Brennpunkt-Mangel & Punk-Gedenken

TVDie Gebrauchtwoche

1. – 7. August

Kein ARD-Brennpunkt, nicht ein einziger! Sieben Tage ohne terroristischen, putschistischen, sezessionistischen oder sonstwie dummdreisten Anlass, das Programm für die Nachrichtenlage zu ändern; das gab‘s zuletzt im Mai. Ist also alles wieder gut? Nix ist gut! Nicht mal jetzt, da der Sport dem Weltgeschehen gern wie früher alle vier Jahre 17 Tage Sommerauszeit gönnen würde. Doch statt Entspannung herrscht Verkrampfung. Und sie beginnt nicht bei Terror-Gefahr, Zika-Viren, Doping-Sumpf, Standort-Chaos oder IOC-Korruption, sondern mit der olympischen Sprachpolizei, die streng über alles wacht, was aus dem Produkt keinen Profit schlägt. Frechheit! Von daher die Bitte: vermeiden Sie bei jeder Art medialer Äußerung unbedingt die Begriffe „Olympia“, „Spiele“, „Rio“, „2016“, „Gold“, „Silber“ und „Bronze“. Darauf reklamiert das IOC nämlich ein Exklusivrecht, angeblich um Sportler (und Sponsoren) vor Kommerzialisierung zu schützen.

Ach ja – „Sommer“, „Leistung“, „Sieg“ sind ebenfalls verboten, wenn man jene Jugend der Welt materiell unterstützen will, denen die (ups) Spiele in (uups) Rio (uuups) 2016 eigentlich gewidmet sind. Und die fünf Ringe bitte immer nur in vorgegebenen Farben, korrekter Perspektive und gegen Gebühr verwenden. Man wünscht sich angesichts dieses Vermarktungsirrsinns, dem ohnehin nur noch Tyranneien den Teppich ausrollen, eine zünftige Revolte wie die die von 1976. Damals unterspülte eine Subkultur namens Punk erst die britische, dann die amerikanische, schließlich die globale Superkultur des konservativen Mainstreams jener Zeit. Hätte es Arte da schon gegeben – der Kulturkanal wäre ganz wuschig geworden bei so viel Renitenz.

punk-caminoDie Frischwoche

8. – 14. August

Als Spätgeborener widmet er ihr im Rahmen des Summer of Scandals daher nur verspätet einen Themenabend. Eingeleitet wird der Samstag um 21.55 Uhr von Campino, der 90 Minuten durch jenes London streift, das er 40 Jahre zuvor erstmals besucht hatte, als dort jener PUNK! des Doku-Titels entstanden war. Von spürbarer Neugierde getrieben, begibt sich die Tote Hose in London’s Burning zurück an einen Ort, der den Angriff auf alle Konventionen seinerzeit zum Antichrist erklärt hatte, nun aber als Kulturerbe vergöttert.

Als Erleuchteter, Importeur, Nutznießer und Nachlassverwalter des Genres ist Campino der perfekte Geschichtslehrer. Er trifft Wegbereiter wie Bob Geldof, streift Randgewächse wie Nina Hagen, besucht Clubs wie das Roxy und lässt das Ganze aus gut gefülltem Archiv bebildern. Was einen Wettstreit mit der Doku Not Future im Anschluss entfacht. Deren Regisseur Fred Aujas arbeitet darin auch seine eigene Biografie im nachverpunkten Paris auf und hat gegenüber Campinos Film die Nase leicht vorn: Trotz einer halben Stunde weniger Sendezeit visualisiert er die irren Siebziger einfach strikter und zieht daraus die klügeren Schlüsse für unsere Gegenwart.

