Newmoon/WayneGraham/DBrown/Keshavera

tt16-newmoonNewmoon

Melodramatik ist ein durchtriebener Begleiter innerer Aufgewühltheit. Als hochgepitchte Emotionalität verabreicht, kann sie selbst den schwersten Liebeskummer und so manches Filmende erträglich machen, in Gestalt pathetischer Gefühlsduselei hingegen alles auch nur noch viel, viel schlimmer. Man ist also gerade im hochsensiblen Fach melodramatischer Rockmusik gut beraten, es nicht zu übertreiben mit Emotionalität und Pathos. Davon können Stile von Shoegaze über Ethereal und Psychedelic bis Dream Pop ein paar flächig wimmernde Riffs singen – heikle Klangwelten, die auch das Debütalbum der belgischen Band mit dem himmelschreiend melodramatischen Namen Newmoom prägen.

Kein Wunder, dass es kaum weniger melodramatisch, aber stichhaltig Space heißt. Denn das ausgesprochen analoge Quintett um den wächsern klingenden Sänger Bert Cannaerts schreddert seine drei Gitarren so herzzerreißend durch acht breit orchestrierte Tracks, als gälte es, Millionen seifige Happyends in dramatischen Wendungen aufzulösen. Wenn der Frontmann aus Antwerpen dazu erklärt, er wolle, “dass sich die Menschen in Space verlieren und zugleich finden”, wird deutlich, dass Melodramatik ein Motor erfolgreicher Sinnsuche sein kann, solange sie sich jeder Form von Pathos enthält. Im eigenen Weltall gelingt das Newmoon ganz gut.

Newmoon – Space (Pias)

tt16-wayneWayne Graham

Von Melodramatik, Pathos und sonstwie überdramatisierten Gefühlsausbrüchen sind zwei völlig andere Newcomer ohne Moon im Namen weiter entfernt, als ein Planet vom übernächsten. Unterm Bandnamen Wayne Graham haben Hayden und Kenny Miles daheim in den USA zwar bereits drei vollumfängliche Alben veröffentlicht, obwohl sie mit 21 und 26 Jahren fast noch im Schulbandalter sind. Erst das vierte namens Mexico jedoch erscheint offiziell auch in Europa und zeigt, was selbst aus den finstersten Tiefen des amerikanischen Bibelgürtels so alles zu uns kommen kann: Ein Country-Sound zum Beispiel, der klassisch und zugleich progressiv klingt, in jedem Fall aber betörend schön.

Atmosphärisch irgendwo zwischen Eels und Ween, Wilco und Cake, zelebrieren die beiden Brüder aus der zusehends verarmten Kohlegrube Kentucky nämlich den ganzen Formenreichtum ihres Genres, sofern es sich konsequent im Hier und Jetzt verortet, ohne die eigene Historie zu verleugnen: Herrlich verschrobene Harmonien, wunderbar schnodderige Poesie, alles auf eine Art nostalgisch, dass man geneigt ist, früher doch nicht alles schlechter zu finden und heute nicht alles besser. Benannt nach ihren eigenen Großvätern, füllen die beiden blutjungen Veteranen ihr Metier mit einem Leben, das darin selten geworden ist.

Wayne Graham – Mexico (K&F Records)

tt16-dannyDanny Brown

Was wohl geschehen wäre, wenn die seligen Beasty Boys noch beisammen sein dürften? Was Busta Rhymes wohl zuwege brächte, ginge ihm das Gras aus? Was renditefixierter HipHop wirklich mal verdient hätte wie die Cheeleaderqueen ein Bad im versifften Schulteich? Die Antwort lautet dreifach: Danny Brown. Der Rap-Berserker aus dem Industriedesaster Detroit ist die brachiale Antithese zu allem, was sein Metier oft unerträglich macht: Kommerz, Stromlinie, Bling Bling, Big Tits, Bigger Cars, all das selbstverliebte Ghettoflüchtlingsgehabe mit Studiolyrik, die allenfalls noch im Hochglanzvideo vorgibt, von draußen zu kommen.

Auch das vierte Album seit 2010 straft alles, was Hip-Hop oberflächlich macht, mit der Verachtung eines Mittdreißigers, der für Gefallsucht gleichermaßen zu alt und zu jung ist, der die Intelligenz besitzt, kindliche Radikalität erwachsen klingen zu lassen, und die Jugend, dabei nicht manieristisch zu wirken. Beim experimentellen Label Warp kann er da noch radikaler sein, noch wilder sampeln, noch schriller rappen, noch aufdringlicher Nigger durchdeklinieren, noch mehr Grenzen sprengen. Dabei nach Kellerloch und Glitzerdisco zu klingen, ist das Alleinstellungsmerkmal von Danny Brown.

Danny Brown – Atrocity Exhibition (Warp Records)

tt16-keshavKeshavara

Wenn die Welt mal wieder im lautstark blubbernden Morast aus Realitätsverleugnung, Wahrheitsverachtung und Gewaltverherrlichung abzusaufen droht, hilft es sehr, sie als Totalität zu begreifen: ein symphonisch kompaktes System, organisch verbunden wie das Meer. Keshav Purushotham hat das begriffen. Mit all der Weisheit einer musikalischen Lebensreise zu den Wurzeln seines Vaters, dem indischen Jazz-Trommler Ramesh Shotham, packt der Künstler aus Köln die Komplexität der Welt in ein Unterseeboot, taucht damit tief in den Ozean, lässt den global inspirierten Sound wie durch Wasser aufwärts dringen und schafft es damit spielerisch, die neue Härte dort oben ein wenig aufzuweichen.

