Fröhlicher Fatalismus & Hakenkreuzporno

TVDie Gebrauchtwoche

23. – 29. Januar

Es ist jetzt auch mal gut. Selbst Kolumnisten, deren Nährstoff naturgemäß faktenbasierte, aber meinungsstarke Kritik mit einer Prise hoffnungsfrohem Fatalismus ist, müssen sich ab und zu mit leichter Lektüre in die Sonne legen und das Böse darunter gedanklich ins nächste Regentief verdrängen. Schluss also an dieser Stelle mit dem dauernden Geheule über Pegida oder Trump, schlechte Menschen und schlechtes Fernsehen, eben alles, was die Welt zurzeit so wenig lebenswert erscheinen lässt. Als Ersatz böte sich ein wenig lebensbejahende Hinwendung zu allem an, das schön ist auf (Programm-)Erden und gut.

Wenn wir an dieser Stelle alternative Fakten besprechen, dann also höchstens jene von Til Schweiger, dessen Leitungswasser im eigenen Restaurant anders als die benachbarte Hamburger Morgenpost schrieb, echt nicht überteuert sei. Im Gegenteil, antwortet das sensibelste Blockbusterseelchen im Stern: Für 4,20 Euro werde das noble Nass – Kubikmeter-Preis im Cent-Bereich – ja durch Filterung veredelt und dennoch billiger verkauft als handelsüblich. Stünde Kai Diekmann noch der Bild vor, er hätte dem Konkurrenzblatt die Leviten gelesen, die tausendfache Titelfigur von Springers Gnaden so zu kritisieren.

Pfui!

Aber der frühere Chefredakteur verlässt morgen ja 5163 Jahre, nachdem Gott die Erde Schuf, Diekmanns Verlag für ewig gestrigen Empörungs-„Journalismus“ und hinterlässt, ja was eigentlich – einen Medienkonzern, der längst nicht mehr weiß, ob Gedanken nun eigentlich noch im Kopf oder schon im Prozessor entstehen? Aber wir wollten ja im leichten Fach bleiben diese Woche. 5163 Jahre, nachdem das Traumschiff erstmals mit Heide Keller als Beatrice von Ledebur an Bord in Fernsee gestochen ist, verlässt die ewige Chefstewardess laut DWDL den schwimmenden Seifenhalter. Spätestens nach der Neujahrsfolge 2018 stellt sich also die Frage, wie das deutsche Fernweh am Bildschirm fortan ohne Mord & Totschlag bedient werden soll.

0-FrischwocheDie Frischwoche

30. Januar – 5. Februar

Vielleicht mit einer Art Binnenrevision, wie sie die ARD ab Donnerstag auf ihrem Auslandskrimisplatz wagt. Statt deutsche Kommissardarsteller an Ferieneinsatzorte wie Athen zu schicken, holt sie das Erste heim und eröffnet Adam Boudouskos als Dimitrios Schulze eine Anwaltskanzlei in Mannheim. Zwischen Liebling Kreuzberg und Better Call Saul soll der Deutschgrieche dem juristisch unterfütterten Milieu-Humor dabei jene Authentizität verpassen, mit der er jeden Film von Fatih Akin bereichert. Das scheitert zum Auftakt zwar am hölzernen Drehbuch; trotzdem sollte man der Reihe die Chance zur Fortsetzung geben.

Wie „Dimi“ seinen Brennpunkt zu ordnen versucht, ist fast so liebenswert wie die Idee, alle Hauptfiguren mit Migrationshintergrund zu besetzen. Im 2. Teil könnte es passieren, dass türkischstämmige Polizisten abstammungsdeutsche Täter verfolgen, die der griechischstämmige Anwalt raushaut. Wäre mal was anderes als das ewige TV-Allerlei. Dazu zählt auf den ersten Blick auch Landgericht, Montag/Mittwoch im ZDF. Selten jedoch hat sich ein zweiter Blick auf die Melodramatisierung des NS mehr gelohnt. Nach Ursula Krechels Bestseller wird der jüdische Richter Richard Kornitzer erst in die innere, dann äußere Immigration getrieben, während seine arische Frau Claire vergebens darauf wartet, ihm nach Kuba folgen zu können.

Matthias Glasners Zweiteiler hebt sich schmerzhaft und doch wohltuend vom üblichen Hakenkreuzporno zum Thema ab. Sein wahres Wesen entfaltet sich schließlich erst im 2. Teil, wenn das Paar nach der Heimkehr gegen braune Seilschaften in der Nachkriegsjustiz und das Ende seiner Ehe kämpft. Beides vergebens, beides grandios gespielt und inszeniert. Das trifft Mittwoch (20.15 Uhr) auch auf Barbara Sukowa als Hannah Arendt zu, gefolgt von einem Porträt der Philosophin. Und während der Batchelor zugleich ein paar potenzielle Nachfolger des neuen Dschungelkönigs Marc Terenzi fürs Jahr 2018 castet, tischt das ZDF am Samstag den nächsten lieblos gekochten Krimireihenbrei auf. Trotz Matthias Matschke als soziopathisches Genie bei der polizeilichen Amtshilfe, verliert sich Professor T. von Beginn an in öder Berechenbarkeit.

Als Gegenmittel hilft da weder die Rückkehr vom Neo Magazin Royale (Donnerstag, 22.30 Uhr) noch die neue Netflix-Serie Santa Clarita Diet mit Drew Barrymore als lustiger Zombie-Kannibale ab Freitag. Na, wenigstens die Wiederholungen der Woche wirken da entspannend. Etwa Herzklopfen von 1968 (Montag, 22.10 Uhr, Arte) mit Catherine Deneuve als Luxusweib, das sich in den armen Antoine (Michel Piccoli) verliebt. Oder Ein irrer Typ (Mittwoch, 1.55 Uhr, ARD) mit Jean-Paul Belmondo, der sich 1977 als liebestoller Stuntman im Kampf um seine Kollegin Raquel Welch auf den Arm nahm. Beide Filme sind übrigens in Farbe und doch deutlich älter als der Schwarzweiß-Tipp Frances Ha von 2010 (Dienstag, 20.15 Uhr, Servus), mit Greta Gerwig als bittersüßestes Gesicht der Generation Y. Das bittersüßeste Gesicht des Tatort trägt seit 2012 Jörg Hartmann in Dortmund, dessen ersten Fall der WDR am Donnerstag um 20.15 Uhr) zeigt.

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