2 Bier – 1 Platte

Chefboss & Gainsbourg

Chefboss – das sind die Tänzerin Maike Mohr und Rapperin Alice Martin. Mit ihrer Mischung aus Dancehall, Electro und Vogueing (ja, das gibt es wirklich) mischen die zwei Hamburgerinnen seit einiger Zeit die Clubs und Bühnen gehörig auf. Am 17. März erscheint nun ihr Debüt Blitze aus Gold. Bevor es nach dem Winterschlaf zurück auf die großen Festivalbühnen geht, haben sich die zwei Zeit genommen, um über ihre Lieblingsmusik zu sprechen.

Hamburg, St. Pauli. Kaffee Stark. Draußen regnet es in Strömen. Drinnen gibt’s Bier und grünen Tee.

freitagsmedien: Alice, Maike – was ist für euch eigentlich eine Lieblingsplatte?

Alice: Genau darüber haben wir beide ziemlich lange nachgedacht. Bei mir ist es so, dass die Lieblingsplatte meist gar nicht eine bestimmte Platte ist, sondern eher eine Playlist mit verschiedenen Songs. Die wechseln dann ständig, aber ich habe schon so fünf all-time-classics, die auch über die Jahre immer wieder laufen. Ich habe dann aber nochmal überlegt und bin auf eine Platte gekommen, die vielleicht nicht meine Lieblingsplatte ist, mir aber auf eine bestimmte Art und Weise einen neuen Blickwinkel gegeben hat.

Maike: Bei mir ist das ähnlich, ich habe auch kein richtiges Lieblingslied. Meistens finde ich ein Lied für vielleicht zwei Wochen richtig gut und dann kommt auch schon das nächste. Deshalb habe ich mir überlegt, welches Lied mich an eine besondere Situation erinnert.

And the winner is…?

Alice: Serge Gainsbourg! Ich glaube, das war ein Best-of-Album, was ich gehört habe. Ich weiß nicht ob du den kennst?! Geiler Typ. Das war so in den Sechzigern, der ist mittlerweile auch schon tot. Auf jeden Fall war er so ein richtiger Künstler, rauchend am Klavier und so. Ich glaube mit Brigitte Bardot hatte der auch mal was.

Wie soll man seine Musik denn beschreiben?

Alice: Ey, ich weiß nicht, wie man das beschreiben soll. Die Musik an sich ist einfach geil, mit Streichern und so. Und sein Gesang ist oft gar kein richtiger Gesang. Oft haucht der auch einfach irgendwas ins Mikro oder knurrt vor sich hin, während die Geigen spielen. Genau deshalb habe ich mir die Platte ausgesucht. Eigentlich war sie von Anfang an gar nicht so mein Stil, aber trotzdem habe ich immer wieder mal reingehört. Stück für Stück habe ich den Stuff aber immer mehr gefühlt. Und dann hat sich mir ein ganz neuer Blick auf die Mucke eröffnet. Also eine neue Art, wie Mucke sein kann und wie man sie auch verstehen kann.

Serge Gainsbourg war so etwas wie ein künstlerischer Tausendsassa: Sänger, Komponist, Schauspieler, Autor. Seine Discographie scheint endlos, auch weil er die Musik zu etlichen Filmen beisteuerte. Seine besondere Art zu „singen“ sorgte Ende der Sechziger für Empörung, als er im Duett mit Jane Birkin zu Je t’aime…moi non plus ins Mikrofon stöhnte. Den Song hatte Gainsbourg zunächst mit Brigitte Bardot aufgenommen. Sie stimmte einer Veröffentlichung aber erst in den Achtzigern zu – vorher war sie zu besorgt um ihre Ehe.

Wie bist du denn auf so eine spezielle Musik gekommen?

Alice: Meine Patentante hat mir das Album mal geschenkt. Da war ich so ungefähr 15, ich glaube noch viel zu jung für die Mucke. Aber jetzt feier ich das.

Seid ihr also beide über die Familie musikalisch sozialisiert worden?

Alice: Ja, auch. Aber ich habe mir auch viel einfach selber rausgesucht.

Maike: Ich eigentlich eher nicht so. Um das zu erklären muss ich vielleicht eben sagen, welchen Song ich mir ausgesucht habe.

Hau raus!