Das unbetitelte Solodebüt des verträumten Weltenwanderers, der die Kanten der Realität schon mit seiner früheren Band Timid Tiger in synthetisch zarten Schmelz getaucht hat, ist ein Popalbum wie es einst Laid Back gelungen wäre und später vielleicht dem norwegischen DJ Todd Terje: bis zum Muskelschwund tiefenentspannt, aber gerade in dieser ungeheuren Lässigkeit auch energiegeladen genug, um auf dem blubbernden Morast zu treiben, statt darin unterzugehen. Luftmatratzenmusik der gediegeneren Art.

Keshavara – Keshavara (Papercup Records)

Zwei der Reviews sind vorab auf ZEIT-Online erschienen

Florian David Fitz: Doctor’s Diary & Terror

terrorLeicht ist doch nicht kacke!

Als schauspielerisch talentierter Frauentyp beschreitet Florian David Fitz er den Boulevard so selbstverständlich wie die Berliner Schule. Seit seiner Tourette-Komödie Vincent will Meer spielt er dabei nicht nur Hauptrollen, sondern setzt als Regisseur gern eigene Bücher um. Im ARD-Film Terror – Ihr Urteil (17. Oktober, 20.15 Uhr; Foto: Julia Terjung/Degeto) glänzt der 41-Jährige nun als Kampfpilot, der eine entführte Passagiermaschine vom Himmel schießt, um Schlimmeres zu verhindern. Das Besondere: übers Urteil des Gerichtsdramas entscheidet am Ende das Publikum. Ein Gespräch über Kontrollsucht und Kontrollverlust, leichte Kost und zu wenig Demut.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Florian David Fitz, sind Sie eigentlich ein Kontrollfreak?

Florian David Fitz: So als Beschreibung einer Persönlichkeitsstruktur? Finde ich den Begriff zu, zu…

Hart?

Zu sehr auf eine Eigenschaft zuspitzend und damit ziemlich langweilig. So gesehen bin ich natürlich keiner.

Halten Sie milder ausgedrückt, gern alle Fäden in der Hand?

Das zu glauben, halte ich für illusorisch. Aber soweit ich Einfluss aufs Schicksal habe, versuche ich ihn wahrzunehmen, aber genauso, eine gewisse Eleganz darin zu entwickeln, zu scheitern und die Dinge zu nehmen, wie sie kommen. Warum fragen Sie?

Weil Sie in Ihrem Beruf als Schauspieler begonnen, dann Regie und Drehbuch geschrieben und später sogar selbst produziert haben.

(Lacht laut) Ich kann’s halt am Besten… Nein, nein – ich bin nicht zur Regie gekommen, weil ich es unbedingt wollte, sondern weil sie mir angetragen wurde. Anderseits wusste ich schon vorher, dass es mich interessiert und irgendwann auf dem Plan steht. Alle Fäden in der Hand zu halten, erspart einem da manch kreativen Disput mit anderen. Aber ich kann auch sehr gut unter der Führung anderer arbeiten.

Wie in Terror.

Absolut. Zumal das Drehbuch fast wortgenau der Theaterstück-Vorlage Ferdinand von Schirachs folgt. Dennoch hatte ich auch hier als Schauspieler ständig Fragen und die auch geäußert. Aber der Text mit dieser brisanten Thematik zieht einen so in den Bann, dass sie in den Hintergrund gerückt sind.

Kann man sich als Darsteller angesichts der ethischen Zwickmühle, ein vollbesetztes Passagierflugzeug abzuschießen oder in ein ebenfalls vollbesetztes Stadion fliegen zu lassen, beim Spielen überhaupt freimachen von jeder eigenen Bewertung?

Nein. Meine Aufgabe dient zunächst zwar einzig und allein der Figur und ihrer Geschichte. Aber ich hatte hier ja eine sehr klare Position, die ich auch nachvollzogen habe.

Hat sich das Militärische Ihrer Rolle, der durchgedrückte Rücken, die zackige Sprache, das Verbindliche in jeder Geste dabei quasi von allein ergeben?

Seltsamerweise ja.

Ham’se etwa jedient?

Nee, ich bin mangelhaftes Material, ich wurde ausgemustert. Aber es ist wirklich eigenartig, was eine Uniform macht, welchen Einfluss sie nimmt. Man sagt ja: Kleider machen Leute. Hinzu kommt dieser Gerichtssaal, den sie detailgetreu nachgebaut haben. Und die Anklage, die gegen einen ins Feld geführt wird. Da legt man sich nicht mal eben entspannt in den Sessel. Da nimmt man automatisch Haltung an.

Um die Rückgewinnung der Kontrolle in einer Situation größtmöglichen Kontrollverlusts zu verteidigen.

Ganz genau. Das Verfassungsgericht hat ja zum vorliegenden Fall eines präventiven Angriffs auf ein ziviles Flugzeug, das als terroristische Waffe benutzt wird, klar geurteilt, nicht alles kontrollieren zu dürfen. Diese Ungerechtigkeit, zur Rettung Tausender von Menschen nicht handeln zu dürfen, müssen wir laut Verfassung aushalten.

