BID-Reeperbahn+: Mülleimer & Vollpfosten

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Für viele Stadtteilaktivisten sind Business Improvement Districts generell rote Tücher. Ganz besonders natürlich, wenn diese Art innerstädtischer Sonderwirtschaftszone für Anlieger mit Geschäftsinteresse im Mischviertel St. Pauli eröffnet wird. Eine Halbzeitbilanz des BID Reeperbahn+, 30 Monate nach Einrichtung in der gar nicht so heimlichen BID-Hauptstadt Hamburg.

Von Jan Freitag

Fünfzehn Mülleimer mit Pfandregal, rund 6.000 Euro pro Stück, erhöhtes Fassungsvermögen, digital vernetzt, weithin erkenn- und doch seltsam unsichtbar: Wer den Business Improvement District (BID) an der Reeperbahn an materiellen Maßstäben misst, muss zur Halbzeit des Projekts ein ernüchterndes Fazit ziehen. Sieht so eine verbesserte Geschäftssituation aus? Bislang erkannte man einen Hamburger BID an den auffällig gepflegten Bürgersteigen, den neuen Sitzbänken und Pflanzen, manchmal auch an vermehrt auftretendem Sicherheitspersonal. “Aus Besuchern sollen Kunden gemacht werden” hieß es 2014 im Plan für das BID Reeperbahn.

Augenfällig ist heute wenig von dem Projekt der deutschen BID-Hauptstadt Hamburg, zweieinhalb Jahre nach dem zugehörigen Senatsbeschluss. Dass Julia Staron dennoch neuen Wind im alten Rotlichtviertel spürt, dass sie vor Aufregung eine Kippe nach an der nächsten entzündet und vor Überschwang wild gestikuliert, kann also nicht an 15 Eimern in Pink liegen. “Es geht um mehr als Optik”, sagt die Quartiersmanagerin lachend.

Es geht ums Ganze.

Als Business Improvement Districts 1970 von Kanada aus um die Welt gingen, sollten sie verwahrloste Städte mit Leben füllen. Der erste in Deutschland entstand 2005 in Hamburg. Grundeigentümer und Unternehmer verständigen sich auf Maßnahmen, um ihre direkte Umgebung attraktiver zu gestalten – etwa durch neue Beleuchtung, Bürgersteige oder Grünflächen. Ihr Ziel: mehr Sicherheit, mehr Sauberkeit, mehr Gäste, mehr Geld. Die Initiative zu einem BID muss aus dem Stadtteil selbst kommen, auch die Finanzierung.

In Hamburg müssen letzlich zwei Drittel der angrenzenden Grundstückseigentümer einem BID zustimmen, damit das zuständige Bezirksamt es offziell einrichtet – und alle von ihnen, egal ob dafür oder dagegen, zu einer Beteiligung verpflichtet. Mehr als 20 BIDs gibt es in Hamburg, 40 Millionen Euro sind bereits in die Gebiete geflossen. Ein umstrittenes Verfahren. Doch nicht nur bei einigen Unternehmern stoßen die BIDs auf Kritik. Stadtteilaktivisten klagen, dass sie öffentlichen Raum privatisieren. Das machte es zu einem großen Wagnis, 2013 ausgerechnet den Spielbudenplatz im hoch-politisierten St. Pauli zu einem solchen Gebiet zu erklären, mitten hinein in die links-alternative Szene. Dorthin, wo 2013 gegen den Abriss der Esso-Hochhäuser protestiert wurde.

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Wie also kommt es zur guten Stimmung von Sharon? Was sieht sie, was andere nicht sehen? In Bergedorf, am Neuen Wall oder am Steindamm gehe es um mehr Politessen und Pflanzkübel, erklärt die Quartiersmanagerin. In ihrem Distrikt, zwischen Partypöbel und Bewohnern, Eventkultur und Alltag dagegen um atmosphärische Maßnahmen, um etwas also, was nicht sofort sichtbar sei. “Wir sind die Ausnahme”, sagt Starons Auftraggeber Andreas Pfadt beim Gespräch im St. Pauli Museum, während die Davidstraße darunter vier Tage vor dem Wochenende seelenruhig den Nachbarn gehört.

Fast zwei Millionen Euro investiert der “treuhänderische Träger öffentlicher Belange auf privatrechtlicher Vertragsbasis” auf fünf Jahre verteilt in die “Aufwertung des weltweit bekannten Vergnügungsstandortes Sankt Pauli”, wie die BID-Seite verkündet. Da sie sich der Brisanz solcher Vokabeln bewusst sind, bevorzugen die zwei Quartiersmanager ebenso wie ihr Geldgeber Pfadt allerdings: Beseitigung von Missständen. Das testosterongetränkte Gebräu aus Verkioskung, Prügelorgien und Müllexzess flutet den Lebensraum Kiez ja nicht nur beim Schlagermove, sondern 100 Tage im Jahr. Und wenn man hört, wie Pfadt “Ballermannisierung” eher ausspuckt als -spricht, hochglanzpolierte City-Distrikte laut kritisiert und den Bezirksamtschef da an seiner Seite wähnt, wirkt der Stadtplaner spürbar angewidert vom Vergnügungsviertel.

