Dinosaur Jr., B. Talent, Album Leaf, I Am Jerry

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Dinosaur Jr.

Wer im Glashaus sitzt, soll bekanntlich nicht mit Steinen schmeißen. Als die Hippieband Dinosaurs ihren Namen 1986 gegen drei junge Postpunks verteidigte, ersetzten Letztere den Plural durch Jr. und traten den Rechteinhabern damit verbal in die welken Ärsche. Falls 30 Jahre später jüngere Newcomer auf die Idee kämen, sich Dinosaur Jr. zu nennen, könnten die Platzhirsche also ebenfalls klagen – oder altersgerecht Sr. hinters Reptil klemmen. Die Größe dazu hätten sie. 30 Jahre nach ihrem Debüt, dessen rotziger Garagensound dem Grunge späterer Tage aufgelockert durch fröhlichen Powerpop vieles vorweggenommen hatte, klingen Dinosaur Jr. in Originalbesetzung so wie damals – aber nicht abgehangen, sondern fein gereift.

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Das unverwüstliche Slacker-Falsett von J Mascis lungert wie eh und je angenehm beiläufig über dem gemeinsamen Noise-Geschrammel, als würde er mit Lou Barlow am Bass und Drummer Murph bloß in Papas Keller spielen, statt Platten aufzunehmen. Das aber machen sie seit der Reunion 2005 unbeirrt. Unbeirrt gut. Ein, zwei seifige Balladen können sich Männer über 50 nie verkneifen; doch wenn Stücke wie Goin Down dissonante Soli über grobe Riffs streuen, verliert die Versöhnung von Hardcore und Collegerock jede Patina. Live fast, die old!

Dinosaur Jr. – Give A Glimpse Of What Yer Not (Jagjaguwar)

billy-talentBilly Talent

Billy Talent sind vor einigen Jahren nicht unbedingt angetreten, um irgendetwas zu versöhnen. Doch als das kanadische Quartett 2003 seine Punkwurzeln unter neuem Namen kappte und eine besonders schrille Form des Alternative-Rock hochzog, konnte man darin durchaus einen Vermittlungsimpuls lesen: Zwischen dem psychedelischen Crossover von Faith No More und dem metallischen von Limp Bizkit klaffte seinerzeit ein Loch, das die Band mit genresprengender Intensität füllte. Nun hat sie etwas ereilt, das selbst halbkörpertätowierten Gitarrenrowdys zuweilen passiert: Billy Talent sind ruhiger geworden.

Ein bisschen. Bekamen Unbeteiligte beim Nummer-eins-Album II von Benjamin Kowalewiczs hochenergetischem Geschrei noch Ohrensausen, klingt das fünfte, als schalte er aus Höhenangst zwei Gänge zurück. So gesehen ist Afraid of Heights eine Vorwärtsbewegung rückwärts. Der Gesang klingt längst wie Mike Patton, Ian D’Sas Soli nach Hair Metal, vieles arg theatralisch und (wohl auch wegen des krankheitsbedingten Ausfalls von Drummer Aaron Solowoniuk) nachdenklicher. Aber das ist allemal besser, als den alten Rotz krampfhaft zu konservieren, bis die Tattoos vom Arm labbern. Nun labbert eben manchmal der Sound. Was besser ist, wissen nur echte Fans.

Billy Talent – Afraid of Heights (Warner)

Album_Leaf_Album_Cover_Between_WavesThe Album Leaf

Und wo wir grad bei alten Hasen im vergleichsweise neuen Revier sind: The Album Leaf, das Projekt vom früheren Tristeza-Gitarristen Jimmy LaValle, hat eine frische Platte rausgebracht. Und abgesehen von gefühlt ein paar Hundert Kollaborationen und Soundtracks ist es angeblich erst das fünfte in fast 20 Jahren, wirkt beim Zuhören aber wie so oft, als hätte man das Ganze schon tausendmal gehört – diese flächigen Indietronic-Arrangements, in denen echte Instrumente gesampelt klingen und digitale Einsprengsel seltsam analog. Doch Between Waves ist bei aller Geschmeidigkeit abermals ein Werk von so eindringlicher Tiefe, dass ein paar Wiederholungen von früher gar nicht weiter stören.

Denn wie zuvor erinnern die vorwiegend instrumentalen Stücke eher an Symphonien als Tracks, was mit Gesang versehen nicht nur wegen des entspannten Popfalsetts im Stile von The Notwist die Höhen ganz großen Pops erklingt. Mit Bläsersequenzen, Geigenfetzen und gelegentlicher Atari-Spielerei gerät das Ganze dann nicht nur zu einer weiteren Note im anschwellenden Werk des harmoniesüchtigen Kaliforniers, sondern erhält auf fast magische Art und Weise Alleinstellungskraft. Sicher, es läuft ein wenig durch einen durch, allerdings wie gute Filmmusik, die man auch kaum merkt, wenn sie passgenau ist. Schon wieder ein schönes Album von The Album Leaf, diesmal ganz ohne Altersmilde; dafür war das aktuelle Quintett einfach nie tough genug…

The Album Leaf – Between Waves (Relapse Records)

Hype der Woche

I_am_Jerry_Habicht_Album_Cover_1024x1024pxI Am Jerry

Apropos tough: Ketten. Goldketten. Lange Goldketten. Und zwar (ganz wichtig) überm Schlabbershirt mit hochgekrempelten Ärmeln (oder ohne). Ist das jetzt die neue neue deutsche Härte, der online verbreitete Styling-Tipp irgendeines Lifestyle-Bloggers, noch so ein ironischer Bruch im permanenten Zitiergewitter des Konsumpopkonsums oder alles zusammen, erdacht in der PR-Abteilung von Warner? Egal – I Am Jerry, angeblich vier Jugendfreunde aus dem Ruhrgebiet, tragen zur perfekt durchdeklinierten Späthipsteruniform mit Stirnrunzelträumerblick ihre Goldkettchen offen und das ist auch schon das Bemerkenswerteste an ihrem Debütalbum, das laut Selbstbeschreibung von Generalisten der neuen Generation gemacht wurde, also in keine Schublade blablabla… Habicht mag von echt hübschen Jungs eingespielt worden sein; dass  die Platte keinem Genre zuzuordnen sein soll, liegt schlicht daran, dass sie sich aus jedem das rauspickt, was am meisten Verkäuflichkeit garantiert. Ergebnis: Semipermeabler Pop wie vom WM-Sampler, geistig leer und emotional ausgebrannt. Vielleicht doch eher Goldschmied-Ausbildung als Popstars? Nur so ein Vorschlag…

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