Neigen Sie in Konfliktsituationen da eher zur Neutralität oder zur Selbstermächtigung?

Da muss ich jetzt gehörig aufpassen. Ich versuche stets, handlungsfähig zu bleiben, obwohl diese Fähigkeit in der Komplexität des täglichen Lebens sehr limitiert ist. Zugleich aber, versuche ich, mich in dem zu üben, wofür es früher dieses schöne Wort Demut gab: Dinge zu nehmen, wie sie sind, die eigene Moral nicht ständig zur Grundlage allgemeiner Handlungen zu machen. Dieses uramerikanische you-can-be-whatever-you-want führt doch letztlich zum kollektiven Burnout. Ständig das Beste zu wollen, laugt unglaublich aus. Mein Streben ist es da, zwischen dem Besten und dem Möglichen eine elegante Balance zu finden.

Haben Sie aus moralischer Überzeugung heraus nach Abwägung aller Fürs und Widers schon mal richtig großen Bockmist verzapft?

Gut gemeint als Gegenteil von gut gemacht? Klar! Wann genau, müsste ich jetzt länger überlegen, aber ich erinnere mich an eine Schulaufgabe, als es darum ging, dass frisch geschlüpfte Schildkröten von Möwen gefressen werden, wie es die Natur schon seit jeher macht, weshalb sich zunächst immer ein paar dieser Babys opfern, damit die danach sicher ins Wasser kommen. Der Mensch aber leidet mit den Tierchen und rettet die Vorhut, weshalb alle anderen loslaufen und gefressen werden. Ich wär glaube ich einer, der das auch macht. Moralisch, aber falsch. Und genau darum geht es Ferdinand von Schirach in seinem Stück – den kurzen Horizont der Moral. Damit ringe ich ständig.

Was macht dieses sperrige Thema unterhaltsam genug für die Primetime?

Wenn man Unterhaltsamkeit darüber definiert, wie die Menschen ins Gespräch, sogar offenen Streit geraten, muss „Terror– Ihr Urteil“ äußerst unterhaltsam sein. Egal, wem ich von dem Thema erzähle – jeder hat sofort eine Meinung, eine Position, wird beim Film aber die Erfahrung machen, dass sie immer wieder kippt. Wenn das kein Entertainment ist…

Als jemand, der ständig zwischen Berliner Schule und kommerzieller Komödie pendelt – welche Stellung nimmt dieser Film dann in ihrem wachsenden Repertoire ein?

Ich will doch als Schauspieler und Mensch lebendig bleiben, also alle Seiten des Daseins verkörpern. Da hab ich die Erfahrung gemacht, dass man Zuschauer mit Sachen, die eher heiter erzählt sind, besser erreicht. So gesehen bin ich froh über meine Bandbreite.

Wiegt ein Film mit realpolitischer Relevanz wie dieser dann schwerer als leichte Kost wie, sagen wir: Doctor’s Diary?

Leichte Kost? Leicht ist doch nicht gleich kacke, leicht ist immer schwer! Doctor’s Diary hat immerhin den Grimme Preis gewonnen! Ich versteh schon die Frage, versuche aber vor allem mit den eigenen Sachen ernste Dinge humorvoll zu vermitteln. Ob Tourette oder das Sterben – gute Komödien kommen nie ohne Tragödie aus. Ich juble den Leuten gern Trojanische Pferde unter, damit sie bei allem Spaß reicher rausgehen als sie reingegangen sind. Deshalb bedeutet mir Terror – Ihr Urteil auch nicht mehr, nur weil es sachlicher ist. Aber wenn beides zusammenkommt, na klar, dann freue ich mich. Kann es besser sein?

Beim nächsten Mal wieder als Autor, Regisseur, Schauspieler und Produzent in einem?

Weil mein nächstes Drehbuch noch knapp vor Seite 1 ist, sprechen wir uns da in zwei Jahren. Bis dahin hoffe ich aber schwer, auch unter anderen spielen zu können.


Funk: Altes ARZDF & Junges Angebot

download-2Funky Stunk-Funk

Seit gut einer Woche ist die öffentlich-rechtliche Netz-Alternative online und lässt sich ganz gut an. Damit beschleunigt Funk den Totentanz der Fernsehplatzhirsche, macht das aber ziemlich vielfältig.

Von Jan Freitag

„Funk“ ist ein doppeldeutiges Wort. Für angloamerikanisch, also popkulturell geschulte Ohren, reimt es sich auf „Punk“, klingt also unangepasst und verwegen. Für deutsche hingegen, also leitkulturell geprägte, reimt es sich auf „Stunk“, klingt also eher nach Volksempfänger und Verwaltung. Umso erstaunlicher ist, dass die Verantwortlichen „Funk“ beharrlich mit biederem Stunk-U aussprechen, seit ihr „Junges Angebot von ARD und ZDF“ für die Zielgruppe der 14- bis 29-Jährigen vorige Woche in Berlin vorgestellt wurde.