Maike: Also ich habe mir einen Song ausgesucht, der mich an die Zeit erinnert, zu der ich angefangen habe zu tanzen. Mystikal – Edge of the Blade. Zu diesem Song hatte ich meinen ersten Auftritt. Wenn ich ihn höre habe ich sofort wieder dieses Bild im Kopf, wie ich vor der Bühne stehe und auf meinen Auftritt warte. Ich hatte so Bock auf die Bühne zu gehen!

Edge of the Blade war Mystikals Beitrag zum Soundtrack von Blade (1998). Berühmtheit erlangte er vor allem durch seinen Hit Shake Ya Ass und seine ausgiebigen Knastbesuche.

Alice: Der erste Auftritt zu Mystikal, das ist zu geil!

Maike: Ja! Der Song erinnert mich einfach an die Zeit, als ich meine Leidenschaft fürs Tanzen entdeckt habe. Damals wusste ich ja nicht, dass ich so eine Leidenschaft für eine Sache habe. Und dann habe ich diese Welt entdeckt, in der ich mich so Zuhause fühle. Deswegen höre ich den Song heute immer noch gerne.

Inwiefern haben euch Serge Gainsbourg und Mystikals Song inspiriert selbst Musik zu machen?

Alice: Hm, ich glaube Serge Gainsbourg hat mir einfach eine neue Perspektive auf Musik eröffnet. Irgendwie war da ein neues Gefühl auf Musik und das war schon inspirierend.

Maike: Durch die Choreographien, die wir getanzt haben, habe ich die Songs damals plötzlich total anders wahrgenommen. Man bekommt als Tänzer ein ganz anderes Gehör für einen Song und fühlt ihn anders.

Alice: Deshalb ist Maikes Beitrag zu der Mucke die wir machen auch immer so geil. Wenn ich denen als Außenstehende manchmal beim Üben zusehe denke ich so: Kein normaler Mensch würde da jetzt noch einen Move reinpacken! Tänzer hören die Musik aber einfach ganz anders, deswegen ist es so geil, dass Maike da auch noch immer ihren Input gibt. Ohne diesen gegenseitigen Austausch wäre unsere Mucke einfach nicht so, wie sie ist.

Auf eurem Album sind keine Features. Hättet ihr denn mal Bock auf Kollaborationen?

Alice: Grundsätzlich auf jeden Fall. Und wenn ich es mir aussuchen könnte hätte ich gerne ein Feature mit Vybz Kartel.

Vybz Kartel gilt als Begründer des Dancehall in Jamaika. Er wurde unter anderem wegen Drogenbesitzes verurteilt und sitzt nun eine lebenslange Haftstrafe wegen zweifachen Mordes ab. Könnte rein praktisch schwierig werden mit dem Feature…

Er hat nicht gerade eine weiße Weste. Trennst du da stark zwischen der musikalischen Leistung und dem, was eventuell dahinter steht?

Alice: Gute Frage! Ich meine, wir reden hier ja von Träumen. In einer idealen Welt, in der Vybz Kartel nicht die Dinger gebracht hätte, die er nun mal gebracht hat, wäre ich auf jeden Fall dabei. Es ist aber echt die Frage, wie viel Credit man einem Künstler gibt, der richtig Scheisse gebaut hat. Aus musikalischer Sicht fände ich ein Feature geil, persönlich ist die Frage offen. Grundsätzlich arbeiten wir aber nur mit Leuten zusammen, mit denen wir eine persönliche Basis haben. Da kommt keiner wegen seiner Skills mit ins Boot, wenn er eigentlich ein Arschloch ist.

Und aus der tänzerischen Sicht? Hättet ihr gerne mal einen bestimmten Choreographen mit dabei?

Maike: Über einen Gast-Choreographen haben wir uns ehrlich gesagt noch nie so Gedanken gemacht…

Alice: Dazu muss ich sagen: Ich flash so auf Maike, ich kann mir nicht vorstellen, dass in dem Bereich mal jemand anderes was zu sagen hätte.

Maike: Es gibt aber eine Tänzerin aus Japan, die ich ganz toll finde. Sie heißt Ibuki und macht Waacking, einfach total krass. Die würde ich echt gerne mal treffen. Und wenn sie mal zu einem Song von uns tanzen würde, das wäre natürlich total krass.

Am 06.05.2017 kann erst einmal jeder im Mojo mittanzen. Im Sommer spielen Chefboss auf diversen Festivals, u.a. Rock am Ring und Rock im Park. Eine Aufwärmphase gibt’s auch: Am 17.03.2017 erscheint das Album Blitze aus Gold.

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