Tribe Called Quest/Mick Flannery/J. Arthur

tt16-questA Tribe Called Quest

Bei manchen Bands reicht die bloße Nennung des Namens, um ein aufgeregtes Zittern durch den ganzen Körper zu jagen. Klar, das hat dann nicht selten mehr mit Nostalgie als Inhalten zu tun, ist also mehr rückenmark- als verstandesgesteuert, aber was soll’s: A Tribe Called Quest sind zurück und das klingt schon aus der puren Erinnerung an die Pioniere alternativen HipHops heraus fantastisch. Ganz unvoreingenommen kann man aber auch guten Gewissen sagen: 18 Jahre nach ihrem bis dato letzten Album The Love Movement ist ihr neues Werk We Got It From Here … Thank You 4 Your Service unabhängig von aller verständlichen Gefühlsduselei ein echtes Erlebnis.

Das liegt nicht nur an der klangvollen Gästeliste, die neben Kollegen wie André 3000 oder Busta Rhymes auch artfremde Künstler von Jack White bis Elton John aufweist. Der Grund ist vor allem das unerschöpfliche Gespür, Rap-Mashups zu produzieren, die nie zusammengestückelt wirken und dennoch so vielfältig, als würde alles hineingekippt was die Studiorechner so hergeben. Nach dem viel zu frühen Tod des Gründungsmitgliedes Phife Dawg ist das Comeback also mehr als gelungen – und doch zugleich Teil der schlechten Nachricht. Denn Q-Tip und Ali Shaheed haben angekündigt, dies sei endgültig ihr letztes Album. Aber gut – zur gepflegten Nostalgie gehört ja auch dazu, solche Aussagen ebenso gepflegt zu bezweifeln.

A Tribe Called Quest – We Got It From Here … Thank You 4 Your Service (Sony)

tt16-mickMick Flannery

Wenn sich sanftmütige Männer entschließen, das Rasierzeug wegzuschmeißen und auch sonst eine etwas robustere Gangart anzulegen, dann ist das im Licht der postpostheroischen Gesellschaft natürlich kritisch zu bewerten. Wenn es sich bei den sanftmütigen Männern jedoch um larmoyante Zausel handelt, die mit Unterwasserstimme zur Wandergitarre davon singen wie sie sich reflektieren und dabei furchtbar schämen, kann man der Verkernigung schon was abgewinnen. Nick Flannery zum Beispiel wurde einst auf einer Welle mit Mumford & Sons oder Passenger ins Rampenlicht gespült, wo er seither larmoyanten Zauselfolk spielt. Zehn Jahre und fünf Platten später ist der Ire offenbar nicht mehr so traurig wie damals.

Gewiss, auch sein neues Album I Own You ist vorwiegend melodramatisch, um nicht zu sagen: leicht pathetisch. Aber Mick Flannery hat die Umgebung seines emotionalen Bauchhöhlengesangs ziemlich unterhaltsam und oft vielschichtig mit großem Pop aufgeblasen. Lustige Country-Orgeln jagen darin ebenso ziellos umher wie (scheinbar) fein ironisierte Choreinsätze oder egitarrensolohafte Kreischsequenzen wie im aufgedrehten Show Me The Door. Es ist zwar immer noch reichlich Gefühlsduselei enthalten, die eine leicht haltlose Mittigkeit zwischen Tom Waits und Pear Jam anstrebt; aber man kann das wirklich, wirklich, wirklich gut hören, ohne in Schwermut zu verfallen. Für diese Art Musik ist das fast schon mitreißend.

Mick Flannery – I Own You (Universal)

Hype der Woche

tt16-arthurJames Arthur

Chartstauglicher Pop hat seit jeher ein Problem, wenngleich es ihm nur ein paar unverdrossene Soundgourmets auch vorhalten: Ohne Gesang ist er nicht nur substanzlos, sondern gewissermaßen inexistent. Schnitte man die Stimmen heraus, bliebe besonders vom notorischen Rhythm and Blues oft nur ein austauschbares Gerüst irrelevanter Melodiefragmente übrig, denen fast alles fehlt, was einen Song zum Song macht: Eigensinn, Spannung, Substanz, eine Liedstruktur eben. Das ist auch bei James Arthur nicht anders. Und doch unterscheidet sich dieses Produkt eines britischen TV-Castings  vom Markt. Sein Gesang ist eigensinnig, spannend und substanziell genug, um den spürbaren Mangel an musikalischer Komplexität dahinter nicht im Stakkato selbstverliebter Tremoli zu ertränken. Stets bleibt ein Rest musikalischer Vielfalt hinter der leicht kratzigen Stimme spürbar. Und dass der 28-Jährige mit vergleichsweise sperriger Optik viel selbst komponiert, dazu gut Gitarre spielt und sogar passabel rappt, macht sein zweites Album zur echten Alternative in der lukrativen Mehroktavenakrobatik R&B. Auch Back From The Edge (Sony)wäre ohne Gesang womöglich öde und leer, aber er reibt es uns nicht so grausam unter die Nase.

 

 

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