Abgesehen von der Gebührenfinanzierung erinnert darin schließlich kaum was an den Röhrenfernseherfunk von früher. Nach jahrelangem Streit um Inhalt und Ziele, nach parteipolitischer Einflussnahme und innermedialer Selbstbehauptung, nach Staatsvertragskorrekturen und zugehöriger Ratifizierung wandert das ersehnte Publikum der Platzhirsche unter 30 endgültig dorthin ab, wo es sich ohnehin die meiste Zeit medial aufhält: Ins Netz. Hier herrschen bekanntlich eigene Sitten, eigene Gebräuche, eigene Regeln, fast Gesetze. Und www.funk.net will sie befolgen. Alle.

Zunächst mal 40 Formate hat das Team um den juvenilen Geschäftsführer Florian Hager für Menschen produziert, deren Aufmerksamkeitsspanne vier Minuten selten übersteigt. Das unerlässliche factual entertainment ist darunter und Fiktion in Reihe. Dazu ein bisschen Mystery, etwas Anime, viele Clipshows, noch mehr Comedy und überhaupt reichlich Content, wie „Inhalt“ unter den ersehnten digital natives heißt, der so oder so ähnlich längst im Parallelfernsehen von Facebook bis Netflix läuft.

Hager, der bereits bei Arte das digitale Angebot aufbaute, will dennoch kein „erweitertes Youtube mit Filmen in Dauerschleife sein“. Schon sein Personal jedoch zeigt, dass daran vor allem der Begriff „erweitert“ stört. Den gediegenen Irrsinn des Bohemien Browser Balletts etwa orchestriert mit Christian Brandes ein Internetgewächs, das unterm Pseudonym Schlecky Silberstein zu den Stars der Blogosphäre zählt. Wenn Moritz Neumeier wöchentlich Auf einen Kaffee bittet, um mit schnodderigem Küstenslang die Welt zu erklären, tut der 28-jährige Poetry-Slammer nichts anderes als zuvor, nur mit GEZ-Mitteln. Hinter der Gaming-Show 1080NerdScope steckt kein Geringerer als der Click-Milliardär LeFloid. Und Kathrin Frickes dadaistisch, aber versiert animierte SciFi-Parodie StarStarSpace hatte nach 24 Funk-Stunden auch deshalb stolze 110.000 Zugriffe, weil sie unterm Online-Namen Coldmirror schon länger zur Youtube-Elite zählt.

Dieses Abschöpfen binärer Ressourcen fürs analoge Parallelprogramm mag demnach berechenbar wirken; vor allem aber ist es vorwiegend originell. Böhmermann-Autor Florentin Will zum Beispiel kommentiert mit seiner Kollegin Katjana Gerz den Irrsinn der Arbeitssphäre in Gute Arbeit Originals lustiger als all die Witzfiguren auf RTL zusammen. Mit Nemi El-Hassan, Friedemann Karig und Ronja von Rönne betätigen sich Journalisten frischer Prägung als meinungsstarke Jäger & Sammler in den Abgründen unserer Gesellschaft, die sich dabei zum Auftakt rechten Rappern stellen, ohne mit dem Zeigefinger zu wedeln.

Gut, wenn Fynn Kliemann in seiner DIY-Sause Kliemanssland Trecker tunt und auch sonst Klimawandel mal Klimawandel sein lässt, erinnert das an die Testosteronduschen von DMAX. Fröhlich-debiler Blödsinn wie dieser steht allerdings im Schatten ehrgeiziger Formate wie Wishlist. Marc Schießers Mystery-Epos um eine geheimnisvolle App, die ab 28. Oktober mit fatalen Nebenwirkungen Wünsche erfüllt, vereint die Lockerheit neuer durchaus unterhaltsam mit der Professionalität alter Medien. Fragt sich nur, ob erstere den letzteren damit nicht endgültig das Grab schaufeln – zumal mit ZDFkultur der letzte Sender geopfert wurde, in dem das Fernsehen noch Musik abseits von Volksschlager und Klassik zeigte. Florian Hager mag noch so beteuern, statt „schneller Aufmerksamkeit nachhaltige Reichweite“ anzupeilen. Dass Coldmirrors Beitrag seit Donnerstag 216.000 Clicks erzielt hat, dürfte er jedenfalls zufriedener registrieren als die üblichen Topquoten für Tatort & Pilcher dazwischen. Doch mit jedem Zugriff werden die User nicht nur nachhaltig im Netz erreicht, sondern womöglich noch nachhaltiger vom linearen Fernsehen entwöhnt.

Online frisst offline? Hager glaubt nicht, „dass ein Medium das andere ablöst“. Weil die Generation Touchscreen fürs alte Sofagarnitur-TV ohnehin verloren sei, will er sie dennoch „mit anspruchsvollen öffentlich-rechtlichen Angeboten auf den Plattformen versorgen, auf denen sie sich aufhalten.“ Wenn Streamingdienste und Amazon demnächst die televisionäre Weltherrschaft übernehmen, könnte dieser hoffnungsfrohe Fatalismus als 45 Millionen Euro teure Dolchstoßlegende in die ARZDF-Annalen eingehen. Andererseits: ist es nicht eher logisch als hilflos, wenn der Nachwuchs in die virtuelle Wolke gelockt wird? Zu oft hat sich das öffentlich-rechtliche Konstrukt als reformresistent erwiesen, und wenn es doch mal jung sein wollte, endete vom piefigen Erfurter Tatort bis zum geriatrischen ZDFneo alles verlässlich im Desaster. Daran kann auch Jan Böhmermann nichts ändern, den die Jugend der Welt ohnehin eher online sieht.