Die könnte man auch vom Reportage-Dreiteiler Inside mit Stefan Gödde erwarten, in dem der nette Reporter erst Russland, dann China, zuletzt Japan bereist. Dummerweise auf Pro7, und da ist zwar viel Effekthascherei, aber Null Erkenntnisgewinn zu erwarten. Letzterer ist dafür umso unterhaltsamer, wenn Netflix Freitag auf Zeitreise geht. Kreiert vom Starregisseur Baz Luhrmann gräbt die Serie im New York der Siebzigerjahre furios kostümiert nach den Wurzeln des HipHop, der dort im Nährboden aus Armut, Wut und Funk der afroamerikanischen Subkultur entstand.

Nicht richtig Subkultur ist trotz seiner Biografie als Handy-Verkäufer der Party-Tenor Paul Potts, dem im britischen Original der RTL-Kopie Supertalent 2007 mit einer schiefen Arie der Durchbruch gelang. One Chance fiktionalisiert ihn am Donnerstag um 20.15 Uhr mit angemessenem Pathos, was nur deshalb Erwähnung findet, weil es außer Sport grad wenig zu sehen gibt. Außer Maria Eibl-Eibesfeldts ARD-Filmdebüt Im Spinnwebhaus (Dienstag, 22.45 Uhr) über den zwölfjährigen Jonas, der nach dem Verschwinden seiner Mutter die Verantwortung für seine Geschwister trägt. Danach gibt‘s Kurzfilme als Kontrastprogramm zu den Olympischen Spielen – deren aktuelle Präsenz mehr Wiederholungen der Woche als üblich erfordert.

Etwa den Klassiker Barbarella mit Jane Fonda als SciFi-Agentin im Ringen mit dem irren Wissenschaftler Duran Duran von 1968 (heute, 20.15 Uhr, Arte). Mittwoch brilliert Daniel Day-Lewis als Kleinganove von 1993, der 1974 zu Unrecht als IRA-Terrorist verurteilt wurde (Im Namen des Vaters, 20.15 Uhr, Arte). Zwei Stunden später heißt der SWR Klaus J. Behrend und Dietmar Bär als frische Tatort-Ermittler „Willkommen in Köln“ (1997). Die Doku der Woche widmet sich dagegen doch noch mal kurz dem Programmfüller schlechthin, wenn 3sat am Freitag um 20.15 Uhr Das Olympische Dorf von 1936 in der Brandenburger Heide unter die Lupe nimmt.

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A Summer’s Tale: Indiepop & Family-Yoga

deine-freunde-540x304Feierabendstimmung

Musikfestivals sind laut und dreckig? Nicht so das A Summer’s Tale nahe Hamburg. Auf dem Gelände eines weltberühmten Reitturniers hat es mit seiner Premiere eine neue Zielgruppe erschlossen: die High-End-Alternativen. Kommende Woche steht die Wiederholung an – mit besserer Versorgung und mehr Gästen.  Hoffen die Veranstalter.

Wie so oft: Die Sonne bringt es an den Tag. Schon zum Frühstück schieben sich dichte Wolken über die Lüneburger Heide. Auch dem idyllischen Luhmühlen graut es ein wenig vorm anbrechenden Wochenende, so sehr verdunkelt sich der Himmel – und öffnet seine Schleusen, noch bevor ein Konzert den jungen Tag beschallt hat. Im Hauptzelt, groß wie landestypische Mehrzweckhallen, erzählt ein kleiner ZDF-Reporter mit dem optimistischen Namen Möglich was Kritisches über Wild Germany, da droht auch dieses Festival abzusaufen, als sei es ein Naturgesetz für Open-Airs im Norden. Dann aber hört es auf. Einfach so. Kein Landunter, keine Schlammschlacht, nicht mal das kleinste bisschen Matsch.

Seltsam.

