Interview-Classics: Inger Nilsson & Pippi L.

download-1Ich war erzogen und ängstlich

Wer Inger Nilsson (57) vor sich sitzen hat, vermisst zunächst mal die knallroten Zöpfe. Aber auch sonst hat sich die Darstellerin von Pippi Langstrumpf in den 48 Jahren seit ihrer legendären Rolle gewandelt – vor allem zur richtige Schauspielerin, die ihre Lindgren-Figur von einst zwar liebt, aber auch ein Stück weit hinter sich lassen will. Ein Gespräch zum damaligen Start der ZDF-Reihe Kommissar und das Meer über die Vergangenheit als Kinderstar, welches der Mädchen am Set mutiger war und was sie von einer Fortsetzung hielte.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Nilsson, wo bitte sind Ihre knallroten Haare geblieben?

Inger Nilsson: Gute Frage, ich habe damals als Pippi ja eine Perücke getragen (lacht). Meine Naturfarbe ist nämlich blond. Sehr blond sogar.

Das ist Ihnen vermutlich ganz lieb, oder werden Sie gern auf offener Straße erkannt?

Nein (blickt sehr ernst und wartet lange). Im Gegenteil. Und ich mag es auch nicht, auf der Straße angesprochen zu werden. Aber natürlich erkennt man mich auch so noch ganz gut, besonders in Schweden. In Deutschland schon weniger.

In Der Kommissar und das Meer muss man schon zweimal hinsehen, um Sie in der tristen Gerichtsmedizinerin Ewa zu erkennen.

Ob es vom Drehbuch her so gewollt war, weiß ich nicht. Aber mir ist es natürlich ungeheuer wichtig, Inger Nilsson in der Gegenwart, nicht die aus dem Jahr 1968. Ich bin vor allem Schauspielerin, keine Kinderschauspielerin, und die Rolle der Ewa ist in der Tat eher trist. Sie arbeitet eben professionell und kühl, sehr kontrolliert also. Da gibt es nun mal nicht viel zu lachen.

Meinen Sie, die Zuschauer reagieren irritiert?

Das hoffe ich doch sehr!

Stimmt es, dass bei einer Theatervorstellung in Schweden mal Zuschauer gegangen sind, weil Sie eine böse Intrigantin gespielt haben?

Eine Figur von Steven King, ja. Aber dass da Leute gegangen sind – woher haben Sie das denn bloß? Ich erinnere mich nur, dass nach einer Vorstellung eine Frau zu mir kam und mich dafür lobte, wie toll es gewesen sei, mich mal in so einer ernsten, fiesen Rolle zu sehen. Doch dann sah sie mir fest in die Augen und sagte: Aber bitte, benutzen Sie nie wieder so hässliche Worte auf der Bühne. Das würde Pippi niemals machen (lacht).

Also wieder der Pippi-Vergleich. Ist sie eher Fluch oder Segen Ihrer Karriere?

Irgendwas in der Mitte. Ich habe es ja im Film nie über den Kinderstar hinaus gebracht, und mir haben schon mehrfach Regisseure gesagt, dass man mich vor allem so sehen will, wie ich damals war. Aber die Pippi-Filme – und von denen gab es ja gerade mal vier – haben mir trotzdem auch Türen geöffnet. Sie blieben nur nicht allzu lange offen, weil man immer dasselbe von mir erwartet hat: die fröhliche, freche Göre. Deswegen habe ich lange Zeit nur Theater gespielt.

Und zwischen zwei Berufen hin und her gewechselt: Erst Schauspielerin, dann Sekretärin, Schauspielerin und so weiter. Haben Sie sich so ein Standbein im Alltag erhalten?

Nein, ich habe damit Geld verdient, als es mit der Schauspielerei nicht gereicht hat. Ein ganz normaler Job also. Aber ich war auch währenddessen immer mit vollem Herzen Schauspielerin und werde das auch bleiben. Die Bühne war stets präsent.

