Bayernförderung & Wanderketzerbräute

TVDie Gebrauchtwoche

6. – 12. Februar

Es war in den vergangenen zwei Jahren oft die Rede, besser: das Gebrüll davon, dass der mediale Mainstream über Morde mit Migrationshintergrund nur dann berichte, wenn ihn die Opfer haben, nicht die Täter. Das war und ist natürlich zynischer Unsinn. Umso mehr lässt ein Ereignis beim Focus, der ideologisch eigentlich ganz gerne mal mitbrüllt, aufhorchen: Vorige Woche hat er den Mord an einem Asylbewerber gemeldet. Und was ist passiert? Genau: In der Kommentarspalte feierten Rassisten seinen Tod in Wort, Bild und Smileys. Aber wie viel eindrücklicher waren doch all jene, die der Menschenverachtung an gleicher Stelle eine Flut an Humanismus und Mitgefühl entgegensetzt haben.

Womit bewiesen wäre, dass sich die Wohlmeinenden den digitalen Resonanzraum zurückerobern können, wenn sie der Kraft ihrer Herzen folgen. Das zeigt dieser Tage unter anderem die antisexistische Plattform Pinkstinks mit einer klugen Kampagne gegen die nächste Runde der Sexobjektzucht Germany’s Next Topmodel bei Pro7. Empathie is beautiful! Als Fußballfan hingegen hätte man am Dienstag dann doch kurz aus der Haut fahren können. Da hat die ARD das Pokal-Spiel des abstiegsbedrohten VfL Wolfsburg beim unschlagbaren FC Bayern übertragen und damit erneut bewiesen, wie egal ihr Anspruch und Spannung sind, solange sie ihr liebstes PR-Produkt FCB weiter und weiter und weiter mit Werbezeit fördern darf.

Das Spiel war wie zu erwarten von vorhersehbarer Eintönigkeit ohne jede Form von Spannung oder Esprit. Aber gut – die Quote ging in Ordnung, weil Fußball nun mal immer geht. Was übrigens auch ein Grund dafür war, warum das ZDF vor 29 Jahren ML Mona Lisa gegen die Sportschau programmiert hat, der damals praktisch alle Männer im Land zwanghaft zusahen. Irgendwann wurde ML dann mit geschlechtsloserem Tenor vorverlegt, was aber immer noch kaum Männer sehen wollen, die nach wie vor samstagnachmittags um dieses Zeit nur Bälle im Kopf haben, weshalb das Magazin nun eingestellt wird. Schade. Nicht nur für Zuschauerinnen.

0-FrischwocheDie Frischwoche

13. – 19. Februar

Denen dafür am Dienstag auf Sat1 ersatzweise Die Ketzerbraut vorgesetzt wird. Schön, klug, belesen, emanzipiert, selbstbewusst, tough wird Kaufmannstochter Veva (Ruby O. Fee) darin zur Zeit Martin Luthers Opfer einer Intrige und schwört Rache, die ihr so gelingt, dass sie am Ende – Achtung, Spoiler! – auch noch den Reformator vorm Tod bewahrt. Danke, Veva! Ohne dich ließe die Moderne wohl noch immer auf sich warten. Dank auch an Iny Klocke alias Lorentz, die uns nach Wanderhure und Pilgerin nun das nächste Supersexypowergirl in männerdominierter Epoche liefert. Nicht zuletzt Dank an Sat1, das uns mal wieder ein Mittelalter baut, in dem es vor Leuten wie Vevas Lover (Christoph Letkowski) wimmelt, deren Sprache, Aussehen, Gestus direkt aus Berlin-Mitte stammt.

Eine Gegend, die nicht nur massenhaft Vollbärte aufweist, sondern auch Bausünden wie jene, von der Teil 2 der ungeheuer aufrüttelnden Dokumentation Unsere Städte nach ‘45 (Montag, 23.30 Uhr, ARD) über die zweite Zerstörung Deutschlands durch die gewissenlose Architektur der Wirtschaftswunderrepublik. In den 80ern wurde sie dann auch von einem schwedischen Möbelhaus möbliert, dem Sat1 am Mittwoch um 20.15 Uhr den (kostenlosen?) Dauerwerbclip 15 Dinge, die Sie über IKEA wissen müssen schenkt – wahrscheinlich, ohne auf Umweltverschmutzung oder Arbeitsbedingungen hinzuweisen, die weit mehr Anlass zur Kritik böten als komplizierte Bauanleitungen.

Um soziale Schieflagen geht es auch in einem der Serienneustarts: Donnerstag um 23.15 Uhr zeigt Arte mit Frauen im Ring eine Art weibliches Pendent von Ganz oder gar nicht, wo sich einst arbeitslose Engländer als Stripper verdingten. Nun bessern Französinnen beim Catchen ihr Arbeitslosengelt auf, was sehr lustig werden könnte. Weniger lustig, aber seit 1996 fast kultisch verehrt, ist die BBC-Serie Silent Witness um ein englisches Forensiker-Team. ZDFneo zeigt ab heute (20.15 Uhr) die neue Staffel. Auf dem skandinavischen Krimi-Platz des ZDF beginnt am Sonntag um 22 Uhr die internationale Koproduktion Trapped des isländischen Regisseurs Baltasar Kormákur um ein Fischerdorf seiner Heimat, das es zugleich mit seltsamen Todesfällen und einem Schneesturm zu tun kriegt.

Vor den Wiederholungen der Woche noch kurz der Hinweis, dass die Goldene Kamera dieses Jahr erstmals auch als Digital Award verliehen wird. Wenn ZDFneo am Samstag (21.55 Uhr) die Preisverleihung überträgt, dürfte das zwar weniger glamourös sein als die analoge Show drei Wochen später, aber relevanter. Wie 100 Minuten zuvor Jan Ole Gersters schwarzweiße Filmperle Oh Boy von 2012 auf 3sat. Wie die farbige Wiederholung La Vie en Rose (Montag, 20.15 Uhr, One) mit Marion Cotillard als Edith Piaf (2007). Wie der ewig und drei Tage sehenswerte Geniestreich Und täglich grüßt das Murmeltier (Donnerstag, 23.45 Uhr, SWR). Auch der Alt-Tatort: Um jeden Preis (Dienstag, 20.15 Uhr, BR) um einen Mord im Münchner Medienmilieu von 2009, garantiert gute Unterhaltung mit Niveau. Und das Beste: Journalisten werden darin mal nicht als gewissenlose Bluthunde, sondern aufrechte Streiter für die Wahrheit gezeigt.

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