Magnetic Fields, Cleo T., Tokio Hotel

Magnetic Fields

Wer heutzutage 50 wird, verkriecht sich schon lange nicht geschockt mehr unterm nächstbesten Stein, um den Scheideweg ins Greisenalter möglichst unbeobachtet zu überstehen. Weil sich die Selbstoptimierungsgesellschaft mittlerweile zügig darauf zubewegt, dass nicht mehr 40, sondern 60 die neue 30 ist, kann man mit 49 schließlich ganz entspannt zurück blicken auf die erste Lebenshälfte. Wie entspannt Stephin Merritt genau dies zum maximal runden Geburtstag tut, ist dennoch besonders beeindruckend. Nicht nur, aber schon auch wegen der extremem Zahl an Geschenken, die er sich selber macht.

Mit seiner Band The Magnetic Fields gönnt er sich zum 50. nämlich ein 50 Song Memoir, auf dem der amerikanische Songwriter für jedes Jahr auf Erden ein Lied parat hat. Und jeder, wirklich jeder einzelne davon klingt so elegant, vielschichtig, teilweise humorvoll verschroben nach der Mitte des Lebens, dass es überhaupt nicht auffällt, wie wenig die einzelnen Tracks mit ihrer jeweiligen Jahreszahl zu tun haben. Was vor allem daran liegt, dass Merritts lässiger Popbarition gern wie eine Kreuzung aus Sisters of Mercy und Adam Green begleitet von Chili Gonzales klingt, also ein bisschen seltsam, aber schlichtweg fantastisch, gepaart diesmal mit exakt doppelt so vielen Instrumenten, wie der Bostoner reich an Jahren ist. Happy Birthday!

Magnetic Fields – 50 Song Memoir (None Such/Warner)

Cleo T.

Kaum halb so alt und in seiner orchestralen Coolness ähnlich grandios ist Cleo T. aus Paris. Dummerweise wurde der schillernd schöne Elektropop ihres Debütalbums vor drei Jahren selbst in ihrer französischen Heimat nur am Rande wahrgenommen. Jetzt, umgezogen nach – gähn! – Berlin, legt sie den Nachfolger And Then I Saw A Million Skies Ahead nach und es wäre wünschenswert, wenn das Album nun ein bisschen mehr beachtet würde. Und zwar explizit nicht, weil ihm die Klammer Weltmusik verpasst wird. Sondern weil diese Klammer so egal ist.

Gemeinsam mit Musikern aus elf Ländern von Palästina bis Indien nämlich steht das Weltläufige nicht für Folklore; es geht eher um die Weite des inneren Horizonts, den Cleo T. abreist. Umschmeichelt von ihrem leicht kratzigen, aber sehr geschmeidigen Chanson-Gesang wirken Tango-Gitarren nicht spanisch und Arabesken nicht orientalisch. Die Sprache des Sounds gleicht vielmehr einer Art analogem Sampling, das zu vielfach psychedelischem Bigband-Kammerpop im Caféhaus-Ambiente führt. Man kommt kaum los davon.

Cleo T. – And Then I Saw A Million Skies Ahead (RAR)

Hype der Woche

Tokio Hotel

Es gibt schlimmere Orte als den Hintergrund. Es ist ruhiger als davor, man kann sich freier entfalten, unbeeinflusst vom Druck der Bühnenkante, unbeeindruckt von den Erwartungen darunter. Gustav und Georg könnten davon ein Lied singen, obwohl nicht vollends gewiss ist, ob Gustav und Georg reden können. Überhaupt bitte sehr sind Gustav und Georg? Tja.

Im gereiften Boygroupwonder Tokio Hotel liefern Gustav Schäfer und Georg Listing bereits seit 2001 den rhythmischen Background der vordergründigen Zwillinge Tom & Bill Kaulitz. Während letztere zeigen, wie sehr ein identischer Genpool optisch ausdifferenziert werden kann, gleichen sich letztere auch ohne Verwandtschaftsgrad wie ein Ei dem anderen. Kein Wunder: Mehr Konturen als handelsübliche Hühnerprodukte dürfen Gustav und Georg im Schatten von Tom und Bill auch jetzt nicht haben, wo Tokio Hotel ihr fünftes Studioalbum Dream Machine veröffentlichen.

Schließlich ist es seit dem ersten vor zwölf Jahren das Prinzip des international erfolgreichsten Pop-Acts deutscher Sprache: Bill liefert Stimme und Optik, Tom liefert Gitarre und Optik, während Georg und Gustav auch dabei sind, aus Marketingsicht aber weitestgehend egal. Wie so vieles an Tokio Hotel, das über die Oberfläche hinausreicht. Ihr Plattendebüt Schrei war 2005 nicht nur einer nach musikalischer Aufmerksamkeit, der den angemieteten Kompositionsprofis gar nicht mal so schlecht gelungen ist. Noch mehr war es einer nach phänomenologischer Aufmerksamkeit, der hierzulande in dieser Radikalität zwischen Milli Vanilli und Helene Fischer niemals lauter erklang.

