Jugendfußball: Gewalt am Spielfeldrand

fusball-viola3Die Famooligans

Seit Fußball selbst für Kinder nicht mehr als Freizeitbeschäftigung, sondern gezielter Schritt auf dem Wege zum Ruhm betrachtet wird, hält das Leistungsdenken schon in der F-Jugend Einzug. Davon zeugt ein übertriebener Ehrgeiz am Spielfeldrand, der mancherorts zu offener Gewalt von Trainern, aber auch Eltern führt. Eine Reise über die Bolzplätze der Republik, an denen der Tonfall frühzeitig rauer wird – sofern besonnene Kräfte wie beim SC Sternschanze in der FairPlayLiga nicht dagegenhalten.

Von Jan Freitag

Ein lauer Herbstabend im Herzen Hamburgs: Vom Park nebenan weht Vogelgezwitscher über den Kunstrasen. Das Heimteam aus dem schwer angesagten Schanzenviertel führt gegen starke Gegner aus einer weit weniger begehrten Wohngegend, wo Plattenbau eng an Reihenhaus grenzt. Die Achtjährigen der F-Jugend laufen bis zum Umfallen, das tun sie immer. Ihre Fans sind entsprechend stolz, es ist Amateurfußball wie er sein soll: innbrünstig, spaßorientiert, selbstgenügsam. Ergebnis? Egal! Eigentlich.

Bis die Stimmung kippt.

Es beginnt mit einer Grätsche der Gäste. Von hinten auf die Knochen. Und der Schiri? Bleibt stumm. Kein Wunder: Es gibt keinen. Schließlich kickt hier eine Altersklasse, die ohne Ordnungsinstanz funktionieren will, soll, könnte – stünden nicht aufgebrachte Trainer wie der des Gästeteams am Seitenaus. Im Kasernenhofton befiehlt er seiner zurückliegenden Mannschaft, Gas zu geben. „Nachsetzen! Aufstehen! Rauf daaaa!“ – so dröhnt es seit Minuten. Resultat: Der Gefoulte liegt am Boden und heult. Der Foulende spielt weiter und trifft. Der Trainer brüllt vor Freude und zur Unterstreichung des Regelbruchs „geht doch!“ hinterher.

Dieser Sound ist in der Altersklasse abnorm und doch gewöhnlich. Achtjährige denken noch olympisch. Punkte werden nicht gezählt, Tore nach Abpfiff bald vergessen. Im Zentrum steht der Spaß am Sport, weshalb Betreuer zur Mäßigung am Spielfeldrand aufgerufen sind, zu dem Eltern 15 Meter Abstand halten, gern mehr. Das Prinzip heißt FairPlayLiga. Seit 2007 lässt es kindliche Fußballseelen von erwachsenem Eifer ungerührt zur Entfaltung kommen, indem man sie einfach spielen lässt. Theoretisch. Praktisch scheitert es auch diesen Abend am Faktor Mensch.

Extreme Gefühlswallungen sind von den Profis über die Kreisklasse bis zur Pampersliga gewandert, seit viele Eltern hinter jedem Hackentrick ihres Jungen den Weltmeister 2026 wittern. In England, wo das Phänomen maximal invasiver Eltern als pushy parents bekannt ist, wurden in 15 Monaten vor der WM 2014 von Pöbelei bis Krankenhausreife 3731 Unsportlichkeiten registriert. Hierzulande, beteuert DFB-Sprecher Thomas Hackbarth, lägen körperliche Auseinandersetzungen verglichen mit der Masse an Jugendspielen zwar noch „im Promillebereich“. Die aber haben es bisweilen in sich. Anfang 2016 etwa prügelten sich bei einem Juniorenturnier im Süden Hamburgs 20 Eltern auf dem Parkett, bis die Polizei mit sechs Wagen anrückte. Eine Art Eskalation, die in Holzmaden bei Stuttgart mal zu Schwerverletzten geführt hatte.