Seltsam wie so vieles am A Summer’s Tale, rund 40 Autominuten südlich von Hamburg gelegen, ein Festival der besonderen Art, das nur vorweg. Besonders teuer, sagen die einen. Besonders komfortabel, entgegnen die anderen. Besonders vielfältig – darauf können sich die meisten hier immerhin einigen. Auf dem ausladenden Gelände des örtlichen Reitvereins, in der Pferdesportwelt bekannt fürs internationale Vielseitigkeitsturnier CCI, geht am Mittwoch die zweite Ausgabe eines fünftägigen Events in der fortwährend wachsenden Liste musikalischer Großveranstaltungen zu Ende. Für bis zu 199 Euro pro Person kriegen die Gäste rund 75 Live-Stunden Musik geboten, mit Headlinern von Sigur Ros über Parov Stelar und Boy bis Billy Bragg. Zur Premiere vor einem Jahr waren es Tori Amos über Belle & Sebastian, Calexico und ZAZ bis hin zu allerlei melancholischen Songwritern wie Damien Rice oder Niels Frevert. Dazu Workshops, Lesungen, Filme, Theater, Kunst, Performances, Installationen und alles, was Kinderherzen erfreut – das Unterhaltungsangebot des selbsterklärten Sommermärchens ist facettenreich.

Weniger Dosenbier, mehr gediegener Zeitvertreib

Nur eins ist es nicht: sonderlich preiswert. Drei Dutzend Bands – das bieten andere Festivals dieser Preisklasse wie das benachbarte Hurricane oder das kaum fernere Wacken täglich. Locker. Und selbst, wenn man in Rechnung stellt, dass A Summer’s Tale von Mittwoch bis Samstag allerlei Randzonenentertainment abseits der drei Hauptbühnen zu bieten hat, ist der Gegenwert eines halben Hartz-IV-Satzes für ein Programm, das auf 150 Hektar Heideland gerade mal von Mittag bis Mitternacht reicht und nur wenige Megastars aufbietet, eher überschaubar. Es muss also was anderes dran sein, an der Luhmühlener Premiere, dass dennoch 7.000 Besucher daran teilhaben.

Zum Beispiel Matthias. Rote Vans, Röhrenjeans, Basecap. Augenscheinlich ein Hipster wie aus dem Handbuch, fachlich Winzer aus St. Pauli, der neben Mischwald und Kuhweide einen – kein Scherz – Sommelier-Workshop anbietet. Gut, schon nach zehn Minuten erweist sich der Schnellkursus für 50 Hobbykenner in spe als üppige Weinprobe; doch wenn Fachmann Matthias einen Tropfen nach dem anderen ausschenkt, lernt man nicht nur was über Verabreichung (immer schön schwenken) und Expertentum (immer viel trinken), sondern auch einiges über den gemeinen Gast eines Festivals dieser Art.

Denn der ist, zumindest optisch analysiert, tendenziell älteren Semesters, genussfreudig, kultiviert, dabei zu robuster Wochenendgestaltung bereit – aber bitte mit Stil, Contenance und einem Grundmaß an Bequemlichkeit. Was auch nach dem zweiten Regentief Richtung Samstag zwischen all den Yoga-Workshops und Mehrgänge-Menüs, Traumfänger-Bastlern und Urban-Gardening-Vorträgen, den Charleston-Kursen und Kunsthandwerk-Ständen, Toilettenparks mit Spülkasten und Hundertschaften uniformierter Ordner herrscht, ist gediegenster Zeitvertreib. Er hat mit dem Rock ‘n’ Roll vergleichbarer Freiluftpartys weniger gemeinsam hat als mit den Wagner-Festspielen in Bayreuth.

Sommermärchenlandbewohner schlafen offenbar weniger mit Dosenbier im Wurfzelt als im Mietzelt mit Polsterpritschen. Mindestens. Gleich nebenan hat ein Paar behaglichkeitsaffiner Best-Ager aus Bayern im “Komfortcamp” einen Container bezogen. Für 900 Euro samt Tickets, erzählt es in einem Tonfall zwischen Selbstzufriedenheit und Selbstkritik, sei das Dach überm Kopf “schon gemütlich”. Bei vier Nächten plus Anfahrt, Versorgung, dem ganzen Rest eben, sie der Preis aber auch “ganz schön happig”.