Vier Jahre nach der Zeitenwende von 9/11, Überlebende erinnern sich, hatte das Phänomen Boygroup seinen Zenit grad überschritten. Take That waren getrennt, die Back Street Boys nicht global Nr. 1, fünf auf verschieden gestylte Typen im Gleichschritt stereotypen Plastikpops also nicht mehr per se rentabel. Und als Krachmacher von The Strokes bis Arctic Monkeys dem visuellen Britpop lässigen Garagenrock ohne viel Layout vor den Latz knallten, tat sich für vier Schüler aus Magdeburg zwischen Jungs- und Mädchensound eine Lücke auf.

Sie füllten sie inhaltlich durchaus eigensinnig, instrumentell teilweise gekonnt. Man tut ihnen aber sicherlich kein Unrecht, wenn man den Erfolg der Band vor allem mit der modischen und erotischen Aura ihres Sängers Bill Kaulitz erklärt. Während das pubertierende Publikum mit Selbstsuche, Körper- und Identitätsfragen beschäftigt war, zeigte Bill, was alles möglich ist: Manga, Gothic, Geschlechterspiel bei sexueller Unentschlossenheit. Und dann gab’s da auch noch den Zwilling, der zu ganz anderen Antworten kam. Der sorgfältig verwahrloste Dreadlock-Rebell Tom war auf feminine Art kernig, die flamboyante Schaufensterpuppe Bill auf kernige Art feminin. Die androgyne Gefahreninszenierung, die Ausbeutung der juvenilen Erotik der Kaulitz-Zwillinge, war grundsätzlich kein neues Ertragskonzept, dafür aber umso erfolgreicher.

Unter der Ägide des Produzenten Peter Hoffmann präsentierte sich besonders Bill als metrosexuelle Verführungschiffre aller Geschlechter. Dieses Crossgendermainstreaming war erfrischend, entlarvend, also nötig. Im Hinblick auf die psychosoziale Verfassung des Zwillingspaares, das sich mittlerweile nach Los Angeles abgesetzt hat, erscheint es doch etwas bedenklich: Sind Menschen im Realschulalter im Popgeschäft selbst handelnde Subjekte oder bloß gehandelte Objekte ihres Erfolgs? So lobenswert die Auflösung tradierter Geschlechtercodes im Rückblick auch ist – Tokio Hotel wurden dadurch gleichermaßen zu Opfern und Tätern eines Systems, dem die einzelnen Teile gleichgültig sind, solange der Rubel rollt.

Anders als eine Lady Gaga, der es in dieser Sadomaso-Falle des Pop zumindest materiell prächtig geht, fragt sich hier allerdings, wer dafür bei Heranwachsenden Verantwortung trägt: vorzeitig gereifte Teenager mit eigenem Kopf, die moderne Erziehung ihres musikaffinen Vaters, ein geschäftstüchtiges Management? Wie auch immer – das Konzept ging, es geht auf. Gut sieben Millionen Tonträger, Superstarstatus auch westlich des Rheins, Massenhysterie bis Japan, mit Platz 35 einst höchste Charts-Platzierung deutscher Musik in den USA, Stadionkonzerte auf jedem Kontinent und das Ganze dem Vernehmen nach ohne Überlastungsexzesse von Drogen bis Größenwahn, dafür mit nachgeholtem Fernschulabschluss und Komplett-Relaunch des Sängers auf maskulin nach sechsjähriger Plattenpause. Endlich auch mit der passenden Musik zur voranschreitenden Künstlichkeit.

Der aalglatte Synthiepop war 2014 gewissermaßen die finale Antithese zur ursprünglichen Unschuldsvermutung, da machen vier Schulfreunde doch eigentlich nur gemeinsam Musik und sind damit eher zufällig erfolgreich. Schon Humanoid klang vollumfänglich artifiziell, was von Dream Machine so auf die Spitze getrieben wird, dass sich ein inhaltlicher Umgang damit verbietet. Die Videoauskopplung Something New zum Beispiel ist so blutleer und öde, als dimmte man bei Lady Gaga und Robbie Williams Bass und Hochtöner weg.

Zu sehen ist Bill Kaulitz im Wüstensand. Halbkörpertätowiert, dreiviertelfacegepierct, eher aufdringlich hetero als unterschwellig schwul, optisch gewohnt sehenswert drapiert, aber per Vocoder um jede Substanz gebracht. Mit dieser bulimischen Soundreduktion schaffen es Tokio Hotel, musikalisch egaler zu werden als je zuvor. Da es aber wie üblich global erfolgreich sein dürfte, erscheint im Angesicht des aseptischen Rechnersounds nur eines noch viel egaler: Gustav und Georg. Von Bass oder Schlagzeug ist in keinem der zehn Tracks, die klingen wie ein einziger, etwas zu hören. Selbst der Hintergrund furchtbar.

Der Text ist vorab mit (unterhaltsamen) Kommentaren auf ZEIT-Online erschienen
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