Und als ein Spielleiter kürzlich im Tagesspiegel anonym die hitzige Atmosphäre jenseits des Platzes beklagte, ergänzte der Berliner Verbandsvize Gerd Liesegang Beispiele ehrgeiziger Verwandtschaft, die von Halbwüchsigen Nachtritte fordert, Trainern Prügel androht oder das eigen Fleisch und Blut als „Scheißkackmongo“ beschimpft. Zuletzt sorgte ein Kinderturnier in Kaiserslautern für Schlagzeilen, auf dem acht Mütter zehnjähriger Jungs so wild aufeinander eindroschen, dass die Staatsanwaltschaft wegen Körperverletzung ermittelt. Der Fall hatte zwar offenbar auch mit Trennungsstreitigkeiten zweier Beteiligter zu tun; für Ralf Klohr symbolisiert er dennoch „die sinkende Reizschwelle der ganzen Gesellschaft“.

Bereits zehn Jahre zuvor war sie aus Sicht des hingebungsvollen Jugendtrainers so tief gesunken, dass er sich zum Handeln genötigt sah. Nachdem gewalttätige Eltern zum Abbruch eines Juniorenspiels in seiner pfälzischen Heimat geführt hatten, sah er nur zwei Möglichkeiten: „Ich hör auf oder ändre was.“ Klohr, der vom Bolzplatz über den Jugendwart bis zum Kreisverband die Basis des Nationalsports durchlaufen hat, entschied sich für letzteres und erfand die FairPlayLiga. Nach einem Testlauf im Raum Aachen setzte sich das minimal invasive Konzept bundesweit im Kinderfußball durch – mancherorts gar über die F-Jugend hinaus.

Nach dem Anpfiff, lauten die drei Regeln, beschränken sich Trainer aufs Nötigste, Eltern aufs Loben, Kinder aufs Kicken. Punkt. Dafür hagelt es von Clubs über Eltern bis Funktionären Lob. Der DFB fördert die FPL nach Kräften. Doch um Karriereträume ruhmsüchtiger Väter – und zunehmend auch Mütter – nachhaltig zu regulieren, mahnt der Erfinder landestypisch weich, aber inhaltlich hart, braucht es mehr als einen Verhaltenskodex. Kommunikation vor allem. „Und gute Trainer.“ Besser noch: Trainerinnen. Denn die, weiß Klohr aus 56 Jahren Lebenserfahrung, „sehen Fußball als Spaß-, nicht Kampfsportart“.

Das kann Viola von Düsterlho nur bestätigen. Neben ihrem Vollzeitjob bei einer Versicherung, betreut sie die F-Jugend des SC Sternschanze, seit deren Kinder noch aus der Kita zum Training kamen. 15 Stunden pro Woche. Mindestens. Ehrenamtlich. Die lizensierte Trainerin darf sich also unentgeltlich mit Kollegen wie dem des Freundschaftsspiels herumärgern. Während sie höchstens den Namen anstehender Auswechslungen aufs Feld ruft, richten sich Attacken der Gegenseite inklusive Eltern „oft sogar gegen unsere Kinder und ihren Verein“. Bestürzt erinnert sich die Betreuerin an „Scheiß-Sternschanze-Rufe“ von außen, während die Angefeindeten wie der achtjährige Johnny schon mal heulend vom Platz gehen, „weil der Trainer von den anderen gesagt hat, die sollen uns umtreten“.

Angesichts solcher Entgleisungen habe die Trainerin in der Halbzeit bereits angeboten, ein Spiel abzubrechen. Die Lust, zu kicken, sei jedoch stets größer gewesen als die Furcht vor Aggressivität. Noch. Denn mit dem Spielniveau wachse auch der Leistungsdruck, mahnt die Trainerin und fügt hinzu: „Fußball ist keine Pflicht, sondern Hobby.“ Das aber ist bedroht, wenn „immer Väter und Trainer von ein bis zwei Vereinen cholerisch Kinder anbrüllen“, wie es eine Mutter bei Turnieren ihres Sohnes erlebt. Trainerin Viola nennt die Eltern ihres Teams diesbezüglich zwar „vorbildlich“; aber selbst Barans Papa, meint Mama Özden, sei bei Spielen so hitzig, „dass der Junge ihn nicht mehr dabei haben will, wenn er das nicht lässt“. Fußball ist halt aufwühlend oder um es mit einer alten Trainerweisheit zu sagen: keine Sache von Leben und Tod, sondern viel ernster.