Ab Mitternacht geht das Gros der Leute zu Bett

Die Cuisine, wie das kulinarische Angebot natürlich heißt, mag vorwiegend vegetarisch sein und oft regional bestückt; eine Mahlzeit abseits der, nun ja, billigsten Pizza ist unter sieben Euro kaum zu haben. Die Getränkekarte ist reichhaltig, aber hochpreisig. Wohnmobile kosten 50 Euro extra, Kinder ebenso. Selbst das Programmheft schlägt mit rätselhaften 3,50 Euro ins Kontor, was verbreitet für sachten Unmut sorgt.

Wofür es indes nicht sorgt, ist Konsumverweigerung. Die meisten der 7.000 Besucher schlucken die Apothekenpreise nicht nur mit autogenem Langmut, sie haben den elitären Charakter förmlich verinnerlicht. Der gewinnorientierte Hamburger Konzertgigant Scorpio hat auf malerischem Heidegrund eine ganz neue Festivalzielgruppe entdeckt: den gutsituierten High-End-Alternativen. Auffällig viele Besucher sind knapp über 55, ausgestattet mit etwas Restrenitenz, oder knapp unter 44, begleitet von kleinen Kindern. Ihnen sind die Hygienedesaster der Scorpio-Schwester Hurricane zu wild und Wochenenden vorm Fernseher zu gewöhnlich.

Wenn bei den Protestsongs der hinreißend gereiften Punk-Ikone Patti Smith im Abendrot der Nostalgiegenerator wummert, sind die einen ebenso selig wie es die anderen sind, wenn ihr Nachwuchs zum kindgerechten HipHop von Deine Freunde durch den Birkenwald hopst. Es ist, als läge Nimmerland, die Insel, auf der Kinder nie erwachsen werden, genau hier. Da, wo das Hamburger Künstlerkollektiv 210 Klappen exakt 251 Zugvögel aus poliertem Blech vor die Waldbühne gehängt hat. Wo auch sonst ein Hauch des anarchistischen Fusion-Festivals durch die Wipfel weht.

Nicht mehr, nicht weniger.

Denn verglichen mit dem heimlichen Vorbild in Mecklenburg ist A Summer’s Tale schlicht zu kommerziell. Für übliche Großfestival-Hopper hingegen ist es wie das offizielle Vorbild Wilderness im britischen Oxfordshire zu behaglich, drogenfrei, zu esoterisch und ruhig. Schon ab Mitternacht schließen alle Live-Bühnen und das Gros der Leute geht zu Bett. Sonderbar beseelt und spürbar erleichtert – von ein paar Alltagssorgen und einer schönen Stange Geld. Viele werden trotzdem wiederkommen, im August 2016, zur festivaltauglichen High-End-Alternative ohne Verwilderungsbedarf. Schließlich hält das Areal auch dem zweiten Wolkenbruch am Samstag Stand. Spielend. Statt Schlammrutschen gibt’s bloß Espadrilles-Workshops, Family-Yoga und Jochen Distelmeyer am Teich.
Der Artikel ist voriges Jahr auf ZEIT-Online erschienen

Wild Beasts, Hyroglyphic Being, DJ Khaled

TT16-BeastsWild Beasts

Einer der unterhaltsamsten Späße des Musikgeschäfts ist es ja, das Publikum mit verwirrenden Namen auf falsche Fährten zu führen. Der Black Rebel Motor Cycle Club hat diese Mimikri mit eher gefälligem Sound im Rocker-Gewand zur Perfektion getrieben, aber die Wild Beasts stehen dem in nichts nach. Der Name des britischen Quartetts klingt schließlich schwer nach Heavy Metal. Mindestens. Tatsächlich aber wird Hayden Thorpes soulig-swingender Falsett-Gesang allenfalls unterschwellig von einer härteren Gitarre begleitet. Im Kern steht auch auf dem fünften Album in nur acht Jahren ein atmosphärisch zuweilen schmutziger wirkender, aber klinisch rein produzierter Elektropop.

