Gunther Witte: Tatort-Erfinder & Schimmi-Fan

0cd5767b84Ganz eindeutig der Götz!

Die Kommissare kennt jeder, ihre Regisseure eher weniger, Autoren fast keiner mehr – wer weiß da schon von Gunther Witte? Dabei war er es, der 1970 den Tatort erfunden hat. Ein Interview zum 1000. Fall mit dem 81-jährigen Fernsehpionier (Foto: NDR) über die Geburt seines Babys, was seither daraus geworden ist, die Liebe zu Schimanski und warum Ulrich Tukur sie nur noch verstärkt hat.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Witte, wie groß haben Sie am 29. November 1970 die Wahrscheinlichkeit eingeschätzt, dass der Tatort seinen Erfinder womöglich überleben wird?

Gunther Witte: Null Prozent; so langfristig hat man seinerzeit selten gedacht. Und wir wussten auch nicht, dass die Laufzeit eines solchen Projekts von der jährlichen Zustimmung der Direktorenkonferenz abhing. Da war keineswegs absehbar, wie begeistert die Direktoren von unserem „Tatort“ sein würden. Also haben wir zwar von der Langfristigkeit geträumt – aber nicht mit ihr gerechnet.

Und andere – die Zuschauer etwa oder das Feuilleton?

Auch das war eine völlig offene Frage. Ich erinnere mich da noch gut an die Pressekonferenz vor der Ausstrahlung von Taxi nach Leipzig. Von den paar Journalisten, die sich dorthin verlaufen hatten, fragte einer leicht gelangweilt, wie lang denn dieser Tatort überhaupt gesendet werden solle. Da meinte Horst Jaedicke, damals Programmdirektor des SDR, in seiner schwäbischen Gelassenheit: „So zwei Jahre hätten wir uns schon vorgestellt.“

Hat das Fernsehen damals generell nicht langfristig gedacht?

Das schon; aber wir wussten nicht, wie sich das Format durchsetzen würde. Die unterschiedliche Rolle des Kommissars war unbestritten. Aber die Verbindung von Krimi und sozialkritischem Thema, die im Tatort auch stattfinden sollte, musste sich noch bewähren. Auch waren an dieser Variante nicht alle Sender besonders interessiert. Besonders wichtig aber war die Regionalität, die den einzelnen Ermittlern und ihren Geschichten ihr besonderes Gesicht gab, was auch den Charakter der einzelnen ARD-Sender ausdrücken konnte.

Damals standen die sich zwar zeitgenössisch in Blöcken gegenüber – weit rechts der Bayerische Rundfunk, angeblich rot der WDR, dazwischen ein sozialdemokratisch geprägter NDR.

Und heute?

Sind die Unterschiede nicht mehr so ideologisch, aber keineswegs verschwunden.

Alles andere hätte mich auch gewundert (lacht). Ich musste also versuchen, die alle an einen Strang zu kriegen. Und das ging nur mit landestypischen Storys ortsbezogener Kommissare – schon um dem Wesen der ARD als Verbund endlich mal Genüge zu leisten.

Und die noch relativ junge Republik bekam gleich noch die Chance, sich nach der Vereinheitlichung durch die Nazis und im Osten die DDR als vielfältig zu zeigen oder?

In der Tat! Das hat den Erfolg des Formats mit ausgemacht. Dennoch war zunächst ungeklärt, ob die Menschen ein Konzept mit neun Kommissaren verschiedener regionaler Prägung annehmen. Aber es gab praktisch nie eine ernstzunehmende Stimme, die sich darüber beschwert hätte. Von daher ist die Debatte, ob es wirklich noch einen und noch einen Ermittler aus einer noch kleineren Stadt geben muss, eine des Feuilletons. Die Zuschauer freuen sich über jeden neuen Kommissar.

Sehen Sie das als Ihr Verdienst an?

Na ja, der Verdienst meines Anschubs des Projekts. Ich war damals zwar ein bisschen verwirrt, dass Günter Rohrbach ausgerechnet mich gebeten hat, eine Krimiserie zu konzipieren, aber es lag wohl auch an meiner Beteiligung bei den Durbridge-Krimis.

Das Halstuch, legendär.

Aber im Rückblick grauenvoll: langatmig, überall diese Pappkulissen, künstliche Atmosphäre, furchtbar! Verglichen damit wollten wir einfach realistischer sein. Jeder Fall sollte sich theoretisch genauso auch in der Wirklichkeit abspielen können. Und der Erfinder von Kommissar Trimmel, Friedrich Werremeier, war halt auch vorher schon ein gesellschaftskritischer Autor. Taxi nach Leipzig war zunächst gar nicht als Tatort, sondern als gewöhnlicher Krimi konzipiert; der wurde dann einfach ins Programm geworfen und alle anderen kamen hinterher.

Sind Sie stolz auf das, was aus Ihrer Erfindung geworden ist?

Und wie! Es gibt bei aller Bescheidenheit sogar Momente, in denen ich mir sage: Wenn ich nicht gewesen wär, würde es das alles heute gar nicht geben. Und der ARD ginge es gewiss auch nicht besser.

Was hat sich aus Ihrer Sicht vom ersten bis zum 1000. Fall grundlegend verändert?

Alles. Und nichts. So wie sich die Realität da draußen verändert, verändert sich natürlich auch die filmische. Weil der „Tatort“ aber zugleich sein Wesen bewahrt, kann man sich alle 1000 Folgen hintereinander ansehen und hätte eine Sozial- und Kulturgeschichte dieses Landes en bloc.

Und was hat sich – abgesehen vom Vorspann – nicht verändert?

Das Gewicht des Kommissars, die Einbindung seines Privatlebens, keine Reduzierung auf den Fall zulasten der Ermittler. Der Tatort wurde bis heute nicht künstlich modernisiert.

Dennoch gibt es nun Split-Screens, Ulk-Teams, verdeckte Ermittler und Till Schweiger.

Aber das Format ist schon lange stark genug, all dies aufzunehmen und einzubinden.

Schauen Sie regelmäßig zu?

Bei den Erstausstrahlungen gehe ich recht oft ins Theater oder in die Oper, aber es gibt ja die Mediathek, und so behalte ich schon den Überblick.

Gibt es etwas, dass Sie heute am Tatort wirklich stört?

Ach, spätestens seit dem großartigen Tatort Im Schmerz geboren mit Ulrich Tukur habe ich den letzten Widerstand gegen „Regelabweichungen“ aufgegeben und gemerkt: Der Tatort schafft das, er wächst daran.

Haben Sie nach fast 50 Jahren einen Lieblingsermittler?

Ganz eindeutig der Götz mit seinem Schimanski. Das war der erste, der wirklich außergewöhnlich war und gegen den Strom schwamm.

Die Tatorte wurden mit der Zeit immer teurer. Eine durchschnittliche Folge kostet heute um die 1,6 Millionen Euro. Wie war es zu Ihrer Zeit?

Ich erinnere mich daran, dass die Fälle mit Oberzollinspektor Kressin schon mal 700.000 D-Mark kosten durften. Das lag aber nicht deutlich über dem Budget anderer Filme, im Gegenteil. Aber das notwendige Geld stand zur Verfügung.

Gibt es einen Fall, der Ihnen immer im Gedächtnis bleiben wird?

Mehrere. Den Moltke mit Götz George von 1988 etwa, toller Film. Und natürlich Reifezeugnis mit Nastassja Kinski.

Regie Wolfgang Petersen.

Sehen Sie! Diese zwei Folgen gehören für mich wirklich zur Spitze des Formats.

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