Seit die Bandenkriege Mitte der Achtziger darin abgeflaut sind, gebe es zwar auch positive Entwicklungen. Die aber würden von Bierbikes und Junggesellinnenabschieden überlagert. “Und wir wollen nachhaltigen Tourismus, der nicht nur Vollpfosten anzieht.” Ein Gutteil der Mittel fließt daher in deren Aufklärung: Für soziokulturellen Konsens abseits von Hüttengaudi und physischer Konfliktlösung, gegen Rassismus und Sexismus als gesellschaftliche Norm. Für eine Corporate Identity von außen und innen, gegen Respektlosigkeiten wie Wildpinkeln, das ein millionenfach geklicktes Video dokumentiert.

Dagegen gibt es Willkommenstüten mit Regeln, Runde Tische mit offenen Ohren, einen Sampler mit Covern eines Reeperbahn-Klassikers, also nur Gutes zu berichten. Sagen Staron und Pfadt. Sagen Polizei und Stadt. Sagen Betriebe und Besitzer. Nur: Was sagen eigentlich die Gegner? “BID sind und bleiben das Letzte”, meint mit Christoph Schäfer ein BID-Gegner der ersten Stunde. Sicherheit, Sauberkeit, Gäste, Geld: für Aktivisten wie ihn dient der neoliberale Vierklang exakt jener Standortpolitik, die in Menschen bloß Kunden sieht. Gruppen von S.O.S. St. Pauli bis PlanBude straften den Reeperbahn-Distrikt daher früh mit Verachtung. Doch mittlerweile herrscht mit dem monetarisierten Arm der Marke Hamburg Burgfrieden. “Weil es nötige Dinge anpackt”, die (Stichwort Gewalt, Kioske, Pinkeln) “endlich mal Qualität ins Konzept bringen”.

Im Grabenkrieg Stadtentwicklung klingen Christoph Schäfers Worte verblüffend konziliant. Dass Julia Staron ihre Sache vor der eigenen Tür relativ gut macht, belegt nicht zuletzt, wie viele ZEIT-ONLINE-Anfragen an Initiativen, die sonst keine Chance zur Kritik auslassen, unbeantwortet bleiben. Und Kritik gibt es weiterhin genug: Am PR-Begriff, am BID-Ursprung in der renditeseligen IG St. Pauli, am Aufwertungswahn, am Marktwertdenken, das alles verdichtet auf einem Streifen längs der Reeperbahn, dem Spielbudenplatz.

Auch zehn Jahre nachdem eine Anliegergemeinschaft um Corny Littmann diese Brache veredelt hat, leide das Umfeld unter dem Foodtruckpark mit mobiler Bühne. Der Nachtmarkt, so Schäfer, sei bei Anwohnern zwar akzeptiert; häufiges Absperren bei Dauerbeschallung aber sorge für eine schleichende Privatisierung des öffentlichen Raums, die dem BID Reeperbahn aber sonst kaum noch vorgeworfen wird. Auch das Quartiersmanagement sieht zwischen Davidwache und Tanzenden Türmen noch Verbesserungsbedarf; doch Privatisierung, meint Andreas Pfadt, “ist Mumpitz”. Und Klischees bekämpfe man nicht durch andere. Etwa jenes, St. Pauli sei arm, aber sexy, durch dieses, dass Entertainment stets billig und blöd sei.

Da die Gastronomen ihren Monatsumsatz vorwiegend samstags erzielen, gebe es zwar einen Hang zum Mainstream. “Umso mehr müssen wir das Wochenende durch Kreativität im Alltag entlasten”. Statt ökonomischem Laissez-Faire, wie es die Politik mag, und exekutivem Druck, den Wirte fordern, setzt der nebenamtliche Mediator dafür auf Moderation und Einigkeit. Das könnte dann auch Grundeigentümerproteste wie am Niendorfer Tibarg gegen dass Preis-Leistungs-Verhältnis eines BID verhindern, Proteste, die am Steindamm schon vor dem BID-Start drohen. Falls es mal geändert wird, so Pfadt, müsse daher “mehr Legislative ins entsprechende Gesetz”.

Die Interessenvertretung aller also. Nicht nur der von Sicherheit, Sauberkeit, Gästen und Geld. Erzielt im Kollektiv der Unternehmer vor Ort. Denn Bürgerbeteiligung, erklärt die Historikerin mit eigenem Kiez-Club, “heißt ja oft, einige Bürger machen alles, alle anderen nix”. Dem sollte auch in Starons Heimatquartier ein “Gesetz zur Stärkung der Einzelhandels-, Dienstleistungs- und Gewerbezentren” entgegenwirken. Es verpflichtet Unternehmer jeder Geschäftsverbesserungszone über Teamwork und Beiträge zum Handeln.

Der Text inklusive Kommentaren steht auch auf ZEIT-Online

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