So gesehen ist Funk exakt jenes Angebot, das die Platzhirsche verdienen. Wenn Pauline Bossdorf darin gesundes Essen kommentiert, Kostas Kind das Erwachsenwerden, Kristina Weitkamp alles rund um Sex oder Fabian Nolte den Rest, ist das trotzdem nicht viel mehr als ein um US-Serien wie Fargo und einen Second Screen zum Tatort erweitertes Youtube. Aber wenigstens eins, das von alten TV-Kennern kuratiert wird: alles andere als Punk, aber zuweilen ziemlich funky.


Zu junges Angebot & uraltes Fernsehen

TVDie Gebrauchtwoche

3. – 9. Oktober

Ab wann, das fragen sich nicht nur Menschen ab 30, ist man eigentlich alt – wenn einem das Instant-Entertainment auf Youtube oder Snapchat nachhaltiger die Freizeit vertreibt als lineares Fernsehen? Wenn man partout nicht witzig findet, was ARD und ZDF in ihrem angeblich „Jungen Angebot“ für die Zielgruppe 14 bis 29 anbietet? Wenn man sich anstelle von „funk“ das ersatzlos ersetzte ZDFkultur zurücksehnt, das unter Unterhaltung keine dreieinhalbminütigen Comedyclips, sondern die ganze Breite des Feuilletons versteht? Wer auf all dies mit „ja“ antwortet und den avisierten Altersschnitt der „funk“-Klientel dennoch um weniger als 20 Jahre verfehlt, fühlt sich womöglich ein klein wenig älter als gewünscht, aber gewiss nicht schlechter.

Schließlich findet er es womöglich sehenswerter als die irrwitzige Endorphin-Dusche Bohemien Browser Ballett oder den grenzdebilen Testosteron-See Kliemannsland, dass Sandra Maischberger bei ihrer 500. Sendung am Mittwoch mal wieder den hartrechten Tastaturtölpel Beatrix von Storch auf dem Sofa seziert hat und Thomas Roth (endlich) sein Übergangsmandat bei den Tagesthemen an Ingo Zamperoni abgegeben; dass die Ermittlungen gegen Jan Böhmermann wegen Majestätsbeleidigung am türkischen Sultan eingestellt wurden und dessen (also Erdoğans) frauenschrittgrabschender Geistesbruder Trump auch im zweiten Duell gegen Hilary Clinton unterlegen ist, aber trotzdem Chancen auf den Wahlsieg hat; ja sogar, dass Storchs Vorbild Roland Schill seit Donnerstag nackt über die RTL-Insel turnt, was ihr alter Kamerad Nikolaus Blome, der vom geläuterten Blut-und-Boden-Blatt Bild zur aufstrebenden Blut-und-Boden-Partei AfD wechselt, hilft modernen Menschen mit Gewissen und Empathie, sich jünger zu fühlen als es die Senderangebote suggerieren.

Beinah jugendlich darf man sich hingegen fühlen, wenn heute Abend abermals der öffentlich-rechtliche Beweis angetreten wird, wieso Zuschauer unter 60 im Grunde an keinem Bildschirm mehr zuhause sind.

0-FrischwocheDie Frischwoche

10. – 16. Oktober

Dann startet das ZDF-Epos Familie – ein versiert gefilmter Zweiteiler um Sternekoch Lennart (Jürgen Vogel), den die Geburt seiner Tochter zwischen Freundin (Anna Maria Mühe), Geliebter (Natalia Belitski) und Mama (Iris Berben), der Arbeit, fiesen Russen und natürlich einem dunklen Geheimnis einer elitären Sippe schlingern lässt.

Regisseur Dror Zahavi schafft es zwar auch nach Rainer Bergs Buch, Realismus artifiziell, aber authentisch in pathosfreie Melodramatik umzuwandeln. Doch exakt so sieht Fernsehen von gestern fürs Publikum von vorgestern aus, dem nur zwei Verwandtschaftszusammenhänge zumutbar scheinen: Die Sonntagssonnenscheinfamilie und die Montagsgewitterwolkenfamilie. Beides beginnt zusehends zu nerven. Besonders, wenn man sich thematisch benachbartes Programm aus dem Ausland ansieht wie Kleine Morde unter Nachbarn. Staffel 2 der dänischen Serie um den Spitzenkoch Sune und seine zwei Schwestern, die einen toten Drogendealer im Vorgarten vergraben und vergebens hoffen, damit sei die Sache erledigt, läuft ab morgen (22.15 Uhr) bei Servus und zeigt, das die Mysterien deutscher Familienfiktion andernorts auch mal ohne die Frage nach standesgemäßer Heirat oder verheimlichter Herkunft auskommen können.

Obwohl – solche Sorgen hätten dort, wo das System Familie grad im Kern gefährdet ist, sicher gerne. Als Folge der Ein-Kind-Politik gepaart mit patriarchaler Machtstruktur, gibt es im Reich der Mitte derzeit 34 Millionen mehr Männer als Frauen. Katja Eichhorns Dokumentation Chinas einsame Söhne zeigt am Mittwoch (21 Uhr, 3sat), welche Folgen das hat. Folgen eines Amoklaufs für Angehörige und Hinterbliebene behandelt der sehenswerte ARD-Mittwochsfilm Die Stille danach mit einer gewohnt fabelhaften Ursula Strauss auf der Suche nach ihrer eigenen Schuld an der Tat des Sohnes. Und nachdem noch schnell das MDR-Porträt Der Maler Max Beckmann (Donnerstag, 23.05 Uhr) empfohlen sei, können wir mit der Wiederholung der Woche in Farbe am gleichen Tag im Grunde beim Thema bleiben.