http://www.vevo.com/watch/GBA321600062?utm_medium=embed_player&utm_content=song_title&syn_id=af330f2c-5617-4e57-81b5-4a6edbef07cc

Dennoch hat sich auf Boy King verglichen mit den Vorgängern spürbar etwas verändert. Der Sound ist irgendwie hitziger, emotionaler, nicht so versiert, irgendwie sinnlicher als zuvor. Chris Talbotts Schlagzeug klingt zwar noch immer wie vom Drumcomputer, aber vor allem die Gitarre von Ben Little flattert manchmal fast tribalistisch durch die zehn Stücke hindurch. Trotz dieses Schweißes, der manchmal aus den Boxen zu tropfen scheint, bleibt der Stil im Ganzen aber angemessen steril für ein discoeskes Projekt dieser Art, das sich eher an Franz Ferdinand als, sagen wir, dem Funk orientiert. Gedanken über Tod und Liebe in plastinierter Versform – die Zehner sind noch immer ganz schön Eighties manchmal.

Wild Beasts – Boy King (Domino)

DownloadHieroglyphic Being

Wie Zehner die Zehner de facto dennoch grundsätzlich mal sind, selbst wenn sie manchmal ein wenig nach Siebziger klingen, belegt dann allerdings gleich wieder einer, der digitale Electronica in Reinform liefert: Jamal Moss. Als Hieroglyphic Being kredenzt der Sound-Koch aus Chicago wieder einen frisch verrührten Retrosound, den sich nicht ohne Grund das Ninja Tunes-Sublabel Technicolor unter den Nagel gerissen hat. Stilistisch gewohnt technoid, walzt sich The Disco’s Of Imhotep mit stoischem Bass und krachenden Beats durch begleitende Stile von Funk bis Jazz, ohne sich ans Analoge anzubiedern.

https://soundcloud.com/technicolour-music/hieroglyphic-being-spiritual-alliances-1

Kein Clap ist ihm dabei zu housig, kein Gefiepse zu experimentell, alles wächst von einem Genre zum anderen, bleibt dabei jedoch immer tief im Herzen jener Underground-Techno, dem der Fourtysomething einst entsprungen ist. So gesehen erscheint das neue Album nicht so richtig geeignet für den gemeinen Hausgebrauch; zu stakkatoartig, zu schnell, auch zu verstiegen manchmal. Trotzdem: wer wissen will, welche Möglichkeiten modernes DJing entfaltet, wird von Jamal Moss aka. Hieroglyphic Being so unterhaltsam wie kreativ belehrt. Und tanzen kann man dazu sowieso. Überall. Jederzeit.

Hieroglyphic Being – The Disco’s Of Imhotep (Technicolor/Ninja Tune)

Hype der Woche

COVERNORESIZEDJ Khaled

Es gibt da diese Szene einer Männergruppe in der Verfilmung von Ralf Königs legendärem Schwulen-Comic Der bewegte Mann. “Titten, Titten, Titten”, sagt einer der Teilnehmer darin, um seiner Suche nach Befreiung aus dem Gefängnis seiner eigenen Gruppenzugehörigkeit dialektisch Ausdruck zu verleihen. Was also bedeutet es, wenn Afroamerikaner obsessiv “Nigger” sagen, immer und immer und immer wieder – einen Akt der Selbstermächtigung, der Selbstverortung, der Selbstbefreiung? Im Falle von DJ Khaled kann es nur heißen – tja, Selbstkommerzialisierung? Der Großproduzent hochgetunten HipHops lässt seinen Gastmusiker Jay Z das Wort jedenfalls schon vorm ersten Refrain seiner neuen Platte neunmal Nigger durchdeklinieren und zeigt damit trotz des sozialkritischen Subtextes rassistischer Diskriminierung in den USA, was sein neuntes Album wie all die monstererfolgreichen zuvor will: Nichts besonderes, außer mit schwarzem Rap weißes Geld verdienen. Mit tollen featurings von Kendrick Lamar über Lil Way bis Wiz Khalifa und wie sie aus dem Geldadel des Genres auch alle heißen, liefert Major Keys (Sony) natürlich perfekte zubereitete Rap-Ware ohne Fehler im System, die dem Verantwortichen dahinter gewiss noch ein paar mehr Instagram-Follower bringt, musikalisch aber nichts außer Nigganigganigga. Ach ja – Tittentittentitten gibt’s natürlich auch. Schnarch.