Was offenbar auch für andere Sportarten gilt. Im körperbetonten Eishockey etwa werden Eltern wie unlängst bei einem Juniorenspiel im bayrischen Dingolfing schon mal massiv handgreiflich. Und weil selbst die noblere Feldversion jenseits der Bande verbale Entgleisungen kennt, wird die laufende Hallensaison der Hamburger C-Junioren erstmals ohne Punkte und Meister ausgespielt. „Das trägt deutlich zur Entspannung bei“, lobt Klaus Korn vom zuständigen Ortsverband. Leistungsdruck und Trainingsumfang, Spezialisierung und Athletik, Relevanz und Wertigkeit  – all dies nehme schließlich nicht nur im Fußball zu und sorge für aggressionsfördernde Erwartungshaltungen.

Die Sporthochschule Köln bot ihrem Studenten Robert Freis daher schon vor 20 Jahren an, seine Diplomarbeit zum Verhalten von Trainern und Eltern im Tennis und Eislauf zu schreiben, wo Ehrgeiz von außen gleichfalls großen Druck ausübt. Doch als Jugendtrainer beim örtlichen FC forschte der Münchner lieber am Rande seiner großen Liebe. Dort fand er sieben Trainer- und Elterntypen vor. Von „ruhig“ und „lobend“ über „unkritisch“ oder „impulsiv“ bis „besserwisserisch“, gar „aggressiv“. Freis‘ Fazit: Während Grundschüler just for fun spielen und Pleiten zügig verdrängen, „sind Erwachsene oft leistungsorientiert“. Also zu laut, zu fordernd, zu invasiv. Eine Spirale der Emotionen. Kinder und Jugendliche würden den Sound der Eltern und Trainer ja oft eins zu eins übernehmen.

Dabei sei der Tonlage insgesamt gar nicht unbedingt rauer geworden. Weil die postheroische Gesellschaft auch dem Männersport Fußball viel vom Proleten-Image früherer Tage genommen habe, geht es aus Sicht des Mittvierzigers „oft sogar entspannter zu“ als in seiner eigenen Jugend. Falls vom Gegenteil die Rede ist, liege das auch an der wachsenden Transparenz. Bei Zigtausend Spielen, die 98.066 Kinder- und Jugendteams Woche für Woche austragen, sind soziale Medien stets auf Sendung. Von Exzessen wie in Wilhelmsburg oder Kaiserslautern hätte noch vor zehn Jahren allenfalls die Lokalpresse Wind gekriegt. Dank Smartphone und Facebook geht jede Abweichung der Norm in Echtzeit durchs halbe Land. Trotzdem, meint Freis, schraube „langfristiges Erfolgsdenken vieler Eltern und Trainer die Erwartungshaltung höher“. Auch, und das ist dann doch neu, bei den Kleinsten.

Ein DFB-Lehrbuch erklärte „ergebnisorientierte Kinder- und Jugendarbeit“ bereits vor dem Sommermärchen zur „Ursache vieler Fehlentwicklungen“. Anders gesagt: Wer schon bei Bambinis Siegeswillen sät, erntet bei Teenys rasch Verbissenheit. Und die vergiftet das Klima auf dem Platz ebenso wie daneben. Um es wieder zu entgiften, fahren zum Beispiel 30 DFB-Mobile durchs Land, mit denen der weltgrößte Sportbund Juniorenabteilungen schult. „Dank dieser Einstiegsdroge“, lobt Michael Monath vom Südwestdeutschen Fußballverband, hätten 800 Freizeitbetreuer seiner Region am „Jahr des Kindertrainers 2015“ teilgenommen. Jeder Fünfte erwarb die entsprechende Lizenz. Wichtiger Teil der Ausbildung: Kindern Freiraum lassen. Eltern zur Raison bringen. Und sich selbst auch.

Weil das unweit der Reeperbahn so gut gelingt, schicken viele Familien ihre Kids lieber zum kleinen SC Sternschanze als zum großen FC St. Pauli, selbst wenn der Anfahrtsweg dadurch länger wird. Bei letzterem wird schließlich von Beginn an für die Bundesliga gesiebt. Viola von Düsterloh dagegen sortiert vornehmlich nach Sympathie. „Mir ist lieber, dass Freunde zusammenbleiben als ständig gewinnen“. Das kommt dann schon von allein.

Der Text ist vorab im ZEIT-Spezial Schule & Erziehung erschienen
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