Auch Ghost – Nachricht von Sam (20.15 Uhr, Kabel 1) handelt von familiärem Verlust, arbeitet ihn mit Patrick Swayzee als Geist an der Seite seiner trauernden Freundin (Demi Moore) nur etwas, nun ja, süffiger auf. Dennoch ein Meilenstein des Schmalzkinos. Ein bisschen rabiater ist hingegen das Verwandtschaftsverhältnis des schwarzweißen Tipps Der Engel, der ein Teufel war von 1956 (Montag, 20.15 Uhr, Arte), Julien Duviviers Film Noir mit Jean Gabin als Sternekoch im Visier einer Intrige seiner eigenen Tochter. Und um mal wieder vom Abstammungsdenken zu abstrahieren, handeln die Dokus der Woche von etwas ganz anderem: In Citizenfour porträtiert Laura Poitras heute (22.25 Uhr, 3sat) Edward Snowdon, was gut zu Alex Gibneys morgiger Betrachtung an gleicher Stelle zur gleichen Zeit des Wikileaks-Gründers Julian Assange We Steal Secrets passt.


Apothek, Oddarrang, All diese Gewalt, LVL UP

tt16-apothekApothek

Es gibt Länder, die sind nicht nur, aber ganz besonders aus musikalischer Sicht erstaunlich. Island zum Beispiel, dieses winzige Eiland voller Soundexperimentalisten von Weltrang. Dazu Schweden, in dem Populärmusik Mitte der Siebziger abschließend zum Pop wurde. Auch Finnland brilliert durch spannende Eigenart, kulminierend in einer virilen Metal- und Tangoszene. Und wer einmal das dänischen Electroduett Den Sorte Skole gehört hat, wird künftig alles andere daran messen. Kann es da ein Zufall sein, dass Norwegen die Gruppe nordeuropäischer Nationen mit merkwürdiger Sprache, aber erstaunlicher Klangvielfalt komplettiert? Und wir reden da jetzt gar nicht über den genialen Todd Terje oder A-ha, sondern – nur so ein Beispiel – über Apothek.

Auf seinen gleichlautenden Debütalbum kreiiert das Duo eine Tonalität, die scheinbar nur in Nordeuropa möglich ist: Gediegen und zugleich gefällig, eine Art von Synthpop, der durch Morten Myklebusts tiefer gedimmtes Falsett zur Formvollendung kommt, während die analog klingenden Digitalloops und Samples seines Freundes Nils Martin Larsen dazu die Variationen von melodramatischem Moll und fröhlich verschachteltem Dur durchdekliniert, dass es wie ein Sonnenstrahl in der Gewitterfront wirkt oder eben eine Wolkenwand überm heißesten Sommertag. In Deutschland wirkte so etwas getragen und pathetisch oder hieße andernfalls The Notwist, in Norwegen hingegen ist es seltsamerweise leichtfüßig und schön.

Apothek – Apothek (Probeller Recordings)

oddarrang-agartha-screenOddarang

Und wo wir grad hoch droben im Norden sind, fast schon Polarkreis, wäre ein kleiner Schlenker zur anderen Seite des skandinavischen  Klangwunders angebracht, sofern man Finnland denn zu dieser topografischen Formation hinzuzählt. Tief im Osten der Region hat sich seit Jahren ein Genre etabliert, das etwas Außergewöhnliches kann, vor allem aber darf: Monumentalen Rock ethnologisch auszugestalten. Auch das vierte Album mit dem angemessen kryptischen Titel Agartha hat diesen zutiefst ekklektischen Ansatz, ineinander zu schmeißen, was für voreingenommene Ohren nach Pathos klingt, für offene allerdings nach der Versöhnung des Unvereinbaren.

Denn mit den vieflach flächigen, selten jedoch verwaschenen Gitarren, mit der vorwiegend instrumentalen Gesprächigkeit eingeflochtener Trombone und Celli, mit interessanten Synths zu irrlichternden Drums, mischt das Quintett eine Stimmung unter den dräuenden Bass, als beschriebe Smetanas Moldau nun die baumbestandenen Seenlandschaften Finnlands. Wer dabei den Kopf ins Kissen legt, kann darüber leichthin einschlafen; man kann aber auch intensiv lauschen und dabei in den fünf überlangen Tracks nach Überraschungen suchen wie ein Jean-Michel-Jarriges-Astrorauschen in Mass I-III oder fast funkigem Einschlag in Admiral Byrds Flight. Alles drin, auch in Finnland.

