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tt17-foreignForeign Diplomats

Kanada ist ja vom Umbruch unserer Epoche derzeit fast ebenso unmittelbar betroffen wie Mexiko und Iran. Den personifizierten Irrsinn gewissermaßen direkt vor der unverschlossenen Haustür, muss das betuliche Land mit den vielen Bäumen und den wenigen Waffen also irgendwie damit umgehen, diplomatisch zwar, aber auch selbstbewusst, robust und möglichst eigensinnig. Die Foreign Diplomats versuchen es unterm denkbar stichhaltigsten Bandnamen dieser Tage mit etwas, das der globalen Diplomatie eigentlich absolut wesensfremd ist: Herzzerreißendem Frohsinn. Gepaart allerdings mit großer Vielfalt auf einem eher abgegrasten Acker, den man irgendwann vielleicht mal mit Britpop umschrieben hätte.

Über den geht das Debütalbum nämlich elegant hinweg, bleibt ihm aber strukturell treu. So klingt Princess Flash an manchen Stellen wie die Kooks, an anderen wie We are Scientist, alles allerdings immer um ein paar hinreißende Spielereien angereichert, dass das Herz zu vibrieren beginnt. Es ist zum Niederknien, wenn durchs geschmeidige Color im Stile der späten Nuller plötzlich Trombonen huschen wie im Heist-Movie der frühen 60er, gefolgt von ebenso euphorischen Bläsersequenzen in Flash Signs For Us gleich danach. Ständig flattert etwas ins Arrangement, das sich nüchterne Kollegen verbieten würden. Zu überdreht. Zu herzlich. Schön, dass sich die fünf Hochwasserhosenslacker trotz aller inszenierten Coolness zur Wärme mit Schwung bekennen. Gerade heute.

Foreign Diplomats – Princess Flash (Indica Records)

tt17-flamingFlaming Lips

Um dem popkulturellen Tod durch fortschreitenden Altersstarrsinn oder schleichenden Kraftverlust von der Schippe zu hüpfen, gibt es für Künstler mit Beharrungsvermögen zwei Wege: alles wie immer. Oder nichts wie zuvor. Während die Rolling Stones auf ersterem vermutlich sogar post mortem noch Stadien füllen, erneuern sich die Flaming Lips auf letzterem beständig selbst. Es ist zwar schwer nachzuzählen, wie viele Alben die Progressive Rocker um den geborenen Bühnenshowmaster Wayne Coyne aus Oklahoma exakt veröffentlicht haben. Fest aber steht: das aktuelle klingt wie keines der mindestens 15 zuvor und vermutlich wie keines der 15, die da noch kommen.

Seit 1983 lautet das Erfolgsgeheimnis schließlich: Alles rein, was geht, alles raus, was langweilt. Keine Anarchie, sondern Tabulosigkeit. Im Studio wird das gern mit Geigen und Gitarrensoli, Flüstern und Gebrüll im sekündlichen Wechsel serviert, live hingen mit Effekthascherei von Kinderchor bis Kunstblutdusche, was allerdings nie selbstreferenziell klingt. Auf Oczy Mlody folgt dem seifenopernhaften Sunrise in diesem Duktus übergangslos das Wavemetalgefiepse Nigdy Nie und nichts daran wirkt bemüht, geschweige denn banal. Seit 33 Jahren.

Flaming Lips – Oczy Mlody (Bella Union)

Klez.E

tt17-klezeNun aber doch unserer dystopischen Gegenwart angemessener zu etwas Getragenem, Tristem: Klez.e. Das Berliner Trio entstand vor gut zehn Jahren kaum zufällig zwischen zwei Urkatastrophen (9/11 & Lehman), die damals noch als Zivilisationsbrüche galten. Einige Hundert zum Dauerzustand verdichtete Krisen später, wirkt das Gespinst monochromer Bass- und zitternder Gitarrenläufe zu Tobias Sieberts bedrückter Stimme erst jetzt richtig zeitgemäß. Mauern, Flammen, Nachtfahrt, November, Schwarz, Lobbyist, Drohnen, Requiem heißen die Tracks auf dem ersten Album seit 2009. Und genau in dieser Reihenfolge könnten die Titel auch den Text jedes einzelnen davon bilden.

Ungefähr so, als träfen sich The Cure und The XX unter Sieberts robertsmithhafter Haarexplosion zum gemeinsamen Gräbertanz, quillt aus jeder Note, jeder Zeile, jedem einzelnen Lied ein anrührender Weltschmerz, der nichts anderes will als leiden. Für ausgewiesene Melodramatiker lässt es sich da wirklich gut mitleiden, wenn Siebert minimalistisch untermalt „Fukushima-Lachs ins Bett“ auskotzt, während „die Wolken so dicht und so schwer“ sind. Alle anderen dürfen zu lebensbejahenderer Musik weiterhoffen, dass es bald auch mal wieder gut wird.

Klez.E – Desintegration (Staatsakt)

tt17-foxygenFoxygen

Und dafür sind einmal mehr und immer wieder und mit so furioser Grandezza Foxygen zuständig, dass man innerlich von einer gewaltigen Showtreppe auf eine noch viel gewaltigere Showbühne paartanzt. Seit mehr als zehn Jahren bereits machen die zwei kalifornischen Milchgesichter Sam France und Jonathan Rado aus ein paar electronischen Geräten in Hüfthöhe ein kolossales Opus Popdei, mit dem sich spielend jeder Silvesterabschlusshochzeitsjubiläumsball zum Kochen bringen ließe. Und auch auf der fünften Platte, die vom Label Jagjaguwar nach allerlei Garagen-Produktionen als erstes echtes Studio-Album überhöht wird, scheppert das zeitgenössische Instrumentarium quasi ausnahmslos aus den Boxen, bis die Ohren schmerzen.

Das könnte aufdringlich sein, übersteuert, selbstreferenziell, irgendwie nervig also. Ist es aber nicht. Es ist einfach nur fantastisch. Wie eine Supergroup aus David Bowie, Dean Martin, Freddy Mercury, Robbie Williams und Amy Winehouse verkleistert Hang den Sound aus ungefähr sechs Jahrzehnten Größenwahn des Pop zu einer Art Oper, bei der sich das anfängliche Kopfschütteln instinktiv in die Beine fortsetzt und zum Schütteln bringt. Die Bretter, an denen das Duo herumbohrt, vollbringt dabei das Wunder, gleichermaßen zu dick und zu dünn zu sein. Aber weil Foxygen sie mit so viel Hingabe bohren, ist das eigentlich auch egal. Weil es großartig ist!

Foxygen – Hang (Jagjaguwar)

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