Apothek, Oddarrang, All diese Gewalt, LVL UP

tt16-apothekApothek

Es gibt Länder, die sind nicht nur, aber ganz besonders aus musikalischer Sicht erstaunlich. Island zum Beispiel, dieses winzige Eiland voller Soundexperimentalisten von Weltrang. Dazu Schweden, in dem Populärmusik Mitte der Siebziger abschließend zum Pop wurde. Auch Finnland brilliert durch spannende Eigenart, kulminierend in einer virilen Metal- und Tangoszene. Und wer einmal das dänischen Electroduett Den Sorte Skole gehört hat, wird künftig alles andere daran messen. Kann es da ein Zufall sein, dass Norwegen die Gruppe nordeuropäischer Nationen mit merkwürdiger Sprache, aber erstaunlicher Klangvielfalt komplettiert? Und wir reden da jetzt gar nicht über den genialen Todd Terje oder A-ha, sondern – nur so ein Beispiel – über Apothek.

Auf seinen gleichlautenden Debütalbum kreiiert das Duo eine Tonalität, die scheinbar nur in Nordeuropa möglich ist: Gediegen und zugleich gefällig, eine Art von Synthpop, der durch Morten Myklebusts tiefer gedimmtes Falsett zur Formvollendung kommt, während die analog klingenden Digitalloops und Samples seines Freundes Nils Martin Larsen dazu die Variationen von melodramatischem Moll und fröhlich verschachteltem Dur durchdekliniert, dass es wie ein Sonnenstrahl in der Gewitterfront wirkt oder eben eine Wolkenwand überm heißesten Sommertag. In Deutschland wirkte so etwas getragen und pathetisch oder hieße andernfalls The Notwist, in Norwegen hingegen ist es seltsamerweise leichtfüßig und schön.

Apothek – Apothek (Probeller Recordings)

oddarrang-agartha-screenOddarang

Und wo wir grad hoch droben im Norden sind, fast schon Polarkreis, wäre ein kleiner Schlenker zur anderen Seite des skandinavischen  Klangwunders angebracht, sofern man Finnland denn zu dieser topografischen Formation hinzuzählt. Tief im Osten der Region hat sich seit Jahren ein Genre etabliert, das etwas Außergewöhnliches kann, vor allem aber darf: Monumentalen Rock ethnologisch auszugestalten. Auch das vierte Album mit dem angemessen kryptischen Titel Agartha hat diesen zutiefst ekklektischen Ansatz, ineinander zu schmeißen, was für voreingenommene Ohren nach Pathos klingt, für offene allerdings nach der Versöhnung des Unvereinbaren.

Denn mit den vieflach flächigen, selten jedoch verwaschenen Gitarren, mit der vorwiegend instrumentalen Gesprächigkeit eingeflochtener Trombone und Celli, mit interessanten Synths zu irrlichternden Drums, mischt das Quintett eine Stimmung unter den dräuenden Bass, als beschriebe Smetanas Moldau nun die baumbestandenen Seenlandschaften Finnlands. Wer dabei den Kopf ins Kissen legt, kann darüber leichthin einschlafen; man kann aber auch intensiv lauschen und dabei in den fünf überlangen Tracks nach Überraschungen suchen wie ein Jean-Michel-Jarriges-Astrorauschen in Mass I-III oder fast funkigem Einschlag in Admiral Byrds Flight. Alles drin, auch in Finnland.

Oddarang – Agartha (Edition Records)

tt16-gewaltAll diese Gewalt

Was muss es doch dunkel sein im Kopf von Max Rieger. Die selbstreferenzielle, aber fürsorgliche Welt des Feuilletons liegt ihm zu Füßen, seit seine Band Die Nerven eben jene der realitätswunden Zivilgesellschaft offenlegte und mit rüdem Postpunk vernähte. Der junge Stuttgarter könnte sein Werk nun besehen und da sagen: jetzt gönn‘ ich mir mal was Leichtes, Funk oder Pop vielleicht – es gelänge ihm spielend. Doch was gönnt er sich: Hunderte von Stunden allein im Studio, die er mit der Suche nach Tausenden von Spuren für ein Album verbringt, das noch dräuender, noch dunkler, noch viel realitätswunder klingt als man Menschen ohne psychologischen Knacks zutrauen würde.

Sein zweiter Soloausritt versprüht daher die depressive Aura von The XX, allerdings erhellt durch Schlagzeugkaskaden, Synthigeplödder, Teppichgitarren, Drones und überhaupt viel, viel Bass. Was Riegers Alleingang All diese Gewalt halt so in Liedstrukturen umprogrammiert, die bei aller lyrischen Komplexität oft zugänglich sind wie jener Achtziger-Wave, dem all dies entspringt. So gesehen mag Welt in Klammern atmosphärisch um Hilfe rufen; es ist nicht weniger als die Stimme einer optimistischen Generation am Abgrund, die sich der Nutzlosigkeit jeder Rebellion bewusst ist und doch mit großer Klugheit gegen der Aberwitz ringsum aufbäumt.

All diese Gewalt – Welt in Klammern (Caroline)

tt16-lvlupLVL UP

Von dieser Art weltlicher Melodramatik kann man sich im Rahmen eines intellektuellen Minimalkonsenses kaum weiter entfernen als mit der lofi-Rockband LVL UP. Auf seinem dritten Album klingt das Quartett aus New York elf Stücke lang, als sei die Welt, wie sie ist, eigentlich kein schlechter Ort, um sich gemütlich darin hängen zu lassen. Sommerlaunesediert fuzzen die Gitarren unter Doppelstimmen hindurch, die meistens klingen, als beschriebe sich ein Kreis gut situierter Wochenendkiffer gegenseitig den Rausch. Selbst vielfach verzerrte Saiten wirken watteweich und geschmeidig.

Jede Rückkopplung erinnert mehr an ein gemeinsames Lachen als wütenden Alternative. Und obwohl die Becken fast pausenlos scheppern, hat man das Bild eines Drummers vor Augen, der nebenbei nett mit dem Bassisten plaudert. Warum das dennoch der Erwähnung wert ist? Weil das Pathos musikalischer Realitätsbewertung ringsum dringend eines Gegenpols unbeschwerter Fröhlichkeit bedarf. Weil reflexive Wirklichkeitskonfrontation auf Dauer mutlos macht. Weil selbstvergessener Hedonismus gelegentlich angeraten ist, um dem Irrsinn vor der Haustür zu entgehen. Ach ja – und weil es super klingt.

LVL UP – Return To Love (Sub Pop)

 

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