Oddarang – Agartha (Edition Records)

tt16-gewaltAll diese Gewalt

Was muss es doch dunkel sein im Kopf von Max Rieger. Die selbstreferenzielle, aber fürsorgliche Welt des Feuilletons liegt ihm zu Füßen, seit seine Band Die Nerven eben jene der realitätswunden Zivilgesellschaft offenlegte und mit rüdem Postpunk vernähte. Der junge Stuttgarter könnte sein Werk nun besehen und da sagen: jetzt gönn‘ ich mir mal was Leichtes, Funk oder Pop vielleicht – es gelänge ihm spielend. Doch was gönnt er sich: Hunderte von Stunden allein im Studio, die er mit der Suche nach Tausenden von Spuren für ein Album verbringt, das noch dräuender, noch dunkler, noch viel realitätswunder klingt als man Menschen ohne psychologischen Knacks zutrauen würde.

Sein zweiter Soloausritt versprüht daher die depressive Aura von The XX, allerdings erhellt durch Schlagzeugkaskaden, Synthigeplödder, Teppichgitarren, Drones und überhaupt viel, viel Bass. Was Riegers Alleingang All diese Gewalt halt so in Liedstrukturen umprogrammiert, die bei aller lyrischen Komplexität oft zugänglich sind wie jener Achtziger-Wave, dem all dies entspringt. So gesehen mag Welt in Klammern atmosphärisch um Hilfe rufen; es ist nicht weniger als die Stimme einer optimistischen Generation am Abgrund, die sich der Nutzlosigkeit jeder Rebellion bewusst ist und doch mit großer Klugheit gegen der Aberwitz ringsum aufbäumt.

All diese Gewalt – Welt in Klammern (Caroline)

tt16-lvlupLVL UP

Von dieser Art weltlicher Melodramatik kann man sich im Rahmen eines intellektuellen Minimalkonsenses kaum weiter entfernen als mit der lofi-Rockband LVL UP. Auf seinem dritten Album klingt das Quartett aus New York elf Stücke lang, als sei die Welt, wie sie ist, eigentlich kein schlechter Ort, um sich gemütlich darin hängen zu lassen. Sommerlaunesediert fuzzen die Gitarren unter Doppelstimmen hindurch, die meistens klingen, als beschriebe sich ein Kreis gut situierter Wochenendkiffer gegenseitig den Rausch. Selbst vielfach verzerrte Saiten wirken watteweich und geschmeidig.

Jede Rückkopplung erinnert mehr an ein gemeinsames Lachen als wütenden Alternative. Und obwohl die Becken fast pausenlos scheppern, hat man das Bild eines Drummers vor Augen, der nebenbei nett mit dem Bassisten plaudert. Warum das dennoch der Erwähnung wert ist? Weil das Pathos musikalischer Realitätsbewertung ringsum dringend eines Gegenpols unbeschwerter Fröhlichkeit bedarf. Weil reflexive Wirklichkeitskonfrontation auf Dauer mutlos macht. Weil selbstvergessener Hedonismus gelegentlich angeraten ist, um dem Irrsinn vor der Haustür zu entgehen. Ach ja – und weil es super klingt.

LVL UP – Return To Love (Sub Pop)

 


Interview-Classics: Inger Nilsson & Pippi L.

download-1Ich war erzogen und ängstlich

Wer Inger Nilsson (57) vor sich sitzen hat, vermisst zunächst mal die knallroten Zöpfe. Aber auch sonst hat sich die Darstellerin von Pippi Langstrumpf in den 48 Jahren seit ihrer legendären Rolle gewandelt – vor allem zur richtige Schauspielerin, die ihre Lindgren-Figur von einst zwar liebt, aber auch ein Stück weit hinter sich lassen will. Ein Gespräch zum damaligen Start der ZDF-Reihe Kommissar und das Meer über die Vergangenheit als Kinderstar, welches der Mädchen am Set mutiger war und was sie von einer Fortsetzung hielte.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Nilsson, wo bitte sind Ihre knallroten Haare geblieben?

Inger Nilsson: Gute Frage, ich habe damals als Pippi ja eine Perücke getragen (lacht). Meine Naturfarbe ist nämlich blond. Sehr blond sogar.

Das ist Ihnen vermutlich ganz lieb, oder werden Sie gern auf offener Straße erkannt?

Nein (blickt sehr ernst und wartet lange). Im Gegenteil. Und ich mag es auch nicht, auf der Straße angesprochen zu werden. Aber natürlich erkennt man mich auch so noch ganz gut, besonders in Schweden. In Deutschland schon weniger.

In Der Kommissar und das Meer muss man schon zweimal hinsehen, um Sie in der tristen Gerichtsmedizinerin Ewa zu erkennen.

Ob es vom Drehbuch her so gewollt war, weiß ich nicht. Aber mir ist es natürlich ungeheuer wichtig, Inger Nilsson in der Gegenwart, nicht die aus dem Jahr 1968. Ich bin vor allem Schauspielerin, keine Kinderschauspielerin, und die Rolle der Ewa ist in der Tat eher trist. Sie arbeitet eben professionell und kühl, sehr kontrolliert also. Da gibt es nun mal nicht viel zu lachen.

Meinen Sie, die Zuschauer reagieren irritiert?

Das hoffe ich doch sehr!

Stimmt es, dass bei einer Theatervorstellung in Schweden mal Zuschauer gegangen sind, weil Sie eine böse Intrigantin gespielt haben?

