Quantico: Pro7-Terror & Kussmund

profile-ezone-teaser620x348Schön im Schutt

Die amerikanische Krimiserie Quantico (ab 27. Juli, 20.15 Uhr, Pro7) ist professionell produziert und überaus spannend, hat aber ein Problem: die Macher interessieren sich einen feuchten Kehricht für Inhalte, solange die makellos schöne Optik der Darsteller (Foto: ABC) stimmt.

Von Jan Freitag

Da liegt sie nun inmitten der Trümmer fern des Laufstegs, fern also auch von Makeup, Haarspray, Visagisten und doch strahlend schön wie frisch von Heidis Modelbootcamp: Priyanka Chopra. Sechs Jahre vorm fiktionalen Terroranschlag, der heute Abend auf ProSieben New Yorks ehrwürdige Grand Central Station in Schutt und Asche legt, wurde die indische Bollywood-Queen zur Miss World gekrönt. Jetzt entsteigt Chopras Hauptfigur der Verschwörungsactionthrillerkrimiserie Quantico nach einem Terroranschlag den qualmenden Überresten des zerstörten Bahnhofs und siehe da – die Frisur sitzt, der Lippenstift sowieso, Alex Parrish sieht super aus, auch wenn ringsum alles brennt.

Weil das so ungefähr die Quintessenz des amerikanischen Polizeiserienfernsehens insgesamt ist, prägt sie also auch diesen US-Export für ProSieben, Deutschlands wichtigstem Fernsehimporteur derartig hochglänzender Produkte: In Hollywood wird der Nachwuchs noch so robuster Berufe von Feuerwehr bis forensisches Institut nie nach Qualitäten wie geistiger und physischer Fitness rekrutiert, sondern zunächst mal rein optisch. Kein Wunder, dass es Chopra alias Parrish ins Ausbildungslager des FBI in Quantico gebracht hat; schließlich sehen alle Azubis aus, als hätten sie sich in der Tür zum Model-Casting geirrt.

Das ist in seiner hochglänzenden Berechenbarkeit nur noch lachhaft, aber bekanntlich ein zentrales Wirkprinzip international verkäuflicher Serien vor medizinischem, juristischem, polizeilichem Hintergrund. Dabei ist der auch in diesem Fall gar nicht unspannend: Auf dem Weg zur Bundespolizeischule trifft die (schöne) Alex den (schönen) Simon und vernascht ihn im Auto, bevor sich beide im Kreise (schöner) Mitschüler bei der Begrüßung durch die (schöne) Schulleiterin wiedertreffen. In Zwischeneinblendungen sitzt die schöne Alex jedoch nicht nur brav im Unterricht, sondern schön in der Scheiße, da sie den erwähnten Trümmern des Attentats unverletzt entsteigt und nicht nur deshalb verdächtigt wird, es selbst begangen zu haben. So beginnt ein beliebtes Thrillerspiel: Agentin auf der Flucht vor ihrerseits verdächtigen Kollegen, um in den elf Doppelfolgen der ersten Staffel die eigene Unschuld zu beweisen.

Dank üppiger Budgets ist das gewohnt professionell inszeniert, mit ansehnlichen Effekten versehen und voller Überraschungsmomente, die zwar gern unlogisch, aber – wie im Cliffhanger der Pilotfolge – vielfach überraschend sind. Wäre da nicht die fast schon obsessive Oberflächlichkeit. So integer es auch ist, dass Farbige hier Leitungsfunktionen übernehmen, Schwule offen schwul sein und eine Muslima mit Kopftuch dabei sein dürfen – jeder dramaturgische Twist verschwindet hinter der Optik selbstverliebter Makellosigkeit.

Stets ein Hemdknopf überm Dekolletee zu viel geöffnet, überzuckert dabei besonders die handwerklich limitierte Priyanka Chopra alles mit Schmollmund, der selbst in Schutt und Asche nie hautfarbig um Küsse bettelt. „Sie hatten keinen Kratzer, können also erst nach der Explosion an den Tatort gekommen sein“, wirft ihr ein Ermittler vor. Er kennt offenbar nicht die Präambel im Grundgesetz amerikanischer Polizeiserien: Kratzer haben nur die Bösen.

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