Meike Droste: Bühnentier & Carla Temme

meike-droste2-100-_v-standard644_9d63f6Bärbel Medea Droste

Wer die Schauspielerin Meike Droste (Foto: Jens van Zoest/ARD) fortan dienstags um 20.15 Uhr im Ersten Programm als spröde Versicherungsanalystin Frau Temme sieht, fühlt sich gewiss an ihre Dorfpolizistin Bärbel Schmied in Mord mit Aussicht erinnert, nicht an die dramatische Theaterschauspielerin aus Berlin. Porträt einer Grenzgängerin.

Von Jan Freitag

Es funktioniert nicht, keine Chance, so sehr man sich müht: Wenn Meike Droste heute Abend im Ersten als Carla Temme erstmals ins Bild tritt, steht Meike Droste als Bärbel Schmied daneben. Neun Jahre lang hat die Berlinerin aus Augsburg ihre wunderbar spröde Dorfpolizistin schließlich im ARD-Spaß Mord mit Aussicht gespielt. Und zwar so hingebungsvoll, so eindrücklich, so glaubhaft, dass man Frau Schmied auch in der Versicherungsangestellten Frau Temme sucht, die laut Titel das Glück sucht. Gar kein Wunder, könnten gewöhnliche Fernsehzuschauer da sagen; das deutsche Publikum ist nun mal stets um ordnungsgemäßes Lagern seiner Schauspieler in Schubladen bemüht. Doch ein Wunder, könnten Kenner des gehobenen Sprechtheaters entgegnen; denn dort ist Meike Droste anders.

Ganz anders.

Am  Bildschirm auf heitere, oft ulkige, irgendwie beschwingte Figuren gebucht, ist die 36-Jährige auf der Bühne von Beginn an zuständig für dramatische Hauptrollen von geringer Leichtigkeit. Klassische Tragödinnen von Desdemona bis Medea, tiefschürfende Frauen wie die Mascha in Tschechows Möwe oder Brechts wuchtige Schlachthof-Kämpferin Johanna – damit hat sich Meike Droste zu einem glühenden Sterne am Bühnenhimmel gemausert. Preisgekrönt und bestens gebucht. Da ist es mehr als bloß Zufall, die Titelheldin einer Primetimeserie am wichtigen Dienstagabend zu sein. Es ist ein Statement.

„Man besetzt in Deutschland leider viel zu selten gegen den Typ“, meint die zweifache Mutter ziemlich großer Kinder. Dabei sei grad dies doch „ein gutes Mittel, um Stoffe interessant und spannend zu machen.“ Wer Meike Droste nur aus Claus Peymanns Berliner Ensemble kennt oder dem Schauspielhaus in Zürich, sollte sie daher dringend als Carla Temme sehen. Das krankt wie so oft zwar an einer arg klischeehaften Familienaufstellung mit bisweilen berechenbarem Handlungsablauf und zu wenig Mut zur echten Verstörung. Dennoch lohnt es sich. Dank Meike Droste. Auch über den Bühnenvergleich hinaus.

Qua Geburt mit mathematischer Hochbegabung ausgestattet, analysiert das logikfixierte Mauerblümchen die Vertragsrisiken einer kleinen Versicherung. Der perfekte Job, so scheint es. Bis ihre Firma beschließt, mit absurden Policen aus dem Minus zu kommen. Gegen fliegende Gefrierhühnchen etwa oder außereheliche Untreue. Im Gemüt der logikfixierten Fachfrau sorgt das fortan ebenso amüsant für Konfusion wie der hyperaktive Abteilungsleiter Hans-Peter Mühlens (Martin Brambach) oder ihr verwirrend freigeistiger Freund Mikael (Richard Ulfsäter).

Zugleich bedient es aber auch ein Thema, das derzeit fiktional Konjunktur: Aus Normalität Exzentrik zu gewinnen. Spätestens seit Dr. House zählt das Prinzip zum festen Fernsehrepertoire. Radikalisiert von Bryan Cranston als methkochender Chemielehrer Walther White, humorisiert von Christoph Maria Herbst als jämmerlicher Bürohengst Bernd Stromberg, westfalisiert von Peter Jordan als biederer Staubsaugervertreter Hasso Gründel im WDR, findet es nun seine Fortsetzung im Ersten. Und wie bei Stromberg dient eine Versicherung dazu, Abgründe jeder Art auszuloten.

Schließlich leben wir im Land „mit den meisten diagnostizierten Ängsten“, hat Droste bei der Vorbereitung auf Frau Temme sucht das Glück erfahren. Schon das mache diesen Berufszweig so verwendbar fürs Fernsehen. Es kommt aber noch etwas anderes hinzu: Die Möglichkeit, deutsches Ordnungsdenken im resopalgrauen Ambiente bürokratischer Verwaltungseinheiten ironisch zu brechen, also ein bisschen abzumildern. Und das tut Meike Droste mit der ganzen Bandbreite ihrer Möglichkeiten. Augenscheinlich leicht abwesend, mit diesem betulichen Dackelblick aus Mord mit Aussicht, unter der betulichen Oberfläche jedoch mit großer Freude am gelebten Widerspruch.

Damit bereichert das langjährige Ensemblemitglied am Deutschen Theater Berlin episodenweise TV-Serien von Danni Lowinski bis Bettys Diagnose. So rockt sie seit ihrer Schauspielausbildung an der renommierten Münchner Falckenberg-Schule aber auch die großen Bühnen der Republik. In der gilt ist es nach wie vor als Spagat, beides zu bieten: Unterhaltung und Hochkultur, Spaß und Ernst. Meike Droste schafft ihn. Spielend.

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