Streamingoscars & Altkleiderrente

TVDie Gebrauchtwoche

27. Februar – 5. März

Es gibt vieles, was von den diesjährigen Oscars haften bleibt. Die hinreißende Moderation des TV-Talkers Jimmy Kimmel zum Beispiel, der glaubhaft machte, in Hollywood werde „niemand wegen der Herkunft oder Hautfarbe diskriminiert, nur wegen Alter und Gewicht“. Oder das sensationelle Entertainment des vertauschten Siegerfilms. Fürs TV-Zuschauer allerdings war zumindest langfristig wichtiger, dass mit Manchester By The Sea erstmals ein Streaming-Produkt prämiert wurde.

Gut, Menschen mit Gewissen und Moral wäre es vielleicht lieb gewesen, Kimmel hätte den verantwortlichen Amazon-Boss Jeff Bezos im Publikum für dessen menschenverachtende Firmenpolitik so hart rangenommen wie Mel Gibson, den der Moderator für dessen Scientology-Mitgliedschaft veräppelte. Aber mit Donald Trump hatte die Show schließlich einen weit größeren Menschheitsverächter zwischen den Zähnen.

Einen aus der Liga von Warren Buffet also, der seine Milliarden durch die brutale Durchsetzung eigner Interessen zusammenspekuliert hat und nun der Presse ein baldiges Ende prophezeit, das in den USA allenfalls ausgewählte Zeitungen wie New York Times und Washington Post überleben würden. Es ist eine – fraglos mit Rendite-Zielen des Starinvestors verbundene – Prognose, die unmittelbar mit einer Studie der Uni Bielefeld unter Journalisten zusammenhängt. Sie besagt, dass mehr als zwei Drittel davon verstärkten Hass auf ihren Berufsstand spüren, der bei 42 Prozent verbale Attacken nach sich zieht, die bisweilen sogar physisch enden.

Wenn man die irgendwem wünschen würde, der einfach nur seine Arbeit macht, dann höchstens den Machern des schlechtesten Tatort aller Zeiten vom vorvorigen Sonntag (Babbeldasch). Wobei das Erstaunlichste am improvisierten Mundartfall aus Ludwigshafen nicht war, dass nach 15 Minuten viele abgeschaltet, sondern gut sechs Millionen weitergeschaut haben. Das sind aber immer einige Hunderttausend weniger als beim DFB-Pokalspiel des FC Bayern gegen Schalke, dessen völlig irrelevante Übertragung nur damit zu erklären ist, dass die ARD ihrem Lieblingsverein erneut so tief dorthin gekrochen ist, wo es nur wahre Fans aushalten. Ein fachliches, vor allem aber journalistisches Armutszeugnis, wie es sich die Presse in Zeiten der populistisch verabreichten Vorsilbe „Lüge“ eigentlich besser verkneifen sollte.

0-FrischwocheDie Frischwoche

6. – 12. März

Und ein Grund, warum die Primetime so mit Sport verstopft ist, dass Dokumentationen fast nur noch zur Nacht laufen. Akte D zum Beispiel, für das es heute mal wieder eine Anstoßzeit kurz vor Mitternacht gibt. Das ist auch so ärgerlich, weil sich Die Rentenlüge zum Auftakt der neuen Staffel nicht nur einem ungemein wichtigen Thema widmet, sondern das auch noch (trotz ein wenig dramatisierenden Ballasts) überaus verständlich. Angefangen bei der Caritas, wo Rentner nach Obdachlosen und Flüchtlingen mittlerweile am häufigsten mit Altkleidern versorgt werden, macht die Reihe sehr plastisch, wie die Altersvorsorge von der ersten Reform 1957 bis zur heutigen Privatvorsorge zu scheitern droht. Sehr sehenswert. Leider viel zu spät.

Na, wenigstens das ZDF bietet dem Sachfilmgenre ab und zu mal die Primetime. Am Dienstag etwa Florian Hubers Porträt Mensch Gerhard Schröder, das dem Altkanzler näher kommt, als ihm selbst womöglich bewusst war. Nicht ganz so attraktiv ist hingegen die Sendezeit vom Showpiloten Kroymann, in dem die Kabarettistin Donnerstag (23.30 Uhr, WDR) konsequent Frauen ins Zentrum ihrer Gesellschaftskritik stellt, ohne in verbiesterten Feminismus abzudriften. Ebenfalls humorvoll ruft Arte zwei Tage später zum 60. EU-Geburtstag von 20.15 Uhr bis Mitternacht Ach, Europa!, was Annette Frier als eine der Moderatorinnen dieses Zehnteilers (Fortsetzung am Mittwoch drauf) sehr leichtfüßig gestaltet.

Ähnlich heiter geht es im 3sat-Porträt der exzentrischen Modemacherin Vivienne Westwood (Samstag, 20.15 Uhr) oder bei der Verleihung des Deutschen Kleinkunstpreises 24 Stunden später an gleicher Stelle zu. Ganz im Gegensatz zum heutigen neuen Fall von Heino Ferch auf den Spuren des Bösen, wo es seit jeher sehr düster und durchaus spannend zugeht. All dies trifft zwar nicht auf die Wiederholungen der Woche zu. Dafür sind sie umso zauberhafter. Am Samstag (20.15 Uhr, Disney) etwa ein Trickfilm, der 1970 noch von Hand gezeichnet und dennoch (oder darum) zum Klassiker wurde: Aristocats.

Viel jünger, kaum vergleichbar und doch wundervoll ist die deutsche Komödie Drei Zimmer/Küche/Bad (Mittwoch, 23.45 Uhr, HR) in der vor fünf Jahren wie selten zuvor die Befindlichkeiten der Generation Praktikum von heute skizziert wurde. Und die Tatort-Retorte der Woche: Pauline, in der es Charlotte Lindholm 2006 mal wieder mit einem toten Kind zu tun kriegte, aber eben auch mit Schauspielerin wie Martin Wuttke und Wotan Wilke Möhring, was den Fall (Dienstag, 20.15 Uhr, BR) sehr sehenswert macht.

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