Beat Bugs: Kinderspaß & The Beatles

imagesThe Beetles

Natürlich ist es auch ein zielgerichtetes Vermarktungskonzept, wenn fünf animierte Käfer ab heute auf Netflix zu 50 Beatles-Stücken die Welt erklären. Doch darüber hinaus sind die Beat Bugs zauberhafte Unterhaltung für Kinder und ihre Eltern.

Von Jan Freitag

Das ewig zappelnde, von Abermillionen Schnitten, Sprüngen, Twists zerhackte, vor Modernität ganz aufgeregte Fernsehen ist selbst im Zeitalter der Streamingdienste gelegentlich für Nostalgie gut. Wer eine Animationsserie auf Netflix anschaltet, in der fünf ziemlich menschliche Krabbelwesen ziemlich menschliche Dinge im ziemlich menschenleeren Hinterhof einer amerikanischen Kleinstadt erleben, dem drohte normalerweise ein heillos überdrehter Soundtrack mit Geigenterror, Grundraunen, Dauergebrüll und falls überhaupt mal echten Liedern, dann solchen zeitgenössischer Retortenstars. Was man darin eher weniger erwarten sollte, wären demnach: Die Beatles.

Die wer? dürfte die Zielgruppe der Beat Bugs da rufen. Das Quartett aus Liverpool mag ja auch gut 50 Jahre nach ihrem Karrierestart auf Hamburgs Reeperbahn weltweit die meisten Schallplatten in Umlauf gebracht haben; im Gedächtnis gewöhnlicher Kids vorm Eintritt ins Jugendalter ist sie in etwa so präsent wie, sagen wir: Hans Albers. Da ist es also nicht nur ausgesprochen nostalgisch, sondern geradezu abenteuerlich, ein Kinderformat ausgerechnet mit den Songs der Fab Four zu dekorieren. Einerseits. Andererseits erscheint dieser dramaturgische Kniff nicht nur besonders, sondern auch besonders klug.

Jay, Crick, Walter, Buzz und Kumi sind schließlich knuddelig kindgerechte Käfer – Englisch: Beetles – mit Kulleraugen, die nicht bloß das Publikum unter zwölf erreichen, sondern wenn möglich deren Eltern gleich mit. Und dafür eignet sich das Repertoire der vermutlich konsensfähigsten Band aller Zeiten natürlich bestens. Doch nicht nur das: Wenn das undefinierbare Kleingartenwesen Jay zum Auftakt der 26 Folgen in einer Dose gefangen ist und dringend Hilfe von seinen Freunden braucht, die über eine halbe Stunde hinweg so unterhaltsam wie anrührend zelebriert wird – womit ließe sich das akkurater vertonen als Lennon/McCartneys Überevergreen Help!?

Und wenn Stücke wie dieses dann noch durch populäre Stimmen verschiedener Jahrzehnte von Eddy Vedder, über Robbie Williams und Aloe Blacc bis Sia interpretiert werden, funktioniert das Konzept umso besser. P!ink zum Beispiel, auch sie längst generationenübergreifend als globaler Popstar anerkannt, spring der possierliche Buzz mit Lucy In The Sky With Diamonds zur Seite, als das Insekt Schlafstörungen hat und Unterstützung von einem Glühwürmchen mit Kaleidoskop-Augen namens, genau: Lucy braucht. Dass es im Original eigentlich um die Erfahrungen der Beatles mit psychoaktiven Substanzen geht, muss man den jungen Zuschauern ja nicht auf die Nase binden.