Und jetzt machen Sie Krimis. Warum sind die in Schweden eigentlich immer so düster und melancholisch?

Das ist eine recht philosophische Frage. Die düstere Atmosphäre hängt sicherlich mit unserer kulturellen Entwicklung zusammen, dem Wohlfahrtsstaat, der Sozialdemokratie. Die Schweden lebten immer mit einem so ausgeprägten Zusammengehörigkeitsgefühl, dass man die kriminellen Abgründe eben eher ins Fiktive verlegen musste. Entsprechend viele Kriminalschriftsteller gibt es bei uns und es werden sogar immer mehr. Mari Jungstedt, die Autorin unserer Bücher, ist eine davon, eine Journalistin übrigens, wie überhaupt viele Krimiautoren vorher mit Medien zu tun hatten. Aber ein anderer Grund für die triste Stimmung in den Romanen und Filmen ist ganz gewiss unsere langen, dunklen Winter. Da kommen schon mal trübe Gedanken auf.

Sind Sie privat eher der fröhliche Typ Pippi oder der düstere Kommissar Beck?

Oh Gott, keins von beiden, ich bin weder so permanent gut gelaunt und optimistisch wie Pippi, aber auch nicht ständig gedrückt und melancholisch wie Herr Beck. Irgendetwas dazwischen, auch wenn das ein bisschen langweilig klingt.

Und als Kind – steckte mehr Pippi oder Ihnen oder doch die brave Annika?

Das ist nun wirklich witzig. Wir waren jeweils das genaue Gegenteil unserer Rolle. Ich war eher gut erzogen und ängstlich, Maria Persson dagegen, die Annika gespielt hat, war viel mutiger und frecher als ich. Sie fand bei den Dreharbeiten alles toll, ich war vorher gerade mal eine Woche in meinem ganzen Leben fort von zuhause und wollte ständig wieder dorthin zurück. Das ist der Beweis dafür, wie wenig Pippi eigentlich in mir steckt.

Wie hätten Sie ihre Kinder erzogen, wenn es welche gäbe?

Weder allzu anarchistisch noch übertrieben gehorsam. Etwas dazwischen natürlich, vor allem hätte ich sie zu Selbstbewusstsein erzogen, aber nicht gleich zu so einem riesigen wie das von Pippi. Ich würde mal sagen: irgendwie sozialdemokratisch (lacht).

Die Pippi-Filme sind genau zu Beginn der Studentenunruhen entstanden und haben damit eine rebellische Generation geprägt. Sind Sie selbst eine 68erin?

Nein, dafür kam 1968 zu früh, ich war ja damals noch ein Kind. Ich bin zwar politisch interessiert und stamme aus einem sehr engagierten Haushalt, aber ich habe nie versucht, in der Politik aktiv zu werden. Obwohl… (zögert sehr lang). Nein, das ist einfach nicht meine Welt.

 

Meinen Sie man könnte eine Fortsetzung der Pippi-Filme drehen und zeigen, was sie heute so machen würde?

Oh, bitte bitte nicht! Wissen Sie, die Faszination von Pippi Langstrumpf entsteht doch aus zwei Faktoren: Dem großen Geheimnis darum, was aus ihr geworden sein könnte, und der Besonderheit, niemals zu altern. Ich habe mal einen Versuch gelesen, so einen Artikel in einer Zeitung, der einfach gemutmaßt hat, wie es Pippi jetzt so gehen würde. Mehr dürfte es gewiss nicht sein. Eine Fortsetzung zu drehen, taugt also höchstens für eine Projektarbeit an der Kunsthochschule, als eine Art Experimentalfilm, aber nicht fürs Kino oder Fernsehen. Und über eines können Sie sich ganz sicher sein: Wenn es doch mal jemand macht und mich fragt, ob ich mitspielen würde, sage ich hundertprozentig nein.

Advertisements


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s