts‘n ihr do?“ Worauf er ansatzlos die zwanzigminütige Theorie seiner Mordversion zum Besten gab. Der Starnberger Polizeichef wollte sich zu diesen Vorwürfen übrigens nicht äußern (lacht).

Hat sich der Angler als das vorgestellt, was es in Ihrem Film zuhauf gibt: als „Ludist“?

Nein. Aber das ist ja auch die militanteste Form des Enthusiasmus im Sinne der Mordtheorie. Die kennen da kein Pardon. Als wir im Präsidium waren, stand allen Ernstes ein lebensgroßer Aufsteller eines „Guglmanns“ – auch so ein königstreuer Starnberg-Verein – im Eck, der wie ein Kapuzenmann als Bravo-Starschnitt auf die örtliche Polizei niederblickte, um ihre Königstreue zu kontrollieren.

Was sagt denn diese Faszination über die Bayern aus?

Jedenfalls nichts, dass für eine monarchische Sehnsucht stünde. Eher für eine Art mythologischen Popstarkult, den meiner Meinung nach jede Region kennt.

Was ist für einen Regisseur schwieriger: Das Aberwitzige normal oder das Normale aberwitzig zu inszenieren?

Das ist eigentlich ein und dasselbe. Beides bereitet an bestimmten Punkten Vergnügen, erfordert aber auch ständige Aufmerksamkeit, keine der beiden Seiten zu übertreiben. Aber zunächst mal verfilme ich ja die Bücher meiner Autoren, denen ich mich sehr verpflichtet fühle. Der Aberwitz entstammt also der Fantasie anderer, den ich mir wie ein Kleidungsstück anziehe. Alles Weitere kommt durch meine Auslegung und die Spielfreude der Schauspieler.

Die sie hier abermals im Milieu der Reichen zeigen. Warum eignet sich die sprichwörtliche Villa in Gründwald so gut für den Krimi, dass sie immer wieder zum Tatort wird?

Das ist zum Teil ein Erbe des angelsächsischen Krimis, der schon vor Urzeiten gern in kalifornischen Villen und englischen Landschlössern spielte. Was sich hinter den dicken Mauern der Reichen Unerwartetes verbirgt, eignet sich einfach gut für spannende Ermittlungen auf unbekanntem, abgründigem Terrain.

Und bietet dem Pöbel die Chance, der vermeintlich sorglosen Oberschicht mal beim Leiden zuzusehen.

Ich glaube eher, dass es der Gegensatz ist, wenn Reichtum auf brutale Armut trifft und Erhabenheit auf heulendes Elend. Die Villen sind da nur besonders hübsche Panoptiken der Welt in ihrer ganzen Vielfalt. Aber das ist Berlins Zuhälter-Milieu meines Films „Hotte im Paradies“ auch.

Aber um beide Lebenswelten zu erzählen, bedarf es doch nicht zwingend eines Kriminalfalls. Warum wählen Sie dennoch immer wieder dieses Genre, um ihre Geschichten vom sozialen Miteinander zu erzählen?

Weil mir der Polizeifilm einen verlässlichen Rahmen erzählerischer Kontinuität bietet, dessen Regeln man einhalten oder brechen, aber nie ignorieren kann. Ich könnte das Genre zwischen Hamburg, Duisburg, München noch 50 Mal variieren und mir dennoch vermutlich immer treu bleiben.

 

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