Ebenso wenig wie jene Marketingmaschine, die natürlich parallel zum heutigen Start längst läuft. Wer sich im Netz die ersten Teaser ansieht, kommt jedenfalls an der Werbekanonade eines Konzerns mit Apfel im Logo kaum vorbei, der den Soundtrack exklusiv vermarktet. Ob es für den australischen Show-Runner Josh Wakely wirklich so schwer war, wie er es vorab darstellte, an die Rechte der 50 Beatles-Songs zu kriegen, lassen wir daher mal dahingestellt; schließlich verdienen die Rechteinhaber bis heute an jedem Cover eifrig mit. Weniger zu bezweifeln ist hingegen Wakelys Aussage, es hätte von keiner anderen Band so ein reichhaltiges Angebot gegeben, „um meine Vision von Liebe erfüllter Moral für Kinder“ zu untermalen.

Und moralisch geht es natürlich zu, wenn die „Beat Bugs“ ihr vielschichtiges Leben im Hinterhof meistern. Aber eben auch ungeheuer charmant, meist lustig, sagenhaft unterhaltsam, selten so überdreht wie das sonstige Kinderangebot im kommerziellen Programm und mit diesem Soundtrack versehen, der endlich einmal nicht bloß nervt, sondern zum Mitsingen schön ist.


Terrornews & Olympiaoverkill

TVDie Gebrauchtwoche

25. 31. Juli

Die Tage des Terrors sind ein dauernder Stresstest der Informationsgesellschaft. Wegen einer online verbreiteten Falschmeldung etwa, in München seien drei Männer mit Langwaffen auf der Flucht, räumte nicht nur das Erste sein Abendprogramm für die schleichende Erkenntnis, dem Rattenrennen sozialer Netzwerke doch ein wenig ungefiltert zu folgen. Und nach Nizza, Ankara, Würzburg, Ansbach schossen die Spekulationen dann weiter so wild durch den virtuellen Raum, dass seriöse Nachrichtenbändiger heillos überfordert waren, sie zu sortieren.

Was also tun – abwarten und weiter Tierdokus zeigen wie im Jahr 2001, als die ARD vom brennenden Twintower zurück auf die unterbrochene Tierdoku schaltete, während RTL lückenlos aus New York berichtete? Oder auf die Gefahr hin, auch mal ins Leere zu senden, Tagesschau und heute lieber gnadenlos durchziehen als seriöse Stimmen im multimedialen Dauerfeuer untergehen zu lassen? Die Hektik der Weltlage macht es zusehends kompliziert, das richtige Maß zu finden…

Allerdings auch, wenn die Geschwindigkeit gegen Null geht wie beim lausigen Gefälligkeitsinterview, das Sigmund Gottlieb dem türkischen Dekret-Herrscher Recep Tayyip Erdoğan gewährte. Mies vorbereitet, seltsam radebrechen, dauernd defensiv, schlagfertig wie ein Sandsack und ohne jeden Drang zum Nachhaken, also durchweg huldvoll ergeben, gesellt sich der CSU-nahe BR-Chefredakteur damit zu einer Reihe Kollegen, die ihrerseits an despotischen Hardlinern gescheitert sind: von Jörg Haider (Erich Böhme) über Mahmud Ahmadinedschad (Claus Kleber) und Wladimir Putin (Jörg Schönenborn) bis Baschir al-Assad (Thomas Aders).

Wie man windige Gestalten ganz ohne Gesichtsverlust knackt, zeigte die ARD zuletzt, als ihr hervorragender Dokumentarfilm Inside IOC dessen Präsident dicht auf den Pelz rückte. In den klugen Interviews wurde Thomas Bach gar nicht recht bewusst, wie sehr er sich als Pate einer profitablen Vetternwirtschaft entlarvt. Trotzdem geht es diese Woche in Rio natürlich mit fröhlichem Elan, erstaunlich vielen Russen, Myriaden fieser Mücken, erschreckend routinierter Terrorgefahr und einer öffentlich-rechtlichen Berichterstattung los, die zum vorerst letzten Mal fast rund um die Uhr erfolgen darf. Und wird.

Download (1)Die Frischwoche

1. – 7. August

Sportlich starten die Spiele (Foto: ARD) schon Mittwoch mit Fußball, bevor die Eröffnungsfeier am Freitag zur Geisterstunde (Wiederholung 9.05 Uhr) dann 170 Stunden Live-Bilder mit maximalem Pomp einleitet – wegen der Zeitverschiebung vorwiegend zu nachtschlafender Zeit, ringsum flankiert vom soziokulturellen Begleitkonzert, das den Finger gern in die Wunde eines olympiafeindlichen Umfeldes legen möchte. Und wird? Weil man das Premiumprodukt Olympia nicht zu sehr stören will, läuft die wichtige ARD-Doku Wie Olympia und Co. die Gastgeber knebeln mit respektvollem Abstand schon heute (22.45 Uhr), während es tags drauf an Arte ist, die Schattenseiten solcher Megaevents mit einem Themenabend zu skizzieren. Kritik der übertragenden Sender zur Primetime? Ach komm‘, schauen wir lieber Bogenschießen…

Oder jene Teile des Restprogramms, die ein bisschen von Rio ablenken. Was RTL am Freitag mit 100 kurioseste Olympia-Momente noch themennah versucht, misslingt dem Ableger Nitro am Mittwoch Uhr mit beklagenswerter Routine: Um 22.55 Uhr opfert das hochglänzende Serienspinoff 12 Monkeys von Philosophie über Humor bis Scharfsinn wirklich alles, was Terry Gilliams Dystopie 1995 zur SciFi-Legende gemacht hat. Mit Aaron Stanford als Bruce Willis surft die Zeitreise zum Ursprung eines menschheitsvernichtenden Virus so sehr an der Oberfläche, dass man glatt in die Realität des ZDF-Spätfilms Alki Alki vorm Vortag zeitreisen möchte.

Auch Axel Ranischs Auftakt der Nachwuchsfilmreihe Shootingstars spielt zwar in einer trostlosen Umgebung; doch die Parabel auf Freundschaft im Dunste des Alkohols mit einer hinreißenden Christina Große im Klammergriff zwischen ihrem Mann und dessen Saufkumpan, ist vermutlich von der ersten bis zur letzten Minute unterhaltsamer als alle 23 bisherigen Folgen von 12 Monkeys zusammen. Ähnliches dürfte für den Spieler mit der Nummer 5 (Mittwoch, 21.50 Uhr, Arte) gelten, die internationale Koproduktion über einen argentinischen Ex-Profi und seinen Versuch, nach dem Fußball mit sich klar zu kommen. Gefolgt wird er von einem Dreiteiler über Die wilden Zwanziger im Berlin der goldenen Zwischenkriegsjahre. Unterhaltung mit Relevanz zur Perfektion getrieben, haben hingegen die Wiederholungen der Woche. Zum Beispiel Scarface, Howard Hawks‘ schwarzweiße Urversion schonungsloser Mafia-Fiktionen mit Paul Muni als eiskalter Al Capone von 1932 (heute, 21.55 Uhr, Arte).

Oder in Farbe: Der Clou mit Robert Redford und Paul Newmann als Kleinganoven, die ungefähr zur gleichen Zeit einem Großganoven in Chicago hinters Licht führen, wofür es 1973 gleich sieben Oscars gab. Und zwei Sachfilmtipps noch zum Schluss: Am Freitag um 19.30 Uhr beleuchtet ZDFinfo nochmals ausgiebig Ursache und Wirkung der AfD, während sich 3sat Samstagabend ab 20.15 Uhr vier Stunden lang live auf dem Wacken-Festival 2016 rumtreibt. Faster, Harder, Louder!