Eine Figur von Steven King, ja. Aber dass da Leute gegangen sind – woher haben Sie das denn bloß? Ich erinnere mich nur, dass nach einer Vorstellung eine Frau zu mir kam und mich dafür lobte, wie toll es gewesen sei, mich mal in so einer ernsten, fiesen Rolle zu sehen. Doch dann sah sie mir fest in die Augen und sagte: Aber bitte, benutzen Sie nie wieder so hässliche Worte auf der Bühne. Das würde Pippi niemals machen (lacht).

Also wieder der Pippi-Vergleich. Ist sie eher Fluch oder Segen Ihrer Karriere?

Irgendwas in der Mitte. Ich habe es ja im Film nie über den Kinderstar hinaus gebracht, und mir haben schon mehrfach Regisseure gesagt, dass man mich vor allem so sehen will, wie ich damals war. Aber die Pippi-Filme – und von denen gab es ja gerade mal vier – haben mir trotzdem auch Türen geöffnet. Sie blieben nur nicht allzu lange offen, weil man immer dasselbe von mir erwartet hat: die fröhliche, freche Göre. Deswegen habe ich lange Zeit nur Theater gespielt.

Und zwischen zwei Berufen hin und her gewechselt: Erst Schauspielerin, dann Sekretärin, Schauspielerin und so weiter. Haben Sie sich so ein Standbein im Alltag erhalten?

Nein, ich habe damit Geld verdient, als es mit der Schauspielerei nicht gereicht hat. Ein ganz normaler Job also. Aber ich war auch währenddessen immer mit vollem Herzen Schauspielerin und werde das auch bleiben. Die Bühne war stets präsent.

Und jetzt machen Sie Krimis. Warum sind die in Schweden eigentlich immer so düster und melancholisch?

Das ist eine recht philosophische Frage. Die düstere Atmosphäre hängt sicherlich mit unserer kulturellen Entwicklung zusammen, dem Wohlfahrtsstaat, der Sozialdemokratie. Die Schweden lebten immer mit einem so ausgeprägten Zusammengehörigkeitsgefühl, dass man die kriminellen Abgründe eben eher ins Fiktive verlegen musste. Entsprechend viele Kriminalschriftsteller gibt es bei uns und es werden sogar immer mehr. Mari Jungstedt, die Autorin unserer Bücher, ist eine davon, eine Journalistin übrigens, wie überhaupt viele Krimiautoren vorher mit Medien zu tun hatten. Aber ein anderer Grund für die triste Stimmung in den Romanen und Filmen ist ganz gewiss unsere langen, dunklen Winter. Da kommen schon mal trübe Gedanken auf.

Sind Sie privat eher der fröhliche Typ Pippi oder der düstere Kommissar Beck?

Oh Gott, keins von beiden, ich bin weder so permanent gut gelaunt und optimistisch wie Pippi, aber auch nicht ständig gedrückt und melancholisch wie Herr Beck. Irgendetwas dazwischen, auch wenn das ein bisschen langweilig klingt.

Und als Kind – steckte mehr Pippi oder Ihnen oder doch die brave Annika?

Das ist nun wirklich witzig. Wir waren jeweils das genaue Gegenteil unserer Rolle. Ich war eher gut erzogen und ängstlich, Maria Persson dagegen, die Annika gespielt hat, war viel mutiger und frecher als ich. Sie fand bei den Dreharbeiten alles toll, ich war vorher gerade mal eine Woche in meinem ganzen Leben fort von zuhause und wollte ständig wieder dorthin zurück. Das ist der Beweis dafür, wie wenig Pippi eigentlich in mir steckt.

Wie hätten Sie ihre Kinder erzogen, wenn es welche gäbe?

Weder allzu anarchistisch noch übertrieben gehorsam. Etwas dazwischen natürlich, vor allem hätte ich sie zu Selbstbewusstsein erzogen, aber nicht gleich zu so einem riesigen wie das von Pippi. Ich würde mal sagen: irgendwie sozialdemokratisch (lacht).

Die Pippi-Filme sind genau zu Beginn der Studentenunruhen entstanden und haben damit eine rebellische Generation geprägt. Sind Sie selbst eine 68erin?

Nein, dafür kam 1968 zu früh, ich war ja damals noch ein Kind. Ich bin zwar politisch interessiert und stamme aus einem sehr engagierten Haushalt, aber ich habe nie versucht, in der Politik aktiv zu werden. Obwohl… (zögert sehr lang). Nein, das ist einfach nicht meine Welt.

 

Meinen Sie man könnte eine Fortsetzung der Pippi-Filme drehen und zeigen, was sie heute so machen würde?

Oh, bitte bitte nicht! Wissen Sie, die Faszination von Pippi Langstrumpf entsteht doch aus zwei Faktoren: Dem großen Geheimnis darum, was aus ihr geworden sein könnte, und der Besonderheit, niemals zu altern. Ich habe mal einen Versuch gelesen, so einen Artikel in einer Zeitung, der einfach gemutmaßt hat, wie es Pippi jetzt so gehen würde. Mehr dürfte es gewiss nicht sein. Eine Fortsetzung zu drehen, taugt also höchstens für eine Projektarbeit an der Kunsthochschule, als eine Art Experimentalfilm, aber nicht fürs Kino oder Fernsehen. Und über eines können Sie sich ganz sicher sein: Wenn es doch mal jemand macht und mich fragt, ob ich mitspielen würde, sage ich